Politische Beobachtungen (1932-1939) - „Dass jüdische Geschäftleute sich mit ihren Orden aus dem Weltkrieg zeigten, half ihnen nichts“

Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten erlebt Gisbert vor allem als eine Veränderung im Straßenbild, ohne dass ihm die politischen Konsequenzen bewusst sind: „Ich Elfjähriger begriff kaum etwas von dem, was da vor sich ging. Ich sah nur, dass plötzlich vieles anders war als bisher. Statt der Arbeiterzüge mit Schalmeienmusik zogen jetzt unaufhörlich SA-Kolonnen mit Triumphgesang durch die Stadt. Hitlerjugend marschierte mit Trommeln und Fanfaren. In der Schule sah ich begeisterte Gesichter." Zu Hause jedoch „stand alles in Opposition." Das Wahlverhalten in seiner Familie bleibt dabei auch vor den Kindern kein Geheimnis: „Bei den Märzwahlen gaben Opa, Mutter und Vater nach wie vor ihre Stimme dem Zentrum".

Im April setzen erste Boykottmaßnahmen gegen jüdische Geschäfte ein. In der Folge zeigen sich viele jüdische Geschäftsleute mit ihren Orden aus dem Weltkrieg - eine Geste, die ihnen jedoch nichts hilft. Es gibt kaum Unterstützung für sie, doch an ein Beispiel von Zivilcourage erinnert sich Gisbert Kranz noch deutlich: „In dieser Situation wagte der Direktor des Gymnasiums etwas Unerhörtes, das ihm den Hals brach, aber meine höchste Bewunderung fand. Albert Reusch brachte es fertig, in seiner Rede zur Heldengedenkfeier in der Aula zu erzählen, wie an der Front ein Soldat in seiner unmittelbaren Nähe tödlich getroffen wurde, und hinzuzufügen: 'Und dieser Soldat, der sein Leben für unser deutsches Vaterland geopfert hat, war ein Jude.'" Der Direktor wird bald darauf aus seinem Amt entlassen.

In Gisberts Klasse gehen drei Schüler jüdischer Herkunft, einer von ihnen, der „hellblonde, sommersprossige" Günter Rosenbaum, Sohn eines Kaufmanns, ist sein Banknachbar. Der lädt ihn auch einmal zu sich nach Hause ein - das erste Mal, dass Gisbert bei einer jüdischen Familie zu Gast ist. Günter Rosenbaum muss 1934 wie seine jüdischen Mitschüler die Schule verlassen. Er kann später rechtzeitig nach England emigrieren. Der Vater jedoch, „von jahrelangem Terror zermürbt", nimmt sich 1935 das Leben, indem er Salzsäure trinkt. Eine Verzweiflungstat, für die Gisbert Kranz das NS-Regime zutiefst verabscheut: „Der Tod dieses einen Menschen, den das Regime zur Verzweiflung getrieben hat, genügt, um es zu verdammen."

Von den beiden anderen jüdischen Mitschülern gelingt dem einen die Emigration nach England, der andere jedoch, Kurt Acker, wird deportiert und 1943 im Konzentrationslager Mauthausen ermordet.

In seiner Neudeutschland-Gruppe ist man sich in der Verurteilung der Judenverfolgung einig: „Es gibt nur eine Meinung unter uns. Was wir an Judenverfolgung in den letzten Jahren erlebt hatten, widerte uns an. Was aber bald darauf vor unseren Augen geschehen sollte, hätten wir nicht für möglich gehalten." Bis ins hohe Alter hinein schockieren Gisbert Kranz die Erlebnisse des Novemberpogroms, die er hautnah miterlebt: „Mitten in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 wurde ich geweckt durch Lärm und Feuerschein. Ich sprang ans Fenster. Die Synagoge, die hinter unserem Haus lag, brannte lichterloh! Als ich am anderen Tag durch Steele ging, sah ich die Straße bedeckt mit angesengten Pergamentstücken, auf denen hebräische Buchstaben standen, Fragmente der Thorarolle, des Gesetzes Gottes, der Heiligen Schrift auch für Christen. In einem Zustand, in dem Trauer, Zorn und Ohnmachtsgefühl wechselten, bewegte ich mich durch die Stadt. Alle jüdischen Geschäfte und Wohnungen waren verwüstet, ich sah Konzertflügel und Sofas aufs Pflaster geworfen und unbrauchbar gemacht."

Am Nachmittag des 10. November ist Gisbert mit einem Schulfreund auf dem Weg zu Lehrer Böhmer, der im Krankenhaus liegt: „Wir kamen an dem stattlichen Bau der Essener Synagoge vorbei, die massiven Mauern standen noch, die steinerne Kuppel hielt; aber die Fenster waren zertrümmert, die Außenwände rauchgeschwärzt. Weder Herbert noch ich glaubten den Lügen des Rundfunks, die Synagogen in ganz Deutschland seien ‚der kochenden Volksseele' zum Opfer gefallen. Es war uns klar, dass hier der organisierte Mob der SA gewütet hatte."

Im Frühjahr 1939 spitzt sich die politische Lage zu: „Erstmals hatte Hitler mit dem Einmarsch deutscher Truppen in Prag ein Territorium an sich gerissen, das von einem Volk nichtdeutscher Sprache bewohnt wurde. Es war das letzte Gebiet, das Hitler kampflos annektierte. Sein östlichstes Dorf hieß Nimmersatt."