Deutsches Leben in Istanbul nach 1933

Das Deutsche Reich und die Türkei hatten nach 1933 zunächst kein besonderes politisches Interesse aneinander.[1] Atatürk und sein Nachfolger Ismet Inönü verfolgten keine Aggressions- oder Expansionspolitik, sondern waren an der Konsolidierung des noch jungen Staatsgebildes interessiert. Folge war eine konsequente Neutralitätspolitik, die die Türkei - zumindest pro forma - erst im Februar 1945 aufgab, als sie sich an die Seite der Westmächte stellte und eine Kriegserklärung gegen Deutschland und Japan abgab. Allerdings beobachtete man in Ankara das Machtstreben NS-Deutschlands durchaus misstrauisch, was vorübergehende Unstimmigkeiten zwischen beiden Staaten zur Folge hatte. Weil die Türkei inzwischen aber an weltpolitischer Stabilität gewonnen hatte und Deutschlands Hauptlieferant für kriegswichtige Erze war, versuchten beide Staaten eine langfristige Verschlechterung ihrer Beziehungen zu vermeiden.

Die türkische Regierung zeigte solange Verständnis für die „deutschen nationalen Bestrebungen“, wie eigene Belange nicht berührt wurden. So erinnert sich eine damals in Istanbul lebende Schweizer Zeitzeugin: „In der Türkei war jegliche politische Betätigung der Ausländer gesetzlich verboten, aber sie drückte sämtliche Augen und Hühneraugen zu, als sich die Nazis in der deutschen Kolonie immer breiter machten, in Braunhemden und mit Hakenkreuzfahnen in der ‚Teutonia‘ und sogar in der evangelischen Kirche einmarschierten.“ Zugleich dominierte in der türkischen Bevölkerung eine generelle „Deutschfreundlichkeit“, von der die Nationalsozialisten ebenso profitierten wie die Emigranten.[2]

Unter diesen Grundvoraussetzungen entwickelte sich das Leben in der deutschsprachigen Gemeinschaft Istanbul während der NS-Zeit, zu der 1938 insgesamt 2.151 deutsche, 1.057 österreichische und 352 schweizerische Staatsangehörige zählten.[3] In Istanbul, so betont Anne Dietrich, seien die NS-orientierten Ausprägungen weitaus deutlicher und weitreichender gewesen, als das Hans Adolf Jacobsen in seiner Untersuchung zur NSDAP-AO im Jahr 1968 allgemein beschrieben habe.[4] Für den Bosporus könne man in dieser Hinsicht beileibe nicht von einem „eklatanten Misserfolg“ sprechen. Wenn Jacobsen meine, die Mehrzahl der im Ausland lebenden Deutschen sei „von ihrer Umgebung aufgesogen“ worden und habe sich nach 1933 „trotz der Verbundenheit mit der alten Heimat keineswegs mehr als Glied des Deutschen Volkes“ betrachtetet, so könne das vielleicht für die USA Geltung beanspruchen. In der Türkei sei die Stimmungslage dagegen deutlich anders gewesen: „Deutsch-nationales Denken und Agieren war hier sehr ausgeprägt und das Interesse an den Veränderungen in und der Zugehörigkeit zu der ‚Heimat‘ offensichtlich.“ Das habe sich auch in einem Bericht von Generalkonsul Toepke vom Juni 1935 niedergeschlagen: „Die Mitgliederzahl der Ortsgruppe der NSDAP in meinem Amtsbezirk beträgt nach dem Stand vom 1. Juni d.J. insgesamt 225 Personen. Hiervon gehören 6 Mitglieder zu der Gruppe der NSDAP ‚Auswärtiger Dienst‘ (Generalkonsulat); 20 Parteigenossen sind österreichische, 20 Parteigenossen tschechische Staatsangehörige.“ Zu seinem Amtsbereich rechnet Toepke zu diesem Zeitpunkt 950 Reichsdeutsche, während die Anzahl der „Volksdeutschen“ starken Schwankungen unterworfen sei und daher „auch nicht annähernd anzugeben“ sei. Es ist jedoch müßig, über genaue Zahlen oder Prozente zu spekulieren, denn weitaus wichtiger war laut Anne Dietrich der Umstand, „dass die Ortsgruppe der NSDAP Istanbul sehr schnell bedeutenden Einfluss auf große Teile der deutschsprachigen Community gewann“.[5]

Hierbei wurde einem Teil der deutschen Gemeinschaft besonders Augenmerk geschenkt: Wie im Deutschen Reich selbst zeigte sich auch in Istanbul bald die Bedeutung, die die NS-Repräsentanten der jungen Generation für die innen- und außenpolitischen Ziele und die langfristige Perspektive ihrer „Bewegung“ beimaßen.[6] Die auf zahlreichen Ebenen betriebene Verführung der Jugendlichen funktionierte auch am Bosporus, wo wie im Reichsgebiet ein klassenübergreifender, auf Entindividualisierung angelegter Nationalmythos kreiert und die deutschsprachigen Kinder und Jugendlichen systematisch im nationalsozialistischen, rassistischen und auch expansiv geopolitischen Sinne erzogen wurden. Hierzu diente ein breites Angebot unterschiedlichster Veranstaltungen, in deren Rahmen massiv NS-Ideologie vermittelt und zugleich verdeckter Druck auf die Heranwachsenden ausgeübt wurde. Außerdem wurden auch in Istanbul HJ-Führer und BDM-Führerinnen geschult, um anschließend die lokale Jugendarbeit im NS-Sinne zu gestalten, an Unterführer und Unterführerinnen zu delegieren und insbesondere überwachen zu können.

Als der stellvertretende Reichsjugendführer Karl Nabersberg 1934 in Ankara weilte und dort „mit führenden türkischen Persönlichkeiten“ zusammentraf, um sich über die „nationale Erziehung der Jugend“ auszutauschen, berichtete die „Türkische Post“, es habe sich dabei gezeigt, „dass eine weitgehende Übereinstimmung im Endziel nationaler Jugenderziehung“ bestehe. Tatsächlich bot die auch in Istanbul zelebrierte NS-„Volksgemeinschaft“ mit ihren Feiern und Aktivitäten Kindern und Jugendlichen vielfältige Partizipationsmöglichkeiten und führte in zahlreichen Fällen zu NS-„Gläubigkeit“ und falschem Idealismus.

Insgesamt und allgemein kann mit Blick auf die deutsche Gemeinschaft in Istanbul festgestellt werden, dass die nach 1933 platzgreifenden „neuen deutschen Ideen“ bei Jung und Alt auf fruchtbaren Boden fielen. Es dauerte nur wenige Monate, ja oft nur Wochen, um der an anderer Stelle noch näher vorzustellenden Deutschen Schule und der deutschsprachigen Infrastruktur generell einen nationalsozialistischen Stempel aufzudrücken.

Mit dem Beginn des Weltkriegs änderte sich für die Deutschen in Istanbul dann jedoch einiges.[7] Aber trotz zunächst erheblich eingeschränkter Bewegungsfreiheit fanden die lokalen NS-Repräsentanten Wege, ihre nationalen Feiern und politischen Treffen weiterhin durchzuführen. Weil an öffentliche Parteifeiern nicht mehr zu denken war, boten sich als Alternative etwa Sportveranstaltungen an. Die NS-beeinflusste Gemeinschaft passte sich den kriegsbedingten Gegebenheiten an und fand schnell Formen, ihre Ideologie auch unter den gewandelten Umständen und daher zwangsläufig weitgehend unspektakulär zum Ausdruck zu bringen. Mit der Unterzeichnung des deutsch-türkischen Freundschafts- und Wirtschaftsvertrags entspannte sich die Lage für die Deutschen in der Türkei ab Juni 1941 zudem spürbar.[8]

Nachdem sich dann allerdings immer deutlicher abzeichnete, dass Deutschland den Krieg verlieren würde, stimmte die Nationalversammlung in Ankara am 2. August 1944 dem Antrag zu, die Beziehungen zum Deutschen Reich noch am gleichen Tage abzubrechen. Drei Tage später verließ Botschafter von Papen die Türkei. Am 23. Februar 1945 folgte noch eine Kriegserklärung gegen Deutschland und Japan. Inhaber deutscher Pässen mussten sich innerhalb weniger Tage nach Abbruch der deutsch-türkischen Beziehungen entscheiden, ob sie in der Türkei bleiben wollten oder nicht. Wer blieb, wurde in Anatolien interniert. Die Angehörigen der deutschen Botschaft in Ankara, der Generalkonsulate in Istanbul, Izmir und Ankara sowie der Konsulate in Iskenderun und Trabzon mit ihren Familien und Kindern wurden in Istanbul „in gesicherte Verwahrung“ genommen, bis sie Anfang April 1945 mit einem schwedischen Passagierschiff Richtung Deutschland aufbrechen konnten.[9]

Fußnoten

[1] Zum Folgenden vgl. Dietrich, Deutschsein, S. 159ff.

[2] Vgl. Dietrich, Deutschsein, S. 176. Dort auch das Zitat.

[3] Zahlen nach Dietrich, Deutschsein, S. 178

[4] Gemeint ist: Hans Adolf Jacobsen: Die Gründung der Auslandsabteilung der NSDAP: (1931-1933); in: Ernst Schulin (Hg.): Gedenkschrift für Martin Göhring. Studien zur europäischen Geschichte, Wiesbaden 1968, S. 353-368

[5] Dietrich, Deutschsein, S. 170f. Dort auch das Zitat.

[6] Vgl. – auch zum Folgenden - Dietrich, Deutschsein, S. 191ff. und 236

[7] So kam es im Dezember 1939 zu Hausdurchsuchungen und vorübergehenden Verhaftungen bei der „Türkischen Post“ und in der „Teutonia“. Dort wurden auch Bücher beschlagnahmt. Der abgelöste Ortsgruppenleiter Guckes wurde im Februar 1940 aus der Türkei ausgewiesen. Bis Januar 1940 wurde das Erscheinen der „Türkischen Post“ für rund drei Wochen verboten. Vgl. Dietrich, Deutschsein, S. 362f.

[8] Vgl. Dietrich, Deutschsein, S. 363f.

[9] Vgl. Dietrich, Deutschsein, S. 385ff.