Gleichschaltung und „Nazionalisierung“ 1933

Auch in Istanbul machte sich nach der Machtübernahme der NSDAP in Deutschland alsbald das Wirken der Auslandsorganisation der Partei (NSDAP-AO) bemerkbar. Auch hier betrieb sie nun ihre „Kulturarbeit“ in Form von Vortrags- und Musikabenden, die insbesondere dem Ziel diente, die Reichsdeutschen im Ausland für die Ziele des NS-Regimes zu vereinnahmen und entsprechend zu schulen. Auch in Istanbul wurden daher innerhalb kürzester Zeit NSDAP-Unterorganisationen eingerichtet, so dass vom NS-Lehrerbund über die verschiedenen Gruppen der Hitlerjugend bis zur NS-Frauenschaft schnell sämtliche im Deutschen Reich relevanten Untergliederungen und angeschlossenen Verbände der NSDAP auch am Bosporus präsent waren. Am 31. Mai 1934 wurde den „deutschen Missionen und Berufskonsulaten im Ausland“ vom Auswärtigen Amt dann per Rundschreiben mitgeteilt, dass „die Betreuung der reichsdeutschen Vereine im Ausland (...) in Zukunft die Aufgabe des neugegründeten ‚Verbandes reichsdeutscher Vereine im Ausland‘ e.V.“ sei, der wiederum der NSDAP-AO unterstand.[1]

Bis dahin hatte sich der Großteil der deutschen Gemeinschaft in Istanbul wohl längst mit den neuen Gegebenheiten arrangiert und sich ihnen zumeist freudig angepasst oder gar angeschlossen. Anne Dietrich kommt in ihrer umfassenden Untersuchung zu dem Ergebnis, dass sich die NS-Ideen auch am Bosporus, wo man bestens über die Geschehnisse im Deutschen Reich informiert war, schnell aufgenommen und in das Alltagsleben integriert worden seien: „Es ist nicht zu übersehen, wie gern sich viele Auslandsdeutsche auf das neue System einließen und wie bei einem Großteil der Community-Angehörigen Anpassung stattfand, obwohl Abgrenzung leicht war. Die Entstehung eines ganz alltäglichen, unspektakulären Nazismus ist es, die im Nachhinein verwundert und Fragen nach individuellem Selbstverständnis aufwirft. Die Geschichte des Nazismus in Istanbul zeigt, wie wenig nötig war, um Menschen zu vereinnahmen und für Unmenschliches blind zu machen.“ Der Widerstand gegen die Übernahme von Führungspositionen durch NS-Protagonisten sei innerhalb der deutschen Kolonie entsprechend gering gewesen. Erst durch die Ankunft und Etablierung von deutschen Emigranten, die in der Türkei Schutz und Asyl suchten, sei eine - wenn auch öffentlich kaum in Erscheinung tretende - Opposition gegen das NS-Regime entstanden.[2]

Folgen wir diesem Prozess im Einzelnen:[3] Bei der ersten „deutschen Flaggenfeier“ im Generalkonsulat Istanbul[4] am 17. März 1933, bei der neben der offiziellen deutschen Fahne erstmals auch „das neue Wahrzeichen des Kampfes und des Sieges: die Hakenkreuzflagge“ gehisst wurde, hatten die „alten Kämpfer“ der NSDAP ihren ersten großen öffentlichen Auftritt in Istanbul. Sie waren gemeinsam mit angesehenen Persönlichkeiten und bisherigen Wortführern der deutschen Kolonie von Generalkonsul Marckwald persönlich eingeladen und damit zugleich öffentlich sichtbar „gesellschaftsfähig“ geworden. Und natürlich gedachte man die neu errungene Position zu festigen und auszubauen. So forderte die Gruppe der Nationalsozialisten auch in Istanbul deutlich vernehmbar ihre zukünftige Führungsrolle ein, was die meisten Mitglieder der deutschen Gemeinschaft zunächst auch recht klaglos hinnahmen: Bei der Veranstaltung in den Räumen der „Alemania“, einem anderen, nationalistischer orientierten deutschen Verein in Istanbul, wurde zum ersten Mal am Bosporus von einer größeren deutschsprachigen Gruppe mit zum „Hitlergruß“ erhobener Hand das „Horst-Wessel-Lied“ gesungen.

Natürlich waren nicht sofort alle „auf Linie“, sondern ganz im Gegenteil war die deutschsprachige Gemeinschaft noch nie seit ihren Anfängen so gespalten und zersplittert gewesen wie in den Monaten nach der NS-Machtübernahme.[5] Zugleich aber erschienen in schneller Folge immer neue schriftliche Aufrufe und wurden zahlreiche öffentliche Reden und Predigten gehalten, in denen die Forderung nach einem Zusammenschluss aller Deutschen zum Ausdruck gebracht wurde. Hierbei wurde „Deutschsein“ nun jedoch anders definiert als das bislang üblich gewesen war: Die „Nation“ war nach wie vor wichtig, doch trat immer stärker die „Volksgemeinschaft“ in den Vordergrund allen Denkens und Handelns, in der „Abstammung“ und somit die Zugehörigkeit zur „deutschen Rasse“ zum ausschlaggebenden Faktor wurde.

Zum Sprachrohr der neuen Machthaber entwickelte sich alsbald die „Türkische Post“[6] in Person ihres Leiters Schmidt-Dumont.[7] So hieß es in der Ausgabe vom 18. April 1933, das „große Ziel“ bleibe: „Deutschland! Und das ist das eine neue Moment, das für uns Auslandsdeutsche die Bewegung in der Heimat heute birgt, die Hoffnung auf eine baldige Erfüllung aller der Wünsche, die ‚deutsche‘ sind.“ Die Zeitung wurde schnell zur Parteizeitung der Istanbuler NSDAP. Sie veröffentlichte Hitlerportraits, stellte die politischen Programme der Partei vor und gab Berichten über Aktivitäten der NSDAP-Ortsgruppe und ihrer Gliederungen in Istanbul viel Raum. Und mit all dem erreichte sie die Mehrzahl der Deutschen in der Stadt.

Festzuhalten bleibt, dass alle dort ansässigen deutschen Institutionen als Folge der NS-Machtübernahme - sozusagen per Gesetz – nationalsozialistisch wurden.[8] Einige von ihnen fanden zwar einen Weg, der ihnen eine gewisse Neutralität bewahrte, aber es gab keine deutsche Institution in Istanbul, die sich zu einem „anti-nationalsozialistischen Bollwerk“ entwickelt hätte. Ganz im Gegenteil fand die politische Orientierung der deutschen Gemeinschaft am Bosporus das ausdrückliche Lob kritischer NS-Beobachter. So äußerte der seitens des Propagandaministeriums in die Türkei entsandte Reichsredners Diewerge in einem Bericht an seinen Auftraggeber tiefe Befriedigung über das, was er in Istanbul vorgefunden hatte. Dabei lobte er insbesondere den Landesgruppenleiter Liebl, der ebenso wie seine Mitarbeiter einen „überdurchschnittlichen Eindruck“ auf ihn gemacht habe. Nach einem vertraulichen Gespräch mit dem „Führungskorps der Reichsdeutschen in der Türkei“ sei er zu dem Ergebnis gelangt, dass die „Durchdringung mit nationalsozialistischer Gesinnung“ in diesem Kreis weit fortgeschritten sei.[9]

Fußnoten

[1] Vgl. Dietrich, Deutschsein, S. 169f.

[2] Dietrich, Deutschsein, S. 175

[3] Vgl. zum Folgenden Dietrich, Deutschsein, S. 184ff.

[4] Das deutsche Generalkonsulat war die Zentrale des offiziellen Deutschland in Istanbul. Vgl. Dietrich, Deutschsein, S. 204

[5] Das lag aber offenbar nicht vorrangig an inhaltlichen Differenzen, sondern hatte seine Ursache in persönlichen Differenzen zwischen Alteingesessenen und Emporkömmlingen aus Reihen der NSDAP. So beschrieb Generalkonsul Marckwald die dadurch entstandene „ bedrohliche Situation “ in Istanbul am 6. Juli 1933 in einem Brief an das Auswärtige Amt Berlin folgendermaßen: „Es herrscht augenblicklich in der hiesigen Kolonie, die früher recht friedlich zusammenlebte, eine höchst unerfreuliche Zerrissenheit, der ich trotz aller Bemühungen bisher nicht Herr werden konnte. Nicht etwa als ob die Kolonie gegen die Entwicklung der Dinge in der Heimat oder gegen die großen Richtlinien des Nationalsozialismus irgendwie eingestellt wäre; gerade das Gegenteil ist der Fall. Sie ist wohl zu 100 % durchaus bereit auch an ihrem Teile mitzuarbeiten an dem nationalen und sozialen Aufbau des Vaterlandes. Der Riss in der Kolonie hat vielmehr seinen Ursprung in der Stellung, die die hiesigen Mitglieder der NSDAP gegen die übrigen Koloniemitglieder einnehmen und die ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis nicht aufkommen lässt.“ (Zitiert nach Dietrich, Deutschsein, S. 197f.)

[6] Neben der „Türkischen Post“ wurden in Istanbul weitere Presseerzeugnisse herausgegeben und stark im NS-Sinne beeinflusst. Allein sechs deutsche Nachrichtendienste waren in der Türkei tätig, die größten davon waren DNB und Transcontinent-Press, die tägliche Bulletins an Istanbuler und Ankaraner Zeitungen versandten. Außerdem wurden faschistisches Propagandamaterial, u.a. Hitler-Reden, und populärwissenschaftliche Zeitschriften verteilt. Vgl. Dietrich, Deutschsein, S. 252

[7] Es ist anzunehmen, dass Leitung und Redaktion von Anfang an Weisungen vom Deutschen Reich – oder genauer: vom Propagandaministerium - bekamen, das auch finanziell an der Zeitung beteiligt war. Schmidt-Dumonts Beziehungen zum RMVP entwickelten sich so gut, dass er 1938 als Oberregierungsrat in das Ministerium eintrat und in das Diplomatenverzeichnis aufgenommen wurde.

[8] Bald wurde auch die organisatorische Betreuung der in Istanbul tätigen deutschen Auslandsvereine von der NSDAP übernommen. Während jene der „Reichsdeutschen“ direkt in den Verantwortungsbereich der NSDAP fiel, blieb die Zuständigkeit für „die kulturelle Betreuung des gesamten Auslandsdeutschtums ohne Rücksicht auf die Staatsangehörigkeit “ zunächst beim „Volksbund für das Deutschtum im Ausland“ (VDA). Vgl. Dietrich, Deutschsein, S. 210f.

[9] Zitiert nach Dietrich, Deutschsein, S. 203f. Angesichts eines solchen Befundes sollte aber nicht vergessen werden, dass die Türkei in Zeiten nationalsozialistischer Judenverfolgung zum wichtigsten Transitland auf dem Weg nach Palästina wurde. Ohnehin wird die Bedeutung der Türkei als Aufnahmeland für Flüchtlinge aus dem nationalsozialistischen Deutschland trotz aller rechtlichen Einreisesperren bislang zumeist unterschätzt. Vgl. hierzu Dietrich, Deutschsein, S. 257. An anderer Stelle werden durchaus Spannungen zwischen deutscher Gemeinschaft und türkischer Regierung konstatiert, die „gerade dabei“ gewesen sei, „etliche Flüchtlinge aus dem Deutschen Reich nach Ankara einzuladen“. „Vor allem jüdische Akademiker, Sozialdemokraten und andere Gegner des NS-Regimes, wurden von der türkischen Regierung eingeladen, sich am Aufbau der Universitäten, Krankenhäuser und Kulturinstitutionen zu beteiligen. (…) So ergab sich die absurde Situation, dass auf dem Gelände der Sommerresidenz der Deutschen Botschaft, einem riesigen Park im Bosporus-Vorort Tarabya, den schon Sultan Abdül Hamid Kaiser Wilhelm vermacht hatte, SA-Gruppen marschierten, während gleichzeitig deutsche Emigranten in Ankara bei der Entwicklung und dem Aufbau verschiedener Institutionen der jungen laizistischen Republik mithalfen. (http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/so-deutsch-ist-istanbul/554008.html)