Kontroverse Direktor Dr. Keus und Mathias Eickels
Nach den Sommerferien erhielt Mathias Eickels am 5. September 1936 einen erneuten Beschwerdebrief von Dr. Keus, diesmal, weil sein Sohn am ersten Schultag auf dem Schulhof erschienen war, um einige Schulkameraden als Entlastungszeugen für den nächsten Morgen zum Erkelenzer Polizeibüro zu bestellen. Keus wertete dies als erneuten Verstoß gegen die Schulordnung. Eickels hätte die Mitschüler in deren Wohnungen aufsuchen müssen, für einen Schulbesuch hätte er zuvor eine Genehmigung bei ihm einholen müssen. „Angesichts dieses dreisten Übergriffs Ihres Sohnes muss ich Sie zum letzten Male bitten, darauf hinzuwirken, dass Ihr Sohn sich den schulischen Anordnungen fügt und alles vermeidet, was die Mitglieder der NS-Verbände weiter reizen könnte.“
Mathias Eickels versuchte daraufhin, bei Keus die Vorwürfe gegen seinen Sohn zu entkräften, jedoch ohne Erfolg. Keus konfrontierte ihn vielmehr mit neuen Anschuldigungen – an einer einvernehmlichen Lösung war er ganz offensichtlich nicht interessiert. So hielt er Eickels vor, dass sein Sohn nicht an den beiden nationalpolitischen Lehrgängen teilgenommen hätte und im Winter 1934/35 auch häufig dem Unterricht am Samstag, dem Staatsjugendtag, ferngeblieben sei. Daraus beurteile er dessen Einstellung zum „neuen Staat“. Die Entgegnung von Mathias Eickels, sein Sohn sei krankheitsbedingt entschuldigt gewesen, schenkte Keus wenig Glauben.
Zudem verwies Keus darauf, dass Josef früher in der HJ gewesen sei, dort jedoch ausgeschlossen worden sei und sich kurz darauf einem konfessionellen Jugendverein angeschlossen habe. So sei ein „gespanntes Verhältnis zwischen ihm und der HJ“ entstanden. Mathias Eickels erklärte hingegen, die Spannungen seien schon während der Mitgliedschaft in der HJ entstanden, weil sein Sohn „örtliche Missstände“ gerügt habe und seine „religiöse Betätigung“ und sein Kontakt mit der örtlichen Geistlichkeit nicht gefallen habe. Daher habe man den Ausschluss damit begründet, dass Josef ein „Spitzel“ gewesen sei.
Weiter wurde von Keus der Vorwurf erhoben, durch die Mitgliedschaft Josefs in einem katholischen Jugendverein seien in der Schule Spannungen entstanden. Diese seien nach dem Freispruch durch das Landgericht am 28.11.1935 „bedrohlich gestiegen“. Daraufhin fragte Mathias Eickels, weshalb die betreffenden Schüler nicht über die „Rechtmäßigkeit des Urteils“ aufgeklärt worden seien und von ihnen ein „gesetzmäßiges Verhalten“ gefordert worden sei, und man dagegen fordere, dass sein Sohn sein „rechtmäßiges Verhalten“ ändern müsse. Keus beantwortet diese Frage damit, dass sein Sohn „nun einmal – politisch gesehen – stark exponiert“ gewesen sei. Daher müsse er sich „umstellen und ganz zurückhalten“. Auf die Entgegnung Mathias Eickels, mehr Zurückhaltung sei wohl kaum möglich gewesen, da sein Sohn ein Zusammentreffen mit „ihm übel gesinnten Menschen“ immer vermieden habe und die „herausfordernde Haltung“ auf die andere Seite zurückzuführen sei, reagierte Keus mit neuen Anschuldigungen: Josef sei durch seine Tätigkeit in der katholischen Jugend ein „dauernder Volksschädling“ und habe andere abgehalten, der „Staatsjugend“ beizutreten. Dies stellte Mathias Eickels in Abrede und verwies darauf, dass sich Keus „nach den Urteilen der Zeugnisse widersprechen“ würde. Das Urteil des Landgerichtes Mönchengladbach erkannte Keus aber ohnehin nicht an und behauptete, das Handeln des Sohnes sei eine „Herausforderung der HJ“ gewesen. Sei das Gericht vom „juristischen Standpunkte“ ausgegangen, gehe er vom „erzieherischen“ aus und sehe, welche „Gesinnung“ sich daraus ablesen ließe.
Ähnlich beurteilte er das schwebende Verfahren gegen Josef. Dieser hätte sich beim Handballspiel an den Lehrer oder an die Polizei wenden müssen, als die Streitigkeiten auszubrechen drohten. Ebenso wenig Verständnis zeigte er dafür, dass sich Josef ein Kabel in die Tasche steckte, um sich bei einem befürchteten dritten Überfall der HJ verteidigen zu können. Dies sei keine Selbstverteidigung gewesen, sondern ein „überlegter Überfall auf Hitlerjungen“. Zugeben musste er allerdings, dass die Jungen äußerlich nicht als Hitlerjungen zu erkennen waren und sie Josef auch nicht bekannt waren. Trotzdem behauptete er, Josef habe die Gelegenheit begrüßt und ausgenutzt, statt sie zu vermeiden. Mathias Eickels erwiderte darauf, dass sein Sohn jeder Gelegenheit aus dem Weg gegangen sei und sich nur verteidigt habe, als ein Entweichen nicht mehr möglich gewesen sei.
