Wehrmacht (1941-1942) - „Jeder Waggon trug die Aufschrift: ’40 Mann oder 8 Pferde’“
Kurz nach seinem 20. Geburtstag erhält Gisbert im März 1941 die Einberufung zur Wehrmacht. Die Rekrutenausbildung absolviert er in einer Infanteriekaserne in Hamm in Westfalen, wo er seine Freizeit meist in einem Kreis katholischer Jugendlicher verbringt, die sich um zwei Priester in Hamm scharen. Nach einem Aufenthalt im Lazarett in Rheine, wird er an die Ostfront abkommandiert: „Am 1. September 1941, genau zu Beginn des dritten Kriegsjahrs, hockte ich in einem Transportzug an die Ostfront. Jeder Waggon trug die Aufschrift: '40 Mann oder 8 Pferde'."
Seine Einheit wird in das motorisierte Infanterieregiment 120 in der 60. Infanterie-Division übernommen und kommt in das verwüstete Dnjepropetrowsk, wo Gisbert erste Angriffe erlebt. „Ein paar Wochen lagen wir dann in Alexandrija ‚in Ruhe', das heißt: Wir mussten exerzieren, wurden gedrillt und geschliffen." Seinen Chef, Leutnant Benwitz, bringt der junge Soldat immer zur Weißglut, da er ungewollt „stets aus der Reihe tanzte", zu weit vor oder zurück steht oder links und rechts verwechselt.
Von Oktober bis November 1941 wird seine Truppe in Poltawa eingesetzt. Dort trifft er Vikar Pfeifer aus seiner St. Laurentius-Pfarre in Steele wieder, der hier als zelebrierender Pfarrer eingesetzt ist. „Nach der Messe meldete ich mich sofort bei ihm. Er lud mich auf einen Abend in sein Quartier ein." Von ihm erfährt Gisbert erstmals von Berichten, dass SS-Einheiten in der Ukraine einheimische Juden zusammengetrieben und erschossen hätten.
Auch von anderen NS-Verbrechen hört er nun: „Durch die berühmten Predigten, die Graf Galen, der Bischof von Münster, 1941 hielt und von denen mein Bruder Karl Heinz mir Abschriften schickte, erfuhr ich, dass die Nazis bereits in organisierter Aktion Tausende Behinderte als unnütze Esser ermordet hatten."
Im Januar 1942 wird Gisbert Kranz verletzt und wird in Lemberg ins Lazarett eingeliefert; anschließend verbringt er ein Vierteljahr im Lazarett in Neuruppin, „und zwar in einem Saal mit zwanzig Mann, die alle an Erfrierungen dritten Grades litten. Der Gestank, den das brandige, abfaulende Fleisch verbreitete, war unerträglich. Wir mussten ständig im Bett bleiben. Zum Glück waren Bücher vorhanden." Zu seinem großen Erstaunen erreicht ihn dort Post von seinem ehemaligen Chef Benwitz mit der Mitteilung, er habe für seinen ersten Fronteinsatz das ‚Eiserne Kreuz' erhalten. Eines Tages hält er es in dem Saal nicht mehr aus und verlässt ihn für einige Stunden, worauf der „erwartete Donnerkeil" folgt: „Prompt wurde ich zum Ersatztruppenteil nach Danzig entlassen, was mir sehr erwünscht war."
In Danzig verlebt Gisbert eine schöne Zeit, die er zumeist mit gleichgesinnten Freunden verbringt, die er zum Teil schon vorher kannte. Unter ihnen ist auch Jupp Breuer, der mit ihm Theologie studiert. „Es fiel in der Kaserne so viel Zeit ab, dass ich, stets ein Reclamheft in der Rocktasche, eine Menge Klassiker lesen konnte. Außerdem verfügte ich über sehr viel Ausgehzeit. Von April 1942 bis Oktober 1943 genoss ich in vollen Zügen das Leben: Badefreuden in Glettkau, Brösen, Zoppot und Heubude; Opern und Schauspiele im Stadttheater."
