Anklage trotz Freispruchs als Provokation gewertet
Obwohl Josef Eickels in zweiter Instanz vom Vorwurf des Tragens einer verbotenen Uniform freigesprochen worden war, wurde aufgrund des erstinstanzlichen Urteils im Dezember 1935 durch die Schule erheblicher Druck auf Eickels ausgeübt, seine Mitgliedschaft in der Pfarrjungschar und der Pfadfindergruppe aufzugeben. In dem Zusammenhang wandte sich der Bürgermeister von Erkelenz, Meyer, als Ortspolizeibehörde in einem Schreiben vom 24. Dezember 1935 an den Vater des Jungen, Mathias Eickels, und behauptete, dessen Sohn sei durch sein Verhalten und den Prozess „politisch gesehen stark exponiert“ worden. Darin hätten Mitglieder der NS-Verbände, besonders die HJ, eine „Herausforderung“ gesehen, wodurch es zu einer Steigerung der ohnehin schon großen Spannungen zwischen NS-Verbänden und konfessionellen Organisationen gekommen sei. Diese Spannungen würden nun an der Schule das „Gemeinschaftsleben“ stören und seien schon bis in die einzelnen Klassen eingedrungen. Man habe daher Sorge um die „öffentliche Ordnung und die Zucht an der Schule“. Die Aufregung sei umso größer, als es sich hier um den Sohn eines Beamten handle, der in besonderem Maße der „Vollstrecker des nationalsozialistischen Willens“ sein solle. Der Vater solle daher dafür zu sorgen, dass sein Sohn „die führende Stellung in den konfessionellen Verbänden niederlegt und seinen Austritt erklärt“. Andernfalls müsse er mitverantwortlich für eventuelle Störungen der öffentlichen Ordnung gemacht werden.
Aufgrund einer ungerechtfertigten Verurteilung wurde Josef Eickels nun also als Unruhestifter hingestellt und damit Ursache und Wirkung vertauscht: Nicht SS-Mann Berens und die politisch motivierte Verurteilung durch das Wegberger Amtsgericht wurden als provozierend hingestellt, sondern der eigentlich unschuldige Josef Eickels.
Das Schreiben des Bürgermeisters wurde von Familie Eickels an Pfarrer Plum in Beeck weitergereicht, der das Bischöfliche Generalvikariat am 25. Januar 1936 über die Sache informierte. Er fügte hinzu, dass er die Familie auf die möglichen Folgen der Sache hingewiesen habe, diese jedoch trotz der Drohungen „fest in ihrem bisherigen Verhältnis zu unseren kirchlichen Vereinen“ bleibe.
Das Bischöfliche Generalvikariat setzte daraufhin am 18. Februar 1936 Gauleiter Grohé und am 6. März 1936 den Aachener Regierungspräsidenten über die Sache in Kenntnis und betonte, dass der Schüler Josef Eickels in keiner Weise die NS-Verbände herausgefordert habe, sondern die „Beunruhigung im Gemeinschaftsleben“ ganz offenbar auf die vom Gericht festgestellte „Voreingenommenheit und Übereifer“ zurückzuführen seien. Man bitte daher, „das Weitere“ zu veranlassen.
In ihrem Antwortschreiben vom 4. März 1936 erklärte sich die Gauleitung in Köln-Aachen allerdings für nicht zuständig. Bürgermeister Meyer habe den Brief in seiner Eigenschaft als Bürgermeister geschrieben und trage daher auch die Verantwortung. Für eine Beschwerde sei daher die ihm vorgesetzte Dienstbehörde zuständig, nicht die Partei.
Das Bischöfliche Generalvikariat erklärt darauf am 6. März 1936, die Beschwerde sei deshalb der Gauleitung zugegangen, weil Meyer erklärt habe, das Schreiben im Einvernehmen mit der maßgebenden politischen Leitung des Kreises verfasst zu haben. Eine Beschwerde an den Regierungspräsidenten erfolge außerdem.
Der Regierungspräsident sah nun allerdings in seinem Antwortschreiben vom 31. März 1936 den Vorwurf des Bürgermeisters von Erkelenz als begründet an: Der Bürgermeister habe sich bei seinem Schreiben von dem Verhalten Eickels leiten lassen und durch seine Forderung den „gefährdeten Frieden am Gymnasium in Erkelenz“ wiederherstellen wollen. Weitere Schritte seien nicht unternommen worden. Das Generalvikariat möge nun auch von sich aus Gelegenheit nehmen, „Eickels darauf hinzuweisen, dass er sich in Zukunft die erforderliche Zurückhaltung, an der es ihm nach der Meinung der Schulleitung fehlt, auferlegen möge“. Von dem geforderten Austritt aus den katholischen Jugendorganisationen war nun immerhin keine Rede mehr. Für eine solche Forderung fehlte ja auch eine juristische Grundlage.
Ruhe gab es dennoch nicht. Am Sonntag, den 7. Juni 1936 wurde Eickels auf dem Heimweg von einem Treffen mit seiner Pfadfindergruppe im Pfarrheim von Feldwachtmeister Stotzka kontrolliert. Er musste seine Aktentasche öffnen, und Stotzka nahm einige Schriften an sich mit der Bemerkung, er wolle nun endlich wissen, was die Pfadfinder treiben. Erst nach einigen Tagen erhielt Eickels die Sachen zurück.
Auch in der Schule kam es wieder zu Schwierigkeiten. Hier hatte Eickels während mehrerer Unterrichtsstunden eine Auseinandersetzung mit Direktor Dr. Keus vor der gesamten Klasse, bei der er klarstellen musste, dass er nicht aus „Widersetzlichkeit“ in der katholischen Jugend bleibe, sondern aus „grundsätzlichen Erwägungen“. Zudem suchte Keus den Druck dadurch zu erhöhen, dass die Umfragen nach Beteiligung in NS-Verbänden nun immer häufiger und nicht nur vor versammelter Klasse, sondern vor versammelter Schülerschaft stattfanden. Die wenigen, die sich dann noch meldeten, wurden einer unangenehmen Befragung unterzogen. Josef Eickels war dann schließlich außer den unbehelligten Mitgliedern des St. Antonius-Konviktes der Einzige, der sich bei diesen Gelegenheiten noch melden musste. Alle anderen hatten sich dem Druck gebeugt.
Die Auseinandersetzungen um Josef Eickels bzw. die katholische Jugend machten auch dem zuständigen Pfarrer aus Beeck, W. Plum, Sorgen, da er seit einem Einkehrtag, der am 17. Mai 1935 für die katholische Jugendführerschaft des Bezirks Rheydt veranstaltet worden war, unter Beobachtung vor allem des Kreisschulrates in Erkelenz stand. In einem Schreiben an das Bischöfliche Generalvikariat in Aachen vom 15. Juni 1935 bemerkte er zudem (und hier zeigt sich, dass er wohl ein etwas zaghafter Mann war), dass erschwerend für ihn hinzukäme, dass immer noch Jugendgruppen im Pfarrheim tagten und „immerhin ein Prozentsatz von Schulkindern nicht dem BDM bzw. Jungvolk angehören, während im weiteren Umkreis alles 100 Prozent erfasst ist, und auch in kth. Jugendvereinen so gut wie nichts mehr geschieht“. Besonders begeistert schien er über die Jugendgruppen, die ihm offenbar mehr Sorgen als Freude bereiteten, wohl nicht zu sein.
