Die „Teutonia“ bis 1918

Wichtigster Träger und Treffpunkt der Deutschen in Istanbul waren neben der Kirche aber sicherlich die Vereine und deren Heime und hier in erster Linie die „Teutonia“, die im Rahmen der Institutionalisierung des nichtkirchlichen Gemeindelebens bereits 1847 von Handwerkern als „geselliger Verein“ ins Leben gerufen worden war.[1] Es handelte sich zunächst um nicht mehr, als einen von zehn bis zwölf Deutschen und Österreichern besuchten Stammtisch – die meisten von ihnen Glashändler aus den deutschsprachigen Gebieten Böhmens, die in Istanbul sesshaft geworden waren. Der aus diesem lockeren Zusammenschluss hervorgehende Verein sollte vor allem der Institutionalisierung deutschsprachigen geselligen Lebens dienen und dabei nicht zuletzt deutsches Liedgut auf aktive Art erhalten. Der Vereinsname „Teutonia“ war somit zugleich Programm. Im Verein galten zunächst allerdings weder konfessionelle noch eindeutig nationale Grenzen. Die sich hier Versammelnden beriefen sich zwar deutlich auf ihr „Deutschtum“, doch wurde das zunächst Deutschsprachigen aus verschiedenen Ländern zugestanden. So wurde die „Teutonia“ schnell zu einem Zentrum der Deutschen und Deutschsprachigen in Istanbul.[2] Ihr Heim wurde ein „Deutsches Haus“, das allen Deutschen, auch denen, die nur vorübergehend anwesend waren, offen stehen sollte. In der ebenfalls neugegründeten „Deutsch-Türkischen Vereinigung“ fanden sich parallel deutsche und türkische Wirtschafts- und Militärexperten zusammen.[3]

Im Jahr 1859/60 gehörten der „Teutonia“ über 300 Mitglieder an.[4] Im Laufe der folgenden Jahre und Jahrzehnte veränderten sich Zusammensetzung und Ausrichtung des Vereins aber erheblich. Die Gründung des Deutschen Reiches im Jahr 1871 erhöhte das Ansehen der Deutschen im Osmanischen Reich erheblich. Die zuvor dominierenden konfessionellen Streitigkeiten traten allmählich in den Hintergrund und wurden – zumindest teilweise - von nationalen Rivalitäten abgelöst. Der Aufschwung der Jahre nach 1871 schlug sich auch in der Zusammensetzung der in Istanbul tätigen Deutschen und damit auch der „Teutonia“ nieder. Immer mehr Bank- und Geschäftsleute ließen sich in Galata und Pera nieder, und auch Botschaftsangehörige wurden ebenso selbstverständlich Vereinsmitglieder wie aus Deutschland entsandte Lehrer, die an osmanischen Hochschulen oder an Militärschulen lehrten. Auch die an Bürgerschulen tätigen Lehrer gewannen im Verein zunehmend an Einfluss und Bedeutung, womit gleichzeitig auch Ansehen und Einfluss der „Teutonia“ als deutsches Zentrum zunahmen. Aus dem ehemaligen Handwerkerzusammenschluss wurde in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg ein kulturelles Zentrum für deutsche und deutschsprachige Familien.[5]

Der Bedeutungszuwachs schlug sich auch für jeden sichtbar im Stadtbild nieder. Am heutigen Standort der „Teutonia“ entstand zuerst 1874 ein neues, vom Architekten Göbbels errichtetes Haus aus Holz. Nachdem es 1895 abgebrannt war, errichtete der Baumeister der späteren Deutschen Schule in Istanbul, Otto von Kapp, dort 1897 das solide aus Stein gebaute Haus, das noch heute an der Galip-Dede-Straße steht. Der dort angesiedelte Restaurantbetrieb mit gesondert genehmigtem Bierausschank war in der deutschsprachigen Community stets sehr beliebt, ebenso die kulturellen und gesellschaftlichen Veranstaltungen.[6]

Die „vornehme Teutonia“ war der mit Abstand wichtigste, aber beileibe nicht der einzige deutsche Verein in Istanbul. 1917 zählte man dort zehn größere entsprechende Vereinigungen. Der Krieg prägte dann aber ab 1914 auch das Leben der deutschen Kolonie am Bosporus. Im Laufe der Zeit wurde in der „Teutonia“ weniger gefeiert, dafür gab es nun „Kriegsabende“ mit Vorträgen von Frontoffizieren, etwa von Generalfeldmarschall von der Goltz, der 1915 über „Selbsterlebtes aus dem Kriege“ sprach. Außerdem wurden jeden Freitagnachmittag ‚Kriegsgebetsstunden‘ abgehalten.[7]

Fußnoten

[1] Vgl. Dietrich, Deutschsein, S. 87

[2] Vgl. Dietrich, Deutschsein, S. 98ff. Vgl. auch http://www.ds-istanbul.de/rueckspiegel/jugend%20musiziert/teutonia.htm

[3] Vgl. Dietrich, Deutschsein, S. 139

[4] Vgl. Dietrich, Deutschsein, S. 102

[5] Vgl. http://www.ds-istanbul.de/rueckspiegel/jugend%20musiziert/teutonia.htm und Dietrich, Deutschsein, S. 104

[6] Vgl. http://www.ds-istanbul.de/rueckspiegel/ jugend%20musiziert/ teutonia.htm

[7] Vgl. Dietrich, Deutschsein, S. 141f.