Die Vernehmung

Der Brief von Müllers bewirkte, dass Mathias Eickels am 26. Februar und 11. März zur Vernehmung bei Kreisleiter Horst in Erkelenz geladen wurde. Leider existiert über die Vernehmungen kein Protokoll, aber es gibt eine Abschrift eines Vorentwurfs für ein Schreiben an die Kreisleitung, in dem Mathias Eickels auf die Episode über den Waffenbesitz eingeht. Demzufolge trug sich die Geschichte gänzlich anders zu, nämlich als Aggression, die nicht von Eickels, sondern von Familie Müller ausging.

Hier schildert er, dass er 1921 ein Haus bei einer Versteigerung erwarb, in dem die beiden Familien Grünther und Müller wohnten. In dem Haus wurden nun zwei Zimmer für ihn freigemacht, damit er mit seiner Frau ebenfalls einziehen konnte. Die Wohnlage war jedoch für alle sehr beengt, und nicht nur er selbst, auch die Familie Müller wollten gerne mehr Wohnraum zur Verfügung haben. Als nun kurze Zeit später die Witwe Grünther verstarb und Müller die Vormundschaft für deren Kinder übernahmen, beanspruchten sowohl Eickels als auch Müllers die Räumlichkeiten, die zuvor von Grünthers bewohnt worden waren, für sich. Damit entspann sich im Haus eine Art Kleinkrieg, bei dem Müllers die Räumung der Grünther-Wohnung verschleppten, Durchgangstüren verschlossen, den einzigen Schlüssel zur Haustür versteckten und die Nachbarn gegen Eickels aufbrachten. Daraufhin erhob Eickels beim Mieteinigungsamt Räumungsklage, der auch stattgegeben wurde. Doch nun eskalierte der Streit: Frau Müllers täuschte einen – rasch widerlegten – Überfall Eickels auf sie vor. Und Müllers deuteten an, noch ein weiteres Druckmittel in der Hand zu haben. Dies vermutete Mathias Eickels in den alten Weltkriegswaffen, die Müller auf dem Dachboden versteckte. Um einer möglichen Denunziation zuvorzukommen, händigte Eickels Waffen und Munition beim Landjägermeister mit der Bitte aus, diese bei der belgischen Besatzungspolizei (das Rheinland war seinerzeit noch besetzt) abzuliefern. Um Müller nicht seinerseits zu denunzieren, behauptete er dabei, die Waffen hätten dem verstorbenen Grünther gehört. Müller wurde daher lediglich ebenfalls von der Besatzungspolizei vernommen, ihm aber ansonsten „kein Haar gekrümmt“.

Vermutlich fertigte Eickels die schriftliche Darstellung an, weil ihm in den Verhandlungen keine Gelegenheit gegeben wurde, gegen sämtliche ihm zur Last gelegten Punkte Stellung zu nehmen. Darauf deutet jedenfalls ein später entstandener Bericht seiner Ehefrau Anna Eickels hin, der allerdings vermutlich erst nach dem Krieg niedergeschrieben wurde. Dem zufolge ging es bei der ersten Vorladung um Mathias Eickels Einstellung zur „Volksgemeinschaft“, wobei ihm vorgeworfen wurde, dass sein Sohn Josef statt in der HJ führend in der katholischen Jugend sei. Man verlangte, dass Josef dort austrete und sich der HJ anschließe, was Mathias Eickels jedoch ablehnte. Bei der zweiten Vorladung ging es dann um den Brief des Lehrers Müllers, bei der Eickels auch vom Inhalt des Briefes erfuhr.

Obgleich Näheres von den Verhandlungen nicht bekannt ist, steht zu vermuten, dass sich Eickels dort weiterhin als der kompromisslose Katholik darstellte, der er war. Jedenfalls gelang es ihm nicht, die gegen ihn erhobenen Vorwürfe auszuräumen. Im Gegenteil zeigte ihn der Kreisleiter nun seinerseits wegen Gegnerschaft zum Nationalsozialismus und als „Schädling in der Keimzelle nationalsozialistischen Aufbauwillens innerhalb der Beamtenschaft des Kreises“ bei der Eisenbahndirektion Köln an und beantragte, ihn zu maßregeln bzw. zu versetzen.