Aufarbeitung und Neuanfang: „Wie ist es dazu gekommen?“
In den katholischen Gruppen, die sich nach dem Krieg zusammenfinden, wird auch darüber diskutiert, wie es zum Nationalsozialismus hatte kommen können. „Das war unser Erstes: der Versuch zu sagen, wie ist es dazu gekommen? Natürlich immer wieder unter der Voraussetzung, dass wir aus einer anderen Welt kamen, aus einer Vorkriegswelt, die noch halb Kaiserreich war und noch nicht ganz Demokratie.“
Außerdem versucht die Gruppe um Klaus Franken den aus dem Krieg zurückgekehrten jungen Männern, die ja um ihre Jugend betrogen worden sind, etwas von dem katholischen, jugendbewegten Gefühl zu vermitteln, das sich zu Beginn der 1930er-Jahre stark ausgebreitet hatte. Er möchte sie damit in die Lage versetzen, ihrerseits andere Jugendliche für die katholische Jugendbewegung zu gewinnen.
Bei seiner Arbeit sieht er sich mit einem hohen Grad an Orientierungslosigkeit konfrontiert. Die Zurückgekommenen, so schildert er später, „lebten sie in die Tage rein, warteten aufs Essen oder auf den Tod oder auf irgendetwas. Die waren wie Fliegen, schwebten zwischen Himmel und Erde, hatten aber keinen Standpunkt.“
Im Rahmen von Schulungen knüpft Klaus Franken an die verlorene Kindheit und Jugend dieser Männer an. So engagiert er etwa eine Märchenerzählerin, der die aus dem Krieg zurückgekehrten 26- bis 30-Jährigen gebannt und ergriffen zuhören. Auch andere „bündische“ Elemente der früheren katholischen Jugendbewegung werden wieder aufgegriffen: Wandern und Singen oder das Erzählen von Geschichten am Lagerfeuer. Dieser nachvollziehbare Rückgriff auf Altes und Bewährtes hat auch eine Kehrseite, denn er verhindert in den Schulungen das Aufgreifen neuer Inhalte wie beispielsweise gesellschaftspolitische Themen.
Nicht nur der Inhalt, auch die ursprünglich jugendbewegte Form des Gruppengesprächs und deren Inhalte ändern sich durch den Ton und die Sichtweisen, den die ehemaligen Soldaten, von denen viele in alliierter Kriegsgefangenschaft „umerzogen“ worden sind, mitbringen. Daraus entwickelt sich laut Klaus Franken eine spezielle Form der Diskussionsführung - das „Kreisgespräch“, das für viele etwas völlig Neues darstellte: „Wir hatten ja in unseren Gruppen mehr so das führende Gespräch. Diskutieren kannten wir überhaupt nicht.“
