Reichsarbeitsdienst (1939) - „„Als einziger Abiturient lag ich mit einem Dutzend Handwerkern zusammen“

Im April 1939 meldet sich Gisbert freiwillig zur vorzeitigen Ableistung des Reichsarbeitsdienstes, um zu vermeiden, später sein Studium unterbrechen zu müssen. Er folgt damit einer Empfehlung des Generalvikariats, das allen Abiturienten, die sich beim Erzbistum Köln um Zulassung zum Theologiestudium beworben haben, zu diesem Schritt geraten hat.

Die RAD-Zeit ist für Gisbert nicht einfach, vor allem der sozialen Zusammensetzung seiner Abteilung wegen: „Als einziger Abiturient lag ich mit einem Dutzend Handwerkern zusammen, von denen etliche aus Mainz stammten. Alle waren zwei Jahre älter als ich. Dass ich Priester werden wollte und dass ich noch keinerlei sexuelle Erfahrung hatte, ließ mich als Wundertier erscheinen und reizte sie zum Sticheln."

Seinen Glauben kann Gisbert in dieser Zeit nur noch eingeschränkt leben. „Geistige Stärkung" erhält er nun vor allem aus der Bibel und einigen kirchengeschichtlichen und theologischen Schriften, die er im Spind aufbewahrt, zudem aus Briefen und aus der katholischen Monatsschrift „Die neue Saat", die er abonniert hat. Der Besuch der Messe ist ihm dagegen kaum möglich: „Sonntag für Sonntag bestand ich auf meiner Forderung, mich zum Besuch der heiligen Messe zu beurlauben. Nur viermal während der fast sieben Monate ließ man mich gehen. Beim zweiten Mal ging ich nicht mehr allein; sechs Kameraden zogen mit mir zur Kirche, und zwar, da wir keine Zivilkleidung mehr bei uns hatten, in Uniform."

Gisbert Arbeitsdienstabteilung arbeitet am Bau des Westwalls. Einige Wochen lang haben sie Schützengräben auszuheben. Auch während des Arbeitens reizt seine Religiosität zum Spott, aber auch zu manch neugieriger Frage: „Oft konnte ich, unten im Graben stehend, meine Schaufel ruhen lassen, während oben einer der Führer stand und mir Fragen über den christlichen Glauben stellte, manchmal in der Absicht, mich zu verspotten, manchmal aus echter Wissbegier, und gewiss oft genug aus dem einfachen Wunsch, die Langeweile zu vertreiben."

Im September 1939 soll seine Abteilung eigentlich entlassen werden, nach dem Überfall auf Polen und den anschließenden Kriegserklärungen von Großbritannien und Frankreich wird dies jedoch zunächst ausgesetzt: „Wir erhielten gelbe Armbinden mit dem Aufdruck ‚Deutsche Wehrmacht' und leisteten strammeren Dienst als je zuvor."

Im Oktober 1939 werden, da das neue Semester beginnt, dann aber jedoch jene aus dem RAD entlassen, die Studieren wollen.