Studium (1939-1941) - „Wir mussten also zusammenrücken“

In Bonn kann Gisbert sein Studium nicht wie beabsichtigt beginnen, weil dort die theologische Fakultät in diesem Semester geschlossen ist. So geht er stattdessen zunächst nach Paderborn, wo er der Studentenverbindung „Assindia" beitritt, der nahezu ausschließlich Theologiestudenten aus Essen angehören. Bald darauf kann er jedoch nach Bonn wechseln, weil die Universität wieder Theologen aufnimmt. Einschränkungen gibt es allerdings in der Wohnsituation im Theologenkonvikt: „Die Wehrmacht (hatte) das Albertinum vollständig, das Leoninum zur Hälfte in Anspruch genommen. Wir mussten also zusammenrücken. Ich teilte ein Zimmer mit Christian Koch, der zwei Jahre später als Soldat fiel. Statt Betten hatten wir Matratzen auf dem Fußboden. Uns in Lagern und auf Fahrten abgehärteten NDlern machte das nichts aus."

Der Tagesablauf ist für die Bonner Theologiestudenten streng im Sinne der Einübung der religiösen Lebensform reglementiert: „Um halb sechs wurden wir geweckt. Der gemeinsam in der Kapelle des Hauses gebeteten Prim folgten zwanzig Minuten stille Betrachtung und die heilige Messe. Nach dem Frühstück gingen wir zum Hauptgebäude der Universität und hörten unsere obligatorischen oder fakultativen Vorlesungen. Das Mittagessen nahmen wir gemeinsam im Refektorium ein. Nach dem stehend gesprochenen lateinischen Tischgebet wurden die Schüsseln aufgetragen." Während des Essens trägt ein Lektor das Martyrologium des Tages vor, anschließend einen Abschnitt aus einem Buch. „Nach dem Mittagsmal und dem anschließenden Stundengebet in der Kapelle durften wir uns bis drei Uhr im Garten oder bei einem Spaziergang erholen. Der Rest des Nachmittages wurde Seminaren, Übungen und dem Privatstudium gewidmet. Der Abend vereinte die Kommunität wieder zu Vesper und Abendessen." Anschließend haben die jungen Studenten eine Stunde Freizeit, die vor allem dazu genutzt wird, mit Freunden auf den Zimmern zu singen oder zu diskutieren. „Um 21 Uhr riefen uns die Schellen zur Komplet. Danach hatte bis zum Wecken strikt Silentium zu sein."

Den klösterlichen Lebensstil empfindet Gisbert zu keiner Zeit als Belastung, er habe ihn zwar „in Zucht" genommen, ihm zugleich jedoch auch „viel Freiheit und Frohsinn" gelassen: „Ich habe in keiner Periode meines Lebens so viel gelacht wie in den anderthalb Jahren, die ich im Leoninum wohnte. Gern ließen wir uns von alten Herren einladen, behäbigen Pfarrern auf den Dörfern ringsum. Da genossen wir einen besseren Tropfen, als ihn unser Geldbeutel erlaubte, und ließen uns unter viel Gelächter Anekdoten und ‚kölsche Krätzcher' erzählen. Die Pointe richtete sich häufig gegen das Generalvikariat, da man ja mal Luft ablassen musste."

Mit den ersten Bombenangriffen ändert sich der Studienalltag in Bonn spürbar: „Am 10. Mai 1940 begann der Krieg gegen Frankreich. Am Schwarzen Brett im Leoninum hatte Dr. Reckers eine Landkarte anbringen lassen, auf der er mit Fähnchen das schnelle Vorrücken der deutschen Truppen markierte." Durch den häufigen Fliegeralarm muss Gisbert nun wochenlang jede Nacht den Luftschutzkeller aufsuchen - eine Strapaze, die das Studieren stark beeinträchtigt. „Wir brachten viele Stunden, die wir uns dort aufhalten mussten, auf verschiedene Weise zu. Ich nahm griechische Autoren (heidnische) mit in den Keller, und wenn mir beim Lesen die Augen zufielen, nahm ich Block und Bleistift und zeichnete, was ich vor mir sah. Anderntags waren wir stets unausgeschlafen. In den Vorlesungen mitzuschreiben wurde uns immer schwerer. Manche Veranstaltung fiel aus. Der Tagesplan wurde gelockert."

Das Studienjahr wird nun verdichtet, die akademischen Sommerferien 1940 beträchtlich gekürzt, indem das Jahr statt in zwei Semester in drei Trimester - jedes von derselben Länge wie ein Semester - eingeteilt wird. Zu Erholung und Vertiefung des Studiums können jedoch selbst die verkürzten Sommerferien nicht genutzt werden: „Wir Theologen wurden verpflichtet, in Wesseling schwere Bauarbeiten zu leisten."

Trotz der Belastungen des Krieges werden auch in dieser Zeit weiterhin Diskussionen über kirchliche Fragen geführt und hier insbesondere über eine vielfach geforderte Liturgiereform: „Wir alle wollten eine Liturgiereform, in der das Latein durch die Muttersprache abgelöst wird." Viele Texte und Formen hätten „nach Änderung geradezu geschrien, und zwar aus dogmatischen, historischen und pastoralen Gründen."

Vor Weihnachten 1940 absolviert Gisbert seine Zwischenprüfung, die er ohne ausführliche Vorbereitung mit „gut" besteht. Anfang 1941 kann er sein Studium im Leoninum fortsetzen, muss jedoch damit rechnen, noch vor dem Ende des Trimesters zum Wehrdienst eingezogen zu werden. Um die verbleibende Zeit möglichst intensiv zu nutzen, entschließt er sich, noch „ein kleines Buch über Dostojewskis Freiheitsidee" zu schreiben - eine Arbeit, die umgehend Anerkennung findet:„Das Typoskript wurde zeitig fertig, und ich schickte es an Theodorich Kampmann, dessen zwei Bücher über Dostojewski ich kannte, mit der unverschämten Bitte, es zu lesen und zu beurteilen. Er meinte, die Arbeit sei geeignet, als Doktordissertation eingereicht zu werden, hielt es aber für gut, dass ich sie überarbeite, sobald ich nach dem Krieg dazu komme."

Noch während des Krieges erhält Gisbert 1944 über den Kontakt zu Johannes Maaßen eine Zusage vom Herder Verlag, dass sein Buch über Dostojewski angenommen sei, auch wenn eine Veröffentlichung unter der NS-Herrschaft noch ganz undenkbar erscheine.