Ausblick: Nach 1945
Als die Türkei im August 1944 die diplomatischen Beziehungen zu Deutschland abbrach, wurde auch das Vereinsgebäude der „Teutonia“ beschlagnahmt.[1] Erst nach 16 Monaten, am 22. Dezember 1945, konnten die im Sommer 1944 in Anatolien internierten Deutschen nach Istanbul zurückkehren. Zu ihnen gesellten sich Emigrantinnen aus Deutschland – ein Teil von ihnen auf der Flucht wegen ihrer NS-Vergangenheit, ein anderer wegen der Armut und des Hungers im Nachkriegsdeutschland.[2]
Danach dauerte es aber nochmals einige Zeit, bis die „Teutonia“ wieder in deutsche Hände überging. Erst 1951 beendete das türkische Parlament offiziell den Kriegszustand mit Deutschland und gab die beschlagnahmten Gebäude zurück. Den Ruf als „Braunes Haus“ behielt die Vereinsunterkunft sogar bis in die 1980er Jahre hinein. Außerdem gelang es nie mehr, Verein und Heim jene zentrale Bedeutung für die deutsche Gemeinschaft zurückzugeben, die ihnen bis in den Krieg hinein zugekommen war. 1951 fanden sich in Istanbul aber immerhin rund fünfzehn ehemalige Vereinsmitglieder im Park-Hotel zur ersten Mitgliederversammlung der Nachkriegszeit zusammen und beantragten offiziell die Genehmigung zur Wiederaufnahme der Vereinsarbeit und die Rückgabe des Gebäudes.[3]
Es dauerte weitere fünfzehn Monate und bedurfte der persönlichen Fürsprache des deutschen Botschafters, bis das „Teutonia“-Gebäude dann am 12. Januar 1954 endlich von den türkischen Behörden offiziell zurückgegeben wurde. Schon am 27. Februar des Jahres konnte, nachdem die notwendigsten Reparaturen durch einige Mitglieder eigenhändig durchgeführt worden waren, dieses Ereignis im Hause selbst gefeiert werden.[4]
Die in der Nachkriegszeit zunächst nicht sehr zahlreichen Deutschen in Istanbul gingen daraufhin offensichtlich zur Tagesordnung über, wobei sie aber durchaus Interesse am Fortbestand einer deutschsprachigen Infrastruktur zeigten. Zugleich breitete sich ein großes Schweigen über die jüngere Vergangenheit aus, und unliebsame Themen blieben weitgehend unberührt. Die deutschsprachige Community Istanbuls sah sich zunächst selbst vorwiegend als „Opfer“, wobei viele ihrer Angehörigen bemüht waren, den Eindruck zu vermitteln, als sei die alte „Teutonia“ 1933 von außen okkupiert und vom damaligen Leiter der örtlichen NSDAP sozusagen bezwungen worden. Dass man selbst einen erheblichen Anteil an den Ereignissen jener Jahre trug, die man nicht selten mit Begeisterung begleitet hatte, verdrängte man erfolgreich. Das war nicht zuletzt auch darauf zurückzuführen, dass sich trotz der zwischen 1933 und 1945 gemachten Erfahrungen bei vielen der am Borporus angesiedelten Deutschen nur wenig an ihrer nationalen Orientierung geändert hatte. Ehemalige Nationalsozialisten und Emigranten gestalteten in einer eigenartig anmutenden Allianz das wieder aufgenommene Leben in der „Teutonia“. Pfarrer Haeberle konnte sein Amt in der Evangelischen Kirche Istanbul 1952 übernehmen, während die Deutsche Schule im Oktober 1953 ihre Tore wieder öffnete. 1957 zählte die „Teutonia“ bereits wieder 230 Mitglieder, betrieb massive Mitgliederwerbung und war auf dem Weg, wieder zum „geistigen Mittelpunkt des Deutschtums in Istanbul“ aufzusteigen.[5]
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dann das Seemannsheim tatsächlich in der „Teutonia“ eingerichtet, in der - wie bereits vor 1914 üblich - auch ein eigens dafür entsandter evangelischer Pfarrer wohnte.[6] Es stand zunächst unter der Leitung von Pfarrer Bott, der 1965 von Gert Otto abgelöst wurde, der mit seiner Familie bis 1974 in einer für ihn ausgebauten Wohnung im Gebäude der „Teutonia“ wohnte.[7] Ob bei den damit verbundenen Umbau- und Renovierungsarbeiten die hier im Mittelpunkt des Interesses stehenden Schallplatten entdeckt und vor ihrer Vernichtung bewahrt wurden, ist durchaus wahrscheinlich, aber nicht eindeutig zu belegen. Viele Personen fanden im Seemannsheim vorübergehend Unterkunft und Betreuung: Seeleute und Reisende, aber auch Neuankömmlinge, die sich noch auf dem lokalen Arbeitsmarkt umschauen mussten, sowie Flüchtlinge aus der DDR.
Ende der 1960er/Anfang der 1970er Jahre setzte dann ein Niedergang ein. Vom Vereinsvorstand waren 1971 nur noch drei Personen greifbar, nachdem zuvor aufgrund der Forderung der türkischen Behörden nach erheblichen Steuernachzahlungen ein Massenaustritt von Mitgliedern stattgefunden hatte. „Die Teutonia als Verein war de facto tot“, resümiert Barbara Radt in ihrer 2001 erschienenen Geschichte der „Teutonia“. Nachdem der Verein 1972 aus dem Vereinsregister gestrichen worden war, galt er auch de jure als liquidiert. 1974 wurde die „Teutonia“ dann von türkischer Seite endgültig als aufgelöst erklärt.[8]
Aber bereits im gleichen Jahr konnte Arthur Kapps am 23. September die Neugründung mit 71 Mitgliedern mitteilen. Das Haus wurde anschließend unter Überwindung erheblicher wirtschaftlicher und politischer (Militärputsch im Jahr 1980) Schwierigkeiten instand gesetzt. Das Vereinsleben war zudem durch eine starke Fluktuation von Mitgliedern geprägt. Ab 1984 ermöglichten Spendenaufrufe dann aber neue Aktivitäten, die 1987 in einer Renovierung mündete. Seitdem bietet der Verein immer wieder neue Veranstaltungsprogramme für die deutsche Communitiy in Istanbul an, um so Traditionen zu erhalten und den Club mit Leben zu füllen: Frühlingsfest, Weinfest, Konzerte aller Art, Gesprächsabende, Jubiläumsball, Jubiläumsausstellung, Deutscher Weihnachtsbasar. Der Theatersaal dient daneben auch als Ort für Chor- und Orchesterproben, Theateraufführungen und Kabaretts. 1996 wurde mit neuerlichen Renovierungsarbeiten begonnen und die vielfältigen Veranstaltungen des Vereins danach noch intensiver fortgesetzt. So gelang es, die Kulturszene von Beyoglu erheblich bereichern.[9]
Seit 2013 wird das historische Gebäude erneut aufwändig saniert. es ist nunmehr langfristig an die Max Weber Stiftung vermietet, zu der auch das „Orient Institut Istanbul“ gehört, die das Haus nutzen wird. Gleichzeitig hat die „Teutonia“ als Verein auch mit der professionellen Archivierung der zahlreichen in ihrem Besitz befindlichen Bücher, Dokumente, Noten und Schelllackplatten begonnen. 2017 zählte man rund 50 Mitglieder, die sich aus in Istanbul lebenden Deutschen und Österreichern oder deutschsprachigen Türken zusammensetzt und von einem fünfköpfigen Vorstand angeführt werden.[10]
Heute ist die „Teutonia“ ein türkischer Verein mit eigenem Vermögen und Immobilien und unterliegt den türkischen Vereinsgesetzen.
[1] Vgl. http://www.ds-istanbul.de/rueckspiegel/ jugend%20musiziert/ teutonia.htm
[2] Vgl. Dietrich, Deutschsein, S. 394
[3] Vgl. Dietrich, Deutschsein, S. 215 und 401
[4] Vgl. Radt, Geschichte, S. 99
[5] Vgl. Dietrich, Deutschsein, S.400 und 402f.
[6] Vgl. Radt, Geschichte, S. 84
[7] Vgl. Radt, Geschichte, S. 103
[8] Radt, Geschichte, S. 124
[9] Vgl. http://www.ds-istanbul.de/rueckspiegel/ jugend%20musiziert/ teutonia.htm
[10] Vgl. http://www.teutonia-istanbul.com/