Wehrmacht II (1943-1944) - „Es war eine merkwürdige Situation“

Wieder als Soldat in Danzig wird Gisbert zum Unteroffizier befördert. Der Sachse Hans Schulz ist ihm unter seinen Stubenkameraden der liebste. Er ist 1908 geboren, Jurist und überzeugter Marxist. Er eröffnet Gisbert neue Horizonte in der Literatur und macht ihn unter anderem mit den Schriften von Thomas Mann und dem „Kapital" von Karl Marx bekannt. Später soll Hans Schulz SED-Funktionär in einem Kulturinstitut der DDR werden. Durch ihn lernt Gisbert außerdem Fritz Weigend aus Böhmen kennen, mit dem sich eine weitere, für ihn sehr wichtige neue Freundschaft entwickelt. Sie sind gleich alt und treffen sich oft, obwohl sie in Danzig in verschiedenen Einheiten sind. „Bald knieten wir beide morgens an der Kommunionbank, bald lagen wir nachmittags an einem der Sandstrände, bald spazierten wir abends durch den Park, lebhaft Literarisches und Politisches diskutierend. Da er bis zu seinem achtzehnten Lebensjahr in einer Demokratie gelebt hatte, konnte ich in den Gesprächen mit ihm viel lernen."

Besondere Bedeutung erlangt für Gisbert während seiner Wehrmachtszeit die Feldpost, unter der sich auch regelmäßig Rundschreiben des Kölner Erzbischofs Frings finden: „Eine Labsal waren mir die Briefe, die Erzbischof Josef Frings etwa alle drei Monate an die Theologen im Feld schrieb. Ich habe sie alle verwahrt. In väterlicher Liebe stärkte der Bischof uns mit schlichter Frömmigkeit."

Im Oktober 1943 wird Gisbert Ausbilder in einem Lehrgang für Mitglieder der SA und NSDAP, die Offizier werden möchten. „Es war eine merkwürdige Situation: Auf der einen Seite ordinäre Typen, darunter ‚Alte Kämpfer' mit dem goldenen Parteiabzeichen, alle ‚fanatische Nationalsozialisten', was sie sich bei den Suffgelagen gegenseitig lauthals bescheinigten. Auf der anderen Seite ihre Ausbilder, zehn Akademiker, die meisten vom Jahrgang 1908, kein einziger Nazi darunter. Ich war in dieser Gruppe mit Abstand der Jüngste und der einzige Katholik. Wir Unteroffiziere und Feldwebel hatten eine Stube für uns. Wir kannten uns so gut, dass hier höchst gewagte Witze erzählt wurden."

Inn den Lehrgängen geht es aber längst nicht mehr nur um militärische, sondern auch um ideologische Schulung. Bei den „weltanschaulichen Vorträgen" hört Gisbert immer „mit gespitzten Ohren zu", da er dort Dinge erfährt, „die in keiner Zeitung zu lesen, in keinem Radio zu hören waren." In diesem Kreis jedoch, wo man sich unter Gleichgesinnten glaubt, nimmt man kein Blatt vor den Mund. Für Gisbert ist das kaum zu ertragen: „In einem Vortrag schüttete ein fetter SA-Häuptling seinen abgebrühten Hass gegen die Juden aus. ‚Man sollte die Juden scharenweise in Flugzeuge packen und über London abwerfen.' Als er mit seinen Tiraden fertig war, konnte ich nicht mehr an mich halten. Kaum hatte der Redner sich gesetzt, als ich aufstand und den Redner um das Wort bat. Das war an sich schon ein unerhörter Vorgang. Diskussionen gab es nie, man hatte alles zu schlucken. Und nun sagte ich, ein kleiner Unteroffizier, etwas zugunsten der Juden, wobei ich mich auf Autoren berief, die bei den Nazis etwas galten und deren Texte ich aus dem Gedächtnis zitierte. Ausgeschlossen, auch nur einen von ihnen zu überzeugen oder zumindest nachdenklich zu machen. Nur eines hatte ich bewirkt: Ich war als Antinazi enttarnt." Anschließend muss sich Gisbert bei seinem Chef melden, doch glücklicherweise zieht die Angelegenheit keine weiteren Konsequenzen nach sich.

Kurze Zeit darauf wird er im November 1943 zusammen mit sechs Feldwebeln und Unteroffizieren, darunter auch der neue Freund Hans Schulz, mit einem Marschbefehl Richtung Westen nach Avignon geschickt. „Die folgenden Monate waren für mich abenteuerlich", schreibt Gisbert Kranz später. Zunächst ist er in verschiedenen Dörfern in der Picardie stationiert, anschließend geht es weiter nach Flandern. Als seine Einheit zurück an die Ostfront verlegt wird, bleibt ihm das erspart, weil er wegen der dort beim ersten Einsatz erlittenen Erfrierungen als „nicht an der Ostfront verwendungsfähig" eingestuft wird.

Stattdessen wird er von Flandern nach Knokke versetzt. „Dort fand ich sympathische, mir wohlwollende Vorgesetzte und viel Freizeit, die ich zur Lektüre sämtlicher Werke von Heinrich Kleist, mehrerer Bände Plutarch und einiger Werke Nietzsches nutzte." Die Invasion hat zu diesem Zeitpunkt bereits begonnen, jedoch weit entfernt von Gisberts Einheit. Nachts hört er allerdings die V1-Raketen und Bombengeschwader, die über sie hinwegbrausen.

Am 1. September 1944 verlässt die Einheit Knokke und wird an die Westfront geschickt, wo er 18 chaotische Tage erlebt: Nach der Losung „Vorwärts, Kameraden, wir müssen zurück!", gelangt Gisberts Einheit in völliger Orientierungslosigkeit nach Axel in Holland: „Wenn wir wenigstens darüber Klarheit gehabt hätten, wo der Feind stand. Aber von Hauptkampflinie oder Front konnte keine Rede mehr sein. Wir wurden von allen Seiten unter Feuer genommen. Überall gab es Partisanen. Mehrmals waren wir eingekesselt."