Pfarrjugend - „Ich hatte zum Beispiel das Thema ‚Gerechtigkeit’“
Als viele junge Männer aus der Gemeinde zur Wehrmacht eingezogen werden, bildet sich in der Laurentius-Pfarre in Essen-Steele im Rahmen der Pfarrjugend eine gemischte Gruppe, in der verschiedene religiöse Themen bearbeitet und - zum Teil durchaus kontrovers - diskutiert werden. „Ich hatte zum Beispiel das Thema Gerechtigkeit", erinnert sich Anna Büse. Die Treffen finden während der gesamten Kriegszeit abwechselnd, aber unregelmäßig bei den einzelnen Mitgliedern zuhause statt. Vor allem, wenn die jungen Soldaten auf Heimaturlaub in Steele sind, kommt die Gruppe zusammen und unternimmt beispielsweise gemeinsame Bootsfahrten auf der Ruhr, wobei dann auch immer„gefachsimpelt" wird. Der „Kreis" - so nennt sich diese Gruppe nun -- hat immer um die zehn Mitglieder. „Es können weniger, es könnten mehr gewesen sein, je nachdem, wer da war". Als führende Köpfe der Gruppe nennt Anna Büse das „Triumvirat" aus Hans Schocke - der noch während des Krieges zum Priester geweiht wird, Phillip Dürrfeld und Erich Bonsiepen. Auf diese drei wiederum wirkt Willi Büse, Annas späterer Mann, ausgleichend. Das ist ihm insbesondere deshalb möglich, weil er aufgrund eines Magenleidens nicht zur Wehrmacht eingezogen wird, sondern während des gesamten Krieges eine wichtige Kontakt- und Anlaufstelle für seine Freunde ist.
Ein besonders beliebtes Fahrtenziel der Steelenser Pfarrjugend ist Marienthal, da es dort eine Art inoffizielle Jugendherberge gibt, die vor allem von Pfarrer Winkelmann getragen wird. In der Regel geht es zu Ostern dorthin, da häufigere Besuche gerade unter den Bedingungen des Krieges kaum möglich sind, denn schließlich liegt der Ort „ja nicht um die Ecke". Da Fahrten katholischer Jugendgruppen seit langem verboten sind, reisen die Jugendlichen stets in Kleingruppen dorthin. Marienthal kommt - wie etwa auch Altenberg - insgesamt eine große Bedeutung für die Jugendlichen zu, den es ist ihnen Rückzugsort und geistige „Oase". „Da konnte man hin, da war man unter sich" - und auch die Bauern aus der Umgebung sind dank der Fürsprache von Pfarrer Winkelmann den anreisenden Gruppen immer wohl gesonnen.
Der „Kreis" unterhält auch Kontakte zur katholischen Jugend Kölns. Daran, wie die genau zustande gekommen sind, kann sich Anna Büse nicht mehr erinnern, wohl aber daran, dass manchmal gemeinsame Fahrten unternommen wurden. Die Kölner haben nämlich ein zwischen Bergisch Gladbach und Altenberg gelegenes Haus angemietet, das auch die Steelenser nutzen dürfen.
Annas späterer Mann Willi Büse wird 1942 zusammen mit anderen Angehörigen der Steelenser Pfarrjugend in einen Vorfall mit der Gestapo verwickelt. Die Jugendlichen - „es waren nicht nur Jungen, es waren auch Mädchen" - sind auf einer Pilgerfahrt nach Altenberg, als sie vor dem dortigen Dom durch die Gestapo kontrolliert werden. Die Beamten sammeln die Gebetstexte ein, die die Pilgergruppe mit sich führt und zitiert den als „Führer" geltenden Willi Büse später wiederholt zur Vernehmung. Da er zuvor der mittlerweile verbotenen katholischen Pfadfinderschaft St. Georg angehört hat, wirft die Gestapo ihm nun vor, es habe sich um einen verbotenen Ausflug „im Sinne der Pfadfinderschaft" gehandelt. Da aber auch Mädchen zur Gruppe zählten, ist es Willi Büse ein Leichtes, diesen Vorwurf zu entkräften. Letztlich hat die Sache keinerlei Konsequenzen für die Jugendlichen, doch der Scheck steckt ihnen doch noch einige Zeit in den Knochen, womit die Gestapo-Aktion letztlich ihren Zweck doch erfüllt.
