Familie - „Entscheidend war, dass wir dabei Caritas lernten“

Als kleiner Junge bewundert Gisbert Kranz seinen Vater sehr: „Mir Zehnjährigem war Vater der Beste und Klügste von allen. Er hatte immer recht, er wusste alles, und wenn er mich strafte, was selten vorkam, hatte ich es zweifellos verdient." Zudem habe sich sein Vater, so Gisbert Kranz rückblickend, durch eine ruhige, unauffällige Art ausgezeichnet und eine ausgeprägte Frömmigkeit an den Tag gelegt.

 Später bekommt das Bild des Vaters leichte Kratzer: „Als jugendbewegter Tertianer verachtete ich den Lebensstil meines Vaters, dieser Bourgeois, der mit steifem Kragen, Schirm und Melone ausging und abends biergestärkt in Tabaksqualm mit anderen Geschäftsleuten kegelte. Aber selbst in diesem Stadium kam ich nicht umhin, ihn zu bewundern, wenn er für eine Parade des Kriegervereins seine Orden anlegte." - Gisbert Kranz sen. hat als Unteroffizier im Ersten Weltkrieg gekämpft, erzählt seinen Söhnen jedoch nur sehr wenig davon.

Ursprünglich hat der Vater Priester werden wollen und ist aus diesem Grund in seiner Jugend sogar einmal von zu Hause weggelaufen, um den für ein Theologiestudium notwendigen Schulwechsel durchzusetzen. Ein folgenreicher Schritt, denn dessen Vater meldet ihn daraufhin ganz aus der Schule ab und schickt ihn zur Lehre nach Westfalen. „Aus war der Traum vom Priestertum!" Nach der Lehre tritt Gisbert Kranz sen. dann in das väterliche Eisenwarengeschäft ein und heiratet 1919 Berta Zilges, eine „fröhliche Rheinländerin", die bestrebt ist, die vier gemeinsamen Kinder „durch Freude zu erziehen".

Die Achtzimmerwohnung der Familie Kranz liegt über ihrem Geschäft in der Humannstraße. „Im Winter hielten wir uns meistens im Wohnzimmer auf." Am Tisch in der Mitte speist die siebenköpfige Familie. Nebenan gibt es noch einen durch einen Samtvorhang abgetrennten Salon, der jedoch für Feiern und besondere Anlässe reserviert ist. Im zweiten Stock wohnen Mieter, im dritten lebt in einer Zweizimmerwohnung mit eigenem Eingang Großvater Kranz, zu dem der kleine Gisbert ein sehr gutes Verhältnis hat.

Die gesamte Familie Kranz ist sehr religiös und lebt streng nach der katholischen Glaubenslehre. „Entscheidend war, dass wir dabei Caritas lernten. St. Nikolaus wurde, wie St. Martin, uns vorgestellt als das Vorbild eines Mannes, der armen, in Not geratenen Leuten half. Mutter hielt uns an, von allem an andere abzugeben, auch von unserem Taschengeld." Auch den gemeinsamen Alltag prägen religiöse Bräuche. So ist es üblich, vor und nach jeder Mahlzeit ein Tischgebet zu sprechen und den Tag mit Gebeten zu beginnen: „Jeden Morgen sprachen wir zusammen, vor dem Kreuze stehend, eine Reihe von Gebeten, die uns Mutter gelehrt hatte." Eine Form gelebten Glaubens, die Gisbert Kranz für sein ganzes Leben prägte: „Der Glaube, den meine Mutter mir in den ersten Jahren meines Lebens einpflanzte, hat alles überdauert, was ihn in den späteren Jahren zu vernichten drohte", schreibt er rückblickend. Politisch stehen die Eltern der Zentrumspartei nahe.

Von der Weltwirtschaftskrise bleibt das Familienunternehmen weitgehend verschont, so dass die Familie keinen Mangel leiden muss. Doch auch Jahrzehnte später hat Gisbert Kranz seine Begegnung mit der damals in seinem Umfeld herrschenden Armut noch deutlich vor Augen: „Als wär's gestern gewesen, erinnere ich mich noch der Blicke halb verhungerter Kinder, die mich besser gekleideten und besser genährten Bürgersohn neidisch betrachteten."