Politische Erinnerungen - „Man wusste, es gibt sie, aber was da geschah, das wussten wir nicht“
Vor 1932 sieht Anna bei ihrer Tante eines Tages eine Gruppe Kommunisten mit Schalmeien durch die Straßen ziehen. „Ich glaube, das waren Kommunisten mit so bestimmten Musikinstrumenten." An politische Auseinandersetzungen vor der Machtübernahme hat sie aber ebenso keine Erinnerungen wie an den Machtwechsel selbst und die Reaktionen darauf in ihrem unmittelbaren Umfeld.
Das Novemberpogrom ist ihr dagegen sehr gut im Gedächtnis geblieben. Von klein auf hat sie jüdisches Leben im Alltag mitbekommen, denn ihre Großeltern wohnen neben der alten Synagoge in Steele. Mit Ihrer Familie lauscht Anna im großelterlichen Garten samstags oft den dortigen Gesängen und besichtigt mit ihrer Mutter sogar einmal die Synagoge, weil die sich mit dem dortigen Hausmeister gut versteht, der ihnen eine Art Führung gibt. Als sie am 9. November 1938 nach der Schule dann an der brennenden Synagoge vorbeifährt, empfindet Anna die Brände, die mutwilligen Zerstörungen und die Feindseligkeit als sehr „erschütternd". In der Schule wird das Pogrom anschließend jedoch nicht thematisiert.
Annas Mutter hat in der NS-Zeit weiterhin Kontakt zu Juden und leistet vielen moralischen Beistand. Der Vater geht tagsüber arbeiten und hat deshalb die Einstellung: „Ich bin nicht da, du kannst machen, was du willst". So bekommt die Mutter hin und wieder auch Besuch von Juden, die einen Ansprechpartner suchen.
Außerdem wohnt Familie Albers gegenüber von einem Haus, in dem Juden zunächst „gesammelt und dann abtransportiert" werden. Ein Ehepaar spricht ihre Mutter am Vorabend ihrer Deportation an: „Wir haben noch gute Federbetten, holen Sie sich die, wir müssen morgen weg." Ihre Mutter lehnt das Angebot aber betroffen und schockiert ab.
Durch solche Erlebnisse bekommt Anna während der NS-Zeit zumindest eine Ahnung davon, dass ihren jüdischen Nachbarn großes Unrecht geschieht. Sie weiß sogar von den Konzentrationslagern. „Man wusste, es gibt sie, aber was da geschah, das wussten wir nicht".
