Die „Teutonia“ zwischen 1933 und 1945

Nach ihrer Gleichschaltung und Neuausrichtung nahm die „Teutonia“ mit ihrer repräsentativen Unterkunft zunächst einen zentralen Platz im Leben der deutschen Kolonie am Bosporus ein. Auch wenn seine Unterkunft keinesfalls als „Haus der offenen Tür“ für jedermann konzipiert war, sollte der Verein vorwiegend „deutsch“ sein und dementsprechend sämtliche deutschsprachigen Gruppen unter seinem Dach zusammenführen. Der NS-orientierte Direktor der Deutschen Schule, Scheuermann, brachte die seit 1933 im Mittelpunkt stehenden Aufgaben auf folgenden NS-gläubig-jubelnden Nenner: „Das Wichtigste aber ist, dass seither das Teutonia-Haus weit über den Rahmen der Gesellschaft hinaus wirklich zum Haus der deutschen Kolonie geworden ist, in dem diese und alle ihre Untergliederungen ihre Zusammenkünfte jeder Art abhalten, vor allem die großen nationalen Feiern des Jahres und die jubelnden Kundgebungen über die gewaltigen Erfolge, mit denen unser Führer das deutsche Volk aus tiefem Verfall zu so strahlender Höhe emporgeführt hat. In der Teutonia hören wir die Reden des Führers, die wie Marksteine am Weg dieses Wiederaufstiegs stehen, in ihrem großen Saal kommt winters einmal im Monat die ganze deutsche Kolonie - Alt und Jung - zum Eintopfessen zusammen, und im laufenden Jahr sahen ihre Räume zum ersten Mal auch die jungen berufstätigen Deutschen unserer Stadt versammelt zur Teilnahme am Reichsberufswettkampf.“[1]

Zur Erfüllung seiner zahlreichen Aufgaben musste das sozusagen als deutsches „Hauptquartier“ in Istanbul fungierende Haus entsprechend ausgestattet sein. Es gab eine umfangreiche Bibliothek und Schallplatten mit zum Audiogenuss notwendigen Abspielgeräten. Am 25. Oktober 1938 wurde schließlich eine neue, moderne Filmanlage betriebsfertig, die als besonders geeignet empfunden wurde, wirkungsvoll NS-Propaganda zu verbreiten - vor allem auch mit Blick auf die Schüler der deutschen Schule. Diese nutzte die „Teutonia“ das ganze Jahr über für kulturelle ihre größeren Veranstaltungen, die zudem auch der NSDAP-Ortsgruppe für Kameradschaftsabende zur Verfügung stand.[2]

Die zunächst ganz auf diesen Standort ausgerichteten politischen NS-Veranstaltungen mussten dann jedoch aus Rücksicht auf die deutsch-türkischen Beziehungen und die türkische Gesetzgebung, die politische Organisationen und Veranstaltungen von Minderheiten nicht gestattete, auf das Konsulats- und Botschaftsgelände verlegt werden.[3] Einer der Gründe war der Bericht er türkischen Zeitung „Ikdam“, in dem es hieß: „Während die Teutonia vorher ausschließlich den Charakter eines Wohltätigkeitsvereins aufwies, wurde sie nun zu einem politischen Klub und zum Zentrum der Nationalsozialisten in Istanbul. Der Vereinspräsident ist heute die bedeutendste Persönlichkeit nach dem deutschen Botschafter. Sogar der Konsul hat seinen Befehlen zu gehorchen. Den arbeitslosen Deutschen wird im Klub Geld und Arbeit verschafft. Die Kinder der in der Türkei ansässigen Deutschen versammeln sich unter dem Namen ‚Hitlerjugend‘ in der ‚Teutonia‘. Eines steht fest: die ‚Teutonia‘ wie auch die Casa d’Italia betreiben eine eifrige Tätigkeit als Zentren der nationalsozialistischen und faschistischen Organisationen.“[4] Die NS-Feiern fanden angesichts solch massiver öffentlicher Kritik seitdem vor allem im Generalkonsulat - wo nun auch NS-affine Filme gezeigt wurden - oder im Botschaftsgarten statt.

Trotz solcher Einschränkungen kam der „Teutonia“ für das deutschsprachige Leben in Istanbul und damit auch für eine massive Beeinflussung im Sinne der NS-Ideologie weiterhin eine herausragende Bedeutung zu. Als etwa im Laufe des Krieges die abendlichen Tanzveranstaltungen im Saal der „Teutonia“ eingestellt wurden, kamen stattdessen „Reichsredner“ der NSDAP mit einem umfangreichen NS-Programm ins Haus.[5] - Das erinnerte stark an die oben bereits geschilderte Situation während des Ersten Weltkriegs.

Fußnoten

[1] Zitiert nach Radt, Geschichte, S. 67

[2] Vgl. Radt, Geschichte, S. 74 und 77. Zum Nachlass von Gert Otto zählten auch einige (wenige) Filme aus der NS-Zeit, sogenannte „Vorbehaltsfilme“, deren öffentliche Aufführung bis heute verboten ist. Diese Materialien wurden von Eike Otto der NS-Dokumentation auf der ehemaligen NS-Ordensburg Vogelsang übergeben.

[3] Vgl. Dietrich, Deutschsein, S. 205

[4] Zitiert nach Dietrich, Deutschsein, S. 362

[5] Vgl. Dietrich, Deutschsein, S.365