Die Deutsche Schule
1928 wurde die vier Jahre zuvor wiedereröffnete Deutsche Schule in Istanbul bereits von 587 Schülern und Schülerinnen besucht. Zu dieser Zeit hatte der gemeinsame Wiederaufbau der alten Infrastruktur frühere religiöse oder weltanschauliche Rivalitäten verdrängt oder zumindest überlagert. Diese Einigkeit war allerdings nur von kurzer Dauer und wurde unmittelbar nach der NS-Machtübernahme erneut zutiefst zerrüttet.[1]
Das überrascht nicht, denn die Schüler und Schülerinnen der Schule gehörten verschiedenen Nationen und Religionen an, wobei seit 1933 auch aus Deutschland emigrierte Kinder - vorübergehend – hinzukamen.[2] Insbesondere der Anteil jüdischer Schulangehöriger war groß: Im Schuljahr 1931/32 zählte man 365 jüdische Kinder bei einer Gesamtzahl von 828; im Schuljahr 1933/34 waren es nur noch 236 und 1935/36 dann lediglich 164 jüdische Schülerinnen und Schüler. Die Zahlen nahmen weiterhin stetig ab, wobei ein besonders auffälliger Zahlensprung nach Kriegsbeginn zu verzeichnen war. Von Oktober 1938 an reduzierte sich die Zahl von 106 jüdischen Schülerinnen innerhalb eines Jahres auf nur 34; 1940 waren es 20, 1941 dann nur noch acht.
Im Gegensatz zum Deutschen Generalkonsulat und – weitgehend - zur „Teutonia“ konnten das NS-Regime und seine Vertreter hinsichtlich der Deutschen Schule jedoch nicht völlig autark handeln. Die türkischen Gesetze jener Jahre ließen keine „nationalen“ Schulen zu, so dass solche Schulformen in Istanbul für alle interessierten Kreise offen bleiben mussten. Im Schuljahr 1937/38 nahm schließlich entsprechend der gesetzlichen Vorgaben sogar ein türkischer Sub-Direktor sein Amt auf, wodurch nach der sicherlich sehr einseitigen Ansicht von Konsul Toepke eine „weitgehende Einmischung“ einherging, was ein ständiges Ringen um Einflussbereiche nach sich zog. So verhinderte der Sub-Direktor etwa, dass die Istanbuler Hitlerjugend ihren Turnunterricht in der Sporthalle der Deutschen Schule abhielt. Außerdem trug seine Anwesenheit dazu bei, dass offener Antisemitismus und „Rassekunde“-Unterricht wenig Raum fand. Auf diesen Umstand wurde in einem umfangreichen Bericht von Ministerialrats Dr. Rudolf Benze – einem populären NS-Pädagogen und Angehörigem des „Gutachterausschusses für das deutsche Schulwesen im Ausland“ - bedauernd hingewiesen: „In Biologie kann die Rassenfrage mit Rücksicht auf die Einstellung des Gastlandes nicht oder nur mit größter Vorsicht behandelt werden.“[3]
Das hieß aber keinesfalls, dass deutscherseits eine entsprechende Einflussnahme im Sinne der NS-Ideologie unterblieben wäre. Wenn auch das Vereinshaus der „Teutonia“ der bevorzugte nationalsozialistische Aktionsraum war und blieb, wurde schnell eine sich auf alle Bereiche erstreckende enge Zusammenarbeit zwischen der „Teutonia“ und den Lehrenden der Deutschen Schule aufgenommen, so etwa im Theaterbereich. An derartige kulturelle Ereignisse, zu denen auch die „Deutsche Buch- und Zeitschriftenausstellung“ 1938 zählte, wurde auch nach 1945 immer wieder so gern wie unkritisch erinnert.[4]
Außerdem wurden aus Deutschland verstärkt junge, in der Mehrzahl ledige, insbesondere aber natürlich nationalsozialistisch orientierte und aus Reichsmitteln bezahlte Lehrer und Lehrerinnen nach Istanbul geschickt, die aufgrund ihres fast noch jugendlichen Alters einen besonders guten Zugang zu den Schülerinnen und Schülern finden sollten. Außerdem übernahmen sie hier zusätzliche Parteiämter und erzogen die ihnen anvertrauten (deutschen) Kinder zumeist streng gemäß der Vorgaben des NS-Regimes. Bereits im Oktober 1933 gab es eine Istanbuler Ortsgruppe im „Gau Ausland“ des NS-Lehrerbundes. Lehrkräfte der Deutschen Schule übernahmen Aufgaben als Jungmädelführerin, BDM-Führerin, Frauenschaftsleiterin, NSLB-Obmann, Pressewalter oder Kassenwalter des NSLB, Blockwalter der Partei, Landesjugendwalter, Sportbeauftragter der Partei, Schulungsleiter der Ortsgruppe, Landesjugendführer oder Zellenleiter. Nur sehr wenige Lehrerinnen und Lehrer blieben ohne derartige Funktionen.
Aber auch der Schulunterricht selbst fußte immer stärker auf NS-Idealen: Im April 1934 wurden „Sonderkurse über Geschichte und Problematik des Nationalsozialismus“ für die deutschen Schüler einiger Klassen eingerichtet und Sport und „körperlicher Ertüchtigung“ wurde im schulischen Rahmen noch mehr Wert beigemessen. Der NS-Film „Der neue Mensch“ fungierte als „leichtathletischer Lehrfilm“. Weitere NS-Filme wurden im Rahmen des Unterrichts zunächst ebenfalls in der Deutschen Schule und in der „Teutonia“ aufgeführt. Im folgenden Schuljahr wurden Filme wie „Echo der Heimat“, „Triumph des Willens“ und „Schönheit der Arbeit“ gezeigt - „auf Grund einer Verordnung der Stadtverwaltung“ allerdings ausschließlich den deutschen Schülerinnen und Schülern. Ihnen sei das „gewaltige Geschehen in der Heimat, das sie aus eigener Anschauung noch nicht kannten, wenigstens in Bild und Ton zu einem großen, tiefen Erlebnis“ geworden, hieß es anschließend im Bericht über das Schuljahr. So errichte die politische Agitation auch an der Deutschen Schule in Istanbul enorme Ausmaße und bereitete gerade die junge Generation auch hier auf einen bevorstehenden Krieg vor.[5]
[1] Vgl. Dietrich, Deutschsein, S. 179
[2] Vgl. Dietrich, Deutschsein, S. 212f.
[3] Vgl. Dietrich, Deutschsein, S. 227f. und 229ff.
[4] Vgl. Dietrich, Deutschsein, S. 212f.
[5] Vgl. Dietrich, Deutschsein, S. 232ff.