Das Denunziationsschreiben
Den Beginn des Konfliktes um Mathias Eickels löste 1935 ein Schreiben des örtlichen Lehrers Hubertus Müllers an die Kreisleitung in Erkelenz aus. Müllers hatte sich als Zellenleiter der NSV, Ortsgruppe Beeck, nicht nur darüber geärgert, dass Eickels bei der WHW-Sammlung nicht gespendet hatten. Er lag auch mit Mathias Eickels in einem (nicht näher benannten) „Schulstreit“. Um sich nun, wie Müllers nach dem Krieg schrieb, gegen Eickels „Angriffe zu verteidigen“, schrieb er am 21. Februar 1935 einen Brief an Kreisleiter Horst, in dem er die gesamte Familie Eickels desavouierte und denunzierte. Dabei spielte sicher auch eine Rolle, dass sich Müllers in seiner Autorität als Lehrer und Zellenleiter brüskiert fühlte und nun Rückendeckung bei der nächsthöheren Stelle suchte, um die eigene Position zu festigen. Das Motiv der Rache mag dann noch hinzugekommen sein.
In dem Brief trug Müllers nun alles zusammen, was sich nur irgend gegen die Familie verwenden ließ – sowohl eigene Erfahrungen als auch Ereignisse, die er nur vom Hörensagen und dann in einer stark entstellten Form kannte. Daraus formte er ein Bild der Eickels, das darauf abzielte, die Familie als Volksverräter darzustellen, gegen die mit „rigorosen Mitteln“ vorgegangen werden müsse. Im Mittelpunkt seiner Angriffe stand dabei der Familienvater, Mathias Eickels. Dass er mit diesem im Streit lag, ließ er in seinem Brief bezeichnenderweise weg. Auch dass Eickels vor allem wegen religiöser Gründe eine Verweigerungshaltung einnahmen, schrieb er nicht. Statt dessen stellte er Mathias Eickels als hartherzigen Querulanten, Verräter und Drückeberger dar.
So suchte er Eickels Weigerung, für das WHW zu spenden, mit dessen angeblich „hartherziger“ Haltung gegenüber den „Volksgenossen“ zu deuten:
„Der größte Saboteur des WHW ist ohne Zweifel der Rb.Ass. M. Eickels aus Beeckerheide. Während die ärmsten Menschen bereitwilligst ihre Gabe dem WHW zu Verfügung stellten, hat M. Eickels es verstanden, sich der Pflicht, dem Nächsten zu helfen, während des ganzen Jahres entzogen. Mit einer eiskalten Erbarmungslosigkeit hat er während des ganzen Winters die Blockwalter des Eintopfgerichtes abgewiesen. Mit Herzlosigkeit ohne gleichen kaufte er weder Blumen noch Zeitschrift oder Plakette. Der Aufforderung, der NSV als Mitglied beizutreten, kam er nicht nach, mit einer lächelnden Miene schickte er den Aufnahmezettel immer zurück.“
Auch gegen Eickels Frau suchte er Belastendes vorzubringen. Diese habe mit „beleidigenden Bemerkungen für die Bewegung“ den Bezug des Westdeutschen Beobachters abgelehnt. Ganz besonders nahm er aber den 17-jährigen Sohn Josef ins Visier, und hier zeigt sich, dass die gesamten Schwierigkeiten, die Josef wenig später zu erdulden haben würde und die schließlich zu seinem Schulverweis führen sollten, vorsätzlich heraufbeschworen wurden. Müllers schrieb nämlich:
„Der Sohn Josef Eickels, 17 Jahre alt, Schüler der Obersekunda in Erkelenz, musste wegen Umtriebe, die gegen die HJ gerichtet waren, aus der HJ entfernt werden. Heute verweigert er den Deutschen Gruß. In Gegenwart der Schulkinder hiesiger Schule beantwortet er fortwährend den Deutschen Gruß mit Grüß Gott oder Guten Tag. Es ist zu empfehlen, den Schüler Josef Eickels besonders beobachten zu lassen und auf seinen nationalen Gehalt hin zu untersuchen. Es geht nicht an, dass ein junger Mensch in einigen Jahren mit dem Reifezeugnis ausgestattet, in die Volksmenge geht, der heute schon beweist, dass er gegen Volk und Vaterland erzogen ist.“
Auf die wirklichen Gründe für die „Entfernung“ aus der HJ wird an anderer Stelle im Zusammenhang mit Josefs Biografie eingegangen. Hier ist zunächst nur wichtig, dass Müllers wiederum keine religiösen Gründe für Josefs Verweigerung anführte, sondern dessen „nationale“ Gesinnung infrage stellte.
Auf den nämlichen Punkt zielte schließlich auch das letzte von Müllers herangezogene Beispiel ab. Darin stellte er Mathias Eickels als einen feigen Drückberger dar, der nicht als Soldat im Ersten Weltkrieg gekämpft habe, sondern statt dessen in der Heimat Karriere gemacht habe (in Wahrheit war Eickels als fünfter Sohn sowie als Bahnbeamter in Anspruch genommen). Zudem warf er ihm vor, nach Kriegsende einem verdienten Soldaten übel mitgespielt zu haben. Müllers bezog sich dabei auf einen Vorfall, der bereits 14 Jahre zurücklag, und den er lediglich vom Hörensagen kannte. Da die Episode jedoch, wie er meinte, Eickels „asoziales Verhalten“ besonders deutlich zeigte, führte er sie dennoch an – allerdings in einer stark entstellten Form:
„Eickels war während des Krieges Flickschuster und schwang sich, während andere an den Fronten bluteten, zum Reichsbahn-Assistenten empor. Seine Heimat hat er während des Krieges nie verlassen. Im Jahre 1921 kaufte er ein Häuschen in Beeckerheide. Dieses wurde damals von den Familien Grünther und Müller bewohnt. Während Grünther im Urlaub 1918 starb, wurden die Kinder von der Familie Müller aufgenommen. Nun zog im Jahre 1920 M. Eickels in den linken Teil der Wohnung ein. Sogleich war das ganze Trachten des Eickels darauf gerichtet, den Peter Müller mit allen Schikanen zu entfernen. Peter Müller war Frontkämpfer, Inhaber des EK 1 und 2. Klasse. 1924 starb er an den Folgen einer Gasvergiftung. Eines Tages fand M. Eickels ein Gewehr 98 unter dem Dach des Hauses, welches von dem verstorbenen Grünther herrührte. Bei dieser Gelegenheit hat Eickels mehrmals geäußert: Wenn Sie jetzt nicht ausziehen, werde ich Sie bei den Belgiern anzeigen. Da Müller wegen der damals herrschenden Wohnungsnot nicht ausziehen konnte, übergab Eickels das Gewehr dem damals hier stationierten Landjägermeister Peil mit der Weisung, das Gewehr den Belgiern auszuliefern. Am Tage darauf ist nun Peter Müller von den Belgiern verhaftet worden. Als Beweis für die Herzenskälte ist noch folgendes anzuführen: Als die arme verwachsene Frau Müller voll Sorge war um ihren Mann, als sie fortgesetzt zur Straße lief, um in Sorge nach ihrem Mann Ausschau zu halten, tobte, pfiff und sang Eickels voll Schadenfreude.“
