Gefangenschaft im Krieg (1944-1945) - „Über Verpflegung brauchte ich nie zu klagen“

Es dauert nicht lange, bis Gisbert in einem Gefecht gegen eine kanadische Einheit schwer verwundet wird und in Kriegsgefangenschaft gerät. „Mehrmals musste ich bei voller Narkose operiert werden. Zwei Monate lag ich in Lazaretten in der Normandie, und zwar in Zelten." Unter den gegebenen Umständen ergeht es ihm dort aber nicht schlecht. „Über Verpflegung brauchte ich, solange ich in Kriegsgefangenschaft war, nie zu klagen. Sie war zweifellos an Kalorien und Vitaminen reichhaltiger als die Hungerrationen in Deutschland. Die Behandlung war anständig." Er beginnt, während der Gefangenschaft Englisch zu lernen, und bekommt sogar von einer der Lazarettschwestern ein englisches Taschenwörterbuch geschenkt, damit er Vokabeln lernen kann.

Mitte November 1944 erfolgt der Transport nach England, wo Gisbert für anderthalb Monate in einem Camp bei Northwich interniert wird. „Von jetzt an besaß ich ein halbes Jahr kein Taschentuch, zweieinhalb Jahre bis zu meiner Entlassung weder Schlafanzug noch Bettwäsche. Wir schliefen auf Strohsäcken in demselben Hemd, das wir am Tage trugen, und in Wolldecken."

Trotz der schlechten hygienischen Zustände erholt er sich nun langsam von den Strapazen des Krieges, wobei er es als eine besondere Wohltat empfindet, endlich wieder regelmäßig und ausgiebig schlafen zu können. Bald fühlt sich Gisbert wieder „kräftig und gesund": „Mein Körper trug 12 Narben von Kriegsverletzungen, war aber fast ohne Behinderung. Ich wurde mir dessen bewusst, dass ich glimpflich davongekommen war."

Anfang 1945 wird er zusammen mit anderen in ein Lager nach Nordirland verlegt. Er ist fasziniert von der Landschaft, die sich ihm dort bietet, und erinnert sich an ein „grandioses Panorama". Dies zu betrachten, hat er auch reichlich Zeit, denn zu Arbeiten werden die Kriegsgefangenen nicht eingesetzt. Außer den morgendlichen und abendlichen Zählappellen gibt es nichts zu tun. Keine Bibliothek, kein Kino und keine Werkstatt sind da, um die Zeit sinnvoll auszufüllen. „Not macht erfinderisch", lernt Gisbert nun und „produziert" mit Hilfe von Nagelscheren, Rasierklingen oder glühenden Stocheisen die unterschiedlichsten Dinge: „Schachbretter, Schachfiguren, Bilder, Dosen, Zigarettenspitzen, Weihnachtskrippen, sogar richtig gehende Räderuhren mit Gewichten".

Zudem entsteht im Lager „eine rege Vortragstätigkeit in der Art einer Volkshochschule", wodurch sich die Männer zugleich die Zeit vertreiben und sich fortbilden. „Wer auf irgendeinem Gebiet sich auskannte und nicht ohne Lehrgeschick war, machte sich nützlich. Ich selbst hielt zehn Vorlesungen über Goethes Faust." Darüber hinaus betätigt sich Gisbert als Deutschlehrer: „Eine Gruppe von etwa zwanzig Berufsoffizieren trat an mich heran mit der Bitte, ihnen deutsche Rechtschreibung beizubringen; sie brauchten das für eine Art Prüfung, der sie sich zu unterziehen hatten, ehe sie in die untere Verwaltungslaufbahn aufgenommen werden konnten."

Auch eine rege Produktion von „Literarischem" setzt im Lager ein - freilich nicht immer von höchster Qualität: „Ich selbst schrieb Oden, Elegien, Sonette, Epigramme, Essays, eine Novelle und ein Lustspiel. Einige Texte von mir wurden in verschiedenen Zeitungen für Kriegsgefangene gedruckt." Doch die meisten Manuskripte vernichtet Gisbert noch als Gefangener oder kurz nach seiner Entlassung.

Die verschiedenen Beschäftigungen, denen die Gefangenen nachgehen, sind für viele eine gute Ablenkung, doch können sie das ganz persönliche Leiden der Männer kaum lindern: „Da keinerlei Verbindung mit den Angehörigen daheim bestand, war jeder völlig im Ungewissen, ob die Frau, die Kinder oder die Eltern noch lebten und ob Hab und Gut der Vernichtung entgangen war. Zu dieser Ungewissheit gesellte sich Sorge um die eigene Zukunft. Ich entschied mich, nicht Priester zu werden. Ich glaubte nicht, die vorgeschriebene Ehelosigkeit einhalten zu können."