Weimarer Jahre
Nicht nur das Deutsche Reich hatte den Ersten Weltkrieg verloren, sondern damit fand auch die osmanische Herrschaft ihr Ende. Durch den am 30. Oktober 1918 geschlossenen Waffenstillstand von Mudros musste die osmanische Führung ihre Macht komplett an die Siegermächte abtreten. Folge war, dass Deutsche und Österreicher um die Jahreswende 1918/19 von der Entente aus der Türkei ausgewiesen wurden. Jene, die in der Türkei bleiben konnten - Alte, Kranke, deutsche Ehefrauen anderer Nationalitätsangehöriger - wurden mit Aufenthaltsscheinen der Entente-Kommission ausgestattet und unter den Schutz der Schwedischen Botschaft gestellt, während die Kaiserswerther Diakonissen das Land verlassen mussten. Die übrigen deutschen Institutionen wurden beschlagnahmt, so dass die „Teutonia“ vorübergehend in englische Hände kam.[1]
So erfuhr die deutsche Gemeinschaft in Istanbul durch die Folgen des Ersten Weltkriegs zwar tiefschneidende Veränderungen, wurde jedoch nicht vollends zerstört. Zunächst aber galt, dass aus den ehemaligen „deutschen Waffenbrüdern“ die Verlierer geworden waren, von denen sich die türkische Seite abwandte, weil sie dem Land wirtschaftlich und politisch kaum mehr etwas zu bieten hatten. Es waren die mit türkischen Männern verheirateten Frauen sowie mit türkischem oder andersnationalem Pass ausgestattete Menschen mit deutschfreundlicher Einstellung, die sich in dieser Situation um Sicherung und Erhalt von Gebäuden, Geschäften und auch Archivmaterialien bemühten. Diese Angehörigen der deutschen oder deutschorientierten Subkultur verharrten ansonsten aber im Wartestand, bis sich die Lage klärte und eine Rückkehr der nach Kriegsende Ausgewiesenen erlaubt wurde. Dieser Zeitpunkt kam mit der Übernahme der türkischen Staatsgewalt durch Mustafa Kemal, die die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei am 3. März 1924 sowie die Unterzeichnung eines deutsch-türkischen Freundschaftsvertrages mit sich brachte.[2]
Erfolge stellten sich recht schnell ein: So regte der deutsche Botschafter Nadolny[3] die Umsetzung wichtiger Infrastrukturmaßnahmen an und hatte beispielsweise maßgeblichen Anteil an der Gründung der deutschsprachigen Zeitung „Türkische Post“, die ab Mai 1926 in Istanbul herausgegeben wurde. Schon ein Jahr darauf stellte der stellvertretende Direktor der „Deutschen Bank“ in Istanbul erfreut fest, dass „der deutsche Handel gegenüber dem Vorkriegsstatus gewachsen“ sei. Das Deutschland der Weimarer Jahre avancierte schnell zum wichtigsten Handelspartner der kemalistischen Türkei: 1928 wurde eine türkische Handelskammer für Deutschland ins Leben gerufen, 1930 ein Handelsvertrag abgeschlossen. Die neuaufgebauten guten wirtschaftlichen Beziehungen hatten auch unter den nach 1933 gewandelten politischen Bedingungen zunächst Fortbestand und erfuhren mit dem Kriegsbeginn im September 1939 einen deutlichen Einbruch. Auch Istanbul behauptete seinen Status als deutsches Zentrum in der Türkei. Zwar zog die deutsche Botschaft im Dezember 1928 in die neue türkische Hauptstadt Angora (Ankara) um, doch übersiedelten die meisten Botschaften in den Sommermonaten in das klimatisch und gesellschaftlich bevorzugte Istanbul, wo sie über großzügige, direkt am Bosporus gelegene Grundstücke verfügten. Hier wurden die politischen Geschäfte weitergeführt, und hier fand auch der Großteil des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens statt.[4]
Mit der Wiederaufnahme und Intensivierung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen beiden Ländern erfuhr auch die deutsche Kolonie in Istanbul schnellen Zuwachs. War die Zahl der Deutschen in Istanbul vor der Ausweisung im Jahr 1918 offiziell mit 1.300 angegeben worden, zählte man 1926 am Bosporus bereits wieder rund 1.500 von ihnen.[5] Innerhalb dieser wachsenden Gemeinschaft legte man zunächst großen Wert auf eine generelle Einigkeit und möglichst breite Einbeziehung aller Deutschsprachigen in das Leben der Kolonie. So wurde im Rahmen der gut besuchten Gemeindeabende der Evangelischen Kirche, die in der „Teutonia“ abgehalten wurden, 1931/32 immer wieder betont wird, dass sich die Gemeinde bewusst „von aller parteipolitischen Enge“ fernhalten würde.
Gleichzeitig beobachtete man jedoch auch in Istanbul die massiven politischen Veränderungen in Deutschland, wobei die dort stattfindenden Richtungskämpfe und Auseinandersetzungen – allerdings in stark gemilderter Form - auch am Bosporus ausgetragen wurden. Schon früh war nämlich auch hier neben sozialistisch, kommunistisch und nationalistisch orientierten Vereinigungen eine kleine nationalsozialistische Gruppe aktiv geworden. Sie bestand vor 1933 lediglich aus acht oder neun Hitler-Anhängern, die zunächst wenig ernst genommen wurden und lediglich eine der zahlreichen kleinen und entsprechend unbedeutenden politischen Gruppierungen bildeten, die es in Istanbul schon immer in schier unüberschaubarer Zahl gegeben hatte. Ab 1932 erfuhren die ehemals Belachten dann aber durch die zunehmenden Erfolge der NSDAP in Deutschland auch in der Türkei eine beträchtliche Aufwertung.[6]
[1] Vgl. Dietrich, Deutschsein, S. 143f.
[2] Vgl. Dietrich, Deutschsein, S. 147ff.
[3] Nadolny behielt trotz mehrmonatiger Abwesenheit seinen Botschafterposten bis zum Oktober 1933 bei. Sein Nachfolger, Frederic Hans von Rosenberg, trat sein Amt erst im Dezember 1933 an. Vgl. Dietrich, Deutschsein, S. 153
[4] Vgl. Dietrich, Deutschsein, S. 150f.
[5] Vgl. Dietrich, Deutschsein, S. 177. Ganz Istanbul zählte mit sämtlichen Stadtteilen, vorgelagerten Inseln und weiteren Einzugsgebieten 1935 insgesamt 883.599 Einwohner.
[6] Vgl. Dietrich, Deutschsein, S. 181ff.