Die „Grauen Briefe“: „Ich hatte eine ganze Druckerei im Keller!“
Als ihr Bruder Klaus um 1941/42 damit beginnt, Auszüge aus Feldpostbriefen von Freunden und Gleichgesinnten zu Rundbriefen – den „Grauen Briefen“ – zusammenzustellen und zu verteilen, ist Therese maßgeblich daran beteiligt. Mit einer Freundin übernimmt sie koordinierende Arbeiten, ist maßgeblich am Produktionsprozess beteiligt und schließlich für den Versand verantwortlich.
Ihr Bruder habe sich für den Namen „Graue Briefe“ entschieden, so Therese Bauer rückblickend, weil auch die Uniformen der Soldaten grau gewesen seien – das bekannte „feldgrau“. Ob diese Sicht zutrifft, ist aber nicht mehr endgültig zu klären. Es gibt andere Deutungen, etwa jene, dass das namensgebende „grau“ den grauen Hemden der seit 1938 verbotenen Sturmscharen entlehnt worden sei.
Ein einzelner dieser „Grauen Briefe“ umfasst in der Regel 20 bis 30 Seiten, kann aber auch schon einmal 60 Seiten stark sein. Die einzelnen Ausgaben werden in einer Auflage von rund 100 Exemplaren produziert. Der Entstehungsprozess gestaltet sich folgendermaßen: Die Ursprungs-Briefe, die befreundete Soldaten von der Front an Klaus oder auch direkt an Therese schicken, werden von ersterem redigiert und zu Ausschnittsammlungen zusammengestellt, die er an Therese in Köln schickt, die diese Manuskripte mit ihrer Schreibmaschine auf Matrizen abtippt. Nachts werden die Matrizen dann mit Hilfe eines befreundeten katholischen Druckers abgezogen: „Ich hatte eine ganze Druckerei im Keller!“ Viele Mädchen aus der Pfarre helfen und sind jede Nacht mit im Keller. Sie alle wissen, warum sie das tun: „Gegen die Nazis!“ Anschließend verteilen Therese und ihre Freundinnen die adressierten „Grauen Briefe“ auf ihren Fahrrädern auf Postkästen in der näheren und weiteren Kölner Umgebung – manchmal bis Düren oder Jülich. Auf diese Weise – in jeden Briefkasten werden höchstens drei Exemplare eingeworfen - soll verhindert werden, dass der Massenversand auffällt. Soweit das möglich ist, werden weitere Exemplare zur weiteren Verteilung auch Soldaten mitgegeben, die sich auf „Heimaturlaub“ in Köln aufhalten. Der zentrale Ort für diese Form der Verbreitung ist St. Maria im Kapitol, wo sich die katholische Jugend Kölns jeden Samstagabend zur „Deutschen Komplett“ einfindet. Hier werden Informationen und Feldpostadressen ausgetauscht.
Auf die Dauer entsteht zur Produktion und Verteilung der Briefe ein regelrechter „Apparat“. Da Papierknappheit herrscht, helfen alle Freunde mit, das rare Gut sowie Feldpostmarken zu „organisieren“. Auch Thereses Chef ist eingeweiht, da sie teilweise während der Arbeitszeit an den Briefen arbeitet. Erleichtert wird ihre Tätigkeit auch dadurch, dass sie von so zahlreichen weiteren Personen Unterstützung erhält. Die Matrizen etwa stellt ein Kaplan der Pfarrei zur Verfügung, der ebenfalls eingeweiht ist. Therese Bauer testet jeweils genau, wen sie für ihre konspirative Tätigkeit gewinnen kann und wen nicht. Viele ihrer Bekannten wissen um ihre Tätigkeit, haben aber Angst, sich selbst zu engagieren. Auch Kaplan Angenendt, der unter anderem für die Deutsche Komplet in St. Maria im Kapitol verantwortliche Kaplan, gibt sich in dieser Hinsicht eher vorsichtig. „Er musste es auch sein, er hatte ja viel mit den Jugendlichen zu tun!“, erinnert sich Therese Bauer.
Ziel der „Grauen Briefe“ sei es gewesen, alle Freunde und Gesinnungsgenossen zu erreichen, die von der Heimatpfarre abgeschnitten auf sich allein gestellt an den Fronten stehen. Als gefährlich gilt die Produktion und der Versand der Briefe deshalb, weil in ihnen nicht das NS-Regime und die angebliche Unbesiegbarkeit der Wehrmacht gefeiert werden, sondern eher nachdenkliche Töne angeschlagen werden. Sie geben nicht nur eine Orientierung, wo die jeweiligen Freunde gerade stationiert sind, sondern auch Aufschluss über deren Lage und Stimmung. So lassen sie erahnen, wie sich das Soldatenleben im Krieg tatsächlich gestaltet – in aller Regel fernab von jeder Heroisierung und NS-Propaganda.
