Nachkriegszeit (1947-2009) - „Der Nonkonformismus in unserer Familie beruhte auf einem Konformismus“
Zurück in Steele, versucht Gisbert zunächst, die klaffende Lücke in seiner Familie - alle drei Brüder sind ums Leben gekommen - zu schließen. Ein halbes Jahr lang hilft er dem zu diesem Zeitpunkt schon sehr hinfälligen Vater im Geschäft. Dieser hofft im Stillen, Gisbert übernähme als einziger Überlebender seiner Söhne die Firma, die seit mehr als 200 Jahren im Familienbesitz ist. Doch trotz allen guten Willens des Sohnes muss auch der Vater schließlich einsehen, dass er aus Gisbert keinen Kaufmann machen kann, und lässt ihn weiter studieren.
Zunächst nimmt der das Studium der katholischen Theologie wieder auf. Nachdem er das Ziel, Priester zu werden, bereits während des Krieges aufgegeben hat, studiert er zusätzlich Anglistik und Germanistik und wird abschließend zum Dr. phil. promoviert. Im Anschluss arbeitet er als Gymnasiallehrer und heiratet. Daneben verfasst er zahlreiche Schriften und Bücher.
Von der Veröffentlichung der Abhandlung über Dostojewski, die Gisbert während des Krieges verfasst hat, nimmt der Herder-Verlag nun jedoch Abstand; 1949 wird sie aber doch noch in einem anderen Verlag erscheinen. Im Rückblick ist Gisbert Kranz mit seinem „Erstling" allerdings nicht mehr zufrieden, ein „Beitrag zur Forschung" sei das nicht gewesen, eher ein Essay, den er so „nicht noch einmal drucken lassen" würde.
Viele Jahre nach dem Krieg wird sein Engagement in der katholischen Jugend während der NS-Zeit von der Geschichtsforschung gewürdigt. In einem Artikel der Historischen Zeitschrift über „Widerstand und Verfolgung in Essen 1933-1945" liest er zu seinem Erstaunen seinen Namen als den eines Widerständlers. „Ohne es bis dahin geahnt zu haben, war ich zu einer Legende geworden." Hier erfährt er Dinge, die ihm bis dahin gänzlich unbekannt waren, „nämlich, dass ich bespitzelt wurde; dass einige Teilnehmer an den Runden auf meinem Zimmer bald danach von HJ-Führern besucht und ausgefragt wurden; dass verschiedene Gerüchte über meine ‚gesetzeswidrige' Tätigkeit in Steele umliefen und dass mein Bruder Karl Heinz und ich ‚der Schreck der angepassten Bürger' waren."
Er selbst umschreibt später die Unangepasstheit seiner Familie so: „Nun ja, der Nonkonformismus in unserer Familie beruhte auf einem Konformismus. Wir rebellierten gegen die vorgeschriebene Weltanschauung, weil wir gegen unseren Glauben nicht rebellierten."
