Die Mutter Anna Eickels
Anna Eickels, geb. 6. Oktober 1891 in Klinkum, war ebenso wie ihr Mann Mathias tief katholisch und lehnte den Nationalsozialismus mit seinen Organisationen ab. Den Westdeutschen Beobachter nannte sie 1934 ein „Hetzblatt“, das sie niemals lesen oder bestellen würde. Auch über die örtliche Hitlerjugend äußerte sie sich kritisch, insbesondere über den HJ-Führer Hubert Kühnen, der wohl dafür verantwortlich war, dass ihr Sohn Josef im Januar 1934 ohne Begründung aus der HJ ausgeschlossen wurde. Über ihn sagte sie, sie würde sich schämen, einen solchen Sohn zu haben, der Plakate der NSDAP, dieser „Hetzpartei“, klebe.
Diese Bemerkungen wurden der Familie Kühnen hinterbracht. In der Folge erhielt Anna Eickels am 23. Oktober 1934 ein Schreiben vom Rechtsanwalt der Familie Kühnen, in dem verlangt wurde, die Beleidigungen dem Sohn gegenüber bis zum 26. Oktober 1934 schriftlich zurückzunehmen. Andernfalls werde die Sache der NSDAP und dem Reichsjugendführer Baldur von Schirach gemeldet „zur weiteren Verfolgung“.
Ob Anna Eickels dieser Aufforderung nachkam, ist nicht überliefert, aber vermutlich tat sie es nicht. Daher sah sich der beleidigte Hubert Kühnen offenbar veranlasst, nun auch selbst tätig zu werden. Seine Reaktion fiel harsch aus – wohl nicht zuletzt, weil er bereits im Streit mit dem Sohn Josef lag. Datierend vom 30. Oktober 1934 schrieb er Anna Eickels einen Brief, in dem er sich jegliche „Meckerei“ verbat und ihr drohte, andernfalls tätlich gegen sie und ihre Kinder vorzugehen. Als Briefpapier nutzte er einen Bogen mit einem gedruckten Briefkopf „Hitler-Jugend“, den er mit „Berlin, den 30.10.34“ datierte und mit „Hubert Kühnen, Reichsjugendführung“ unterschrieb. Da die Reichsjugendführung aber derartiges Briefpapier nicht verwendete und auch kaum Briefe mit einer Diktion, wie Kühnen sie verwendete, herausgeschickt hätte, drängt sich die Vermutung auf, dass Kühnen die Briefform wählte, um dem Ganzen einen möglichst offiziellen Anstrich zu verleihen und seine eigene Autorität (die, wie man im Umkehrschluss vermuten, darf, begrenzt war) zu erhöhen. Der Brief lautete:
„Heute, am 30. cr., erhielt ich Kenntnis über Ihre neuen Äußerungen gegen die NS-Bewegung. Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass parteischädigende Äußerungen schwer geahndet werden. Was ich persönlich in meiner activen Dienstzeit für die Bewegung und HJ getan habe, geht Sie nichts an. Verschonen Sie in Zukunft meine Mutter mit Ihrem dummen Geschwätz und wagen Sie nicht noch einmal eine Beleidigung. Es ist mir vorläufig noch zu dumm, gegen Sie etwas anzustrengen, wenn Sie wenigstens noch ein Mann wären. Nach Rücksprache mit der zuständigen Abteilung der RJF rate ich Ihnen, Ihre Zunge im Zaum zu halten. Wenn Sie noch einmal meine Eltern anmeckern oder mich beleidigen, werden Sie von mir hören und Sie wie Ihre Kinder werden meine Hand zu fühlen bekommen. Merken Sie sich meine Worte gut!
Heil Hitler!
Hubert Kühnen
Reichsjugendführung“
Diese Episode dürfte mit dazu beigetragen haben, dass zwischen der Wegberger HJ und der Familie Eickels kein gutes Verhältnis bestand, und man kann vermuten, dass dies auch innerhalb der HJ weitergetragen wurde. Der Name Eickels wird jedenfalls innerhalb der HJ in der näheren und weiteren Umgebung keinen guten Ruf genossen haben, und darin wird eine der Ursachen zu finden sein, warum Josef Eickels bald darauf so gravierende Probleme mit Hitlerjungen an seiner Schule bekam.
Auch in den späteren Jahren zeigte sich Anna Eickels den NS-Organisationen gegenüber ablehnend. So weigerte sie sich wie ihr Mann, bei den Sammlungen von DRK und NSV zu spenden. In den Berichten verschiedener Männer und Frauen aus Wegberg, die diese Sammlungen durchführten, wird sie in dem Zusammenhang immer wieder genannt. Nur einmal habe sie 2,- RM gespendet, sich aber geweigert, ihren Namen auf die Liste der Spender zu setzen.
Die Auseinandersetzung mit den NS-Organisationen, die Ablehnung, die ihr von vielen Seiten entgegenschlug und schließlich die Verfolgung ihres Mannes setzten Anna Eickels stark zu. Die Aufregung bewirkte bei ihr ein Herzleiden und eine „allgemeine Nervenschwäche“, deretwegen sie sich ab 1938 in ärztliche Behandlung begeben musste. Ihr behandelnder Arzt bescheinigte ihr noch 1952 wegen der Verfolgungen in der NS-Zeit eine 70- bis 80-prozentige Arbeitsunfähigkeit.
Nach dem Krieg wurde sie als Verfolgte des NS-Regimes anerkannt und ihr wurde im Wiedergutmachungswege ab 8. Mai 1945 Unfallfürsorgebezüge nach dem Deutschen Beamtengesetz gezahlt, die nach dem Ruhegehalt berechnet wurden, das Mathias Eickels als Reichsbahnobersekretär mit einem Lebensalter von 65 Jahren zugestanden hätte.
