Gisbert Kranz: Fahrten 1 (1935/36)
1. Buch.
Wir traben in die Weite.
Eifel-Fahrt – Pfingsten 1936.
1935. Fahrt ins Sauerland und Oberbergische, Oktober.
Gisbert Kranz
Lache ins Leben,
es lacht dir zurück!
Nutz jede Stunde,
sie bringt dir nur Glück!
Ärgere dich nicht über den alltäglichen Dreck,
sage dir immer: „Es hat keinen Zweck“.
Frohsinn bringt Fortschritt,
Ärger macht mies,
? Fragment von Paul Vogt. ?
Alle Recht vorbehalten.
Zogen einst fünf Wilde Schwäne .....
Eifelfahrt Pfingsten 1936.
Aus grauer Städte Mauern
ziehn wir durch Wald und Feld,
wer bleibt, der mag versauern,
wir fahren in die Welt!
So konnten wir singen, als wir am Freitag, den 29. Mai, auf Fahrt gingen und für 7 Tage Schule und Sorge vergessen und die schöne Eifel „geniessen“ wollen. Mit viel Quängelei und Schmollerei war es endlich gelungen , den Eltern die Erlaubnis zur Fahrt abzuringen. – Um ½ 6 Uhr wollten wir uns am Wasserturm treffen, Franz-Josef, Hans, Heinz, Rudolf und ich. Rudolf hatte noch nicht bestimmt gewusst, ob er mitfuhr. Er musste erst noch mal bei seinen Eltern vorsprechen.
Und als wir um ½ 6 am Wasserturm standen, war Rudolf noch nicht da; wir dachten schon, er dürfe nicht mit, und Franz-Josef telefonierte mal hin; es meldete sich keiner. „Die sind wohl da alle feste am pennen.“ sagte er. – Doch um ¼ vor 6 kam er, ganz verschlafen. Wir hatten wohl alle noch den Schlaf in den Knochen, aber der ging beim Trampeln schon heraus. – Zuerst fuhren wir durch Essen über Mülheim nach Duisburg. In Essen musste Rudolf schon sein Rad aufpumpen. Das geschah am ersten Tag der Fahrt pünktlich alle halbe Stunden, später auch noch einigemale, als er seinen Reifen geflickt hatte. In Duisburg geschah der zweite Fall: Meine Lampe flog mit elegantem Schwung aufs Pflaster. Ich stoppte sofort, und beinahe wäre mir Papa I (Papa II war Heinz) bezw. Franz-Josef, der hinter mir fuhr, in die Karre gefahren. Der dritte Fall pas-
sierte, als wir zur neuen Rheinbrücke fuhren, die, wie wir erst nachher merkten, etliche Kilometer südlich von Duisburg lag, zwischen Mündelheim und Ürdingen. Als wir da waren, mussten wir feststellen, dass die „neue Rheinbrücke“ noch nicht fertig war. Wir hatten uns glücklich bis hierhin durchgefragt, und keiner hatte uns was davon gesagt. Dann hätten wir auch in Duisburg über den Rhein fahren können. Jetzt mussten wir mit der Fähre uns übersetzen lassen, und das kostete 20 Pfennig, ein Riss in den Geldbeutel. Einen noch grösseren Riss gabs in Rudolfs Säckelchen, und das war der dritte Fall: Papa II alias Heinz putzte sich mit der rechten Hand die Nase und hielt den Lenker mit der Linken. Dabei fuhr er Rudolf in die Karre. Erfolg: eine Reihe Speichen kaputt. Eine Fahrrad-Reparatur-Werkstatt wurde ausfindig gemacht, und der Schaden wurde
ausgebessert. Wir hatten Glück, denn gerade wurde der Betrieb geöffnet. (Es waren 8 Uhr) Der Gehilfe musste aber feststellen, dass der Rücktritt auch kaputt war. Bis alles fertig war, wurde es ¼ vor 9, und in der Zeit stärkten wir andern uns. Ich frug Papa I: „Wie teuer wird dat wohl?“ „Och, nich viel, 20 Pfennig?!“ Aber gepfiffen, 60 Pfennig musste Rudolf blechen und Papa II, der auch ein paar Speichen kaputt hatte, kam mit 20 Pfennigen davon. Ich sang: „Wenn das so weitergeht... die ganze Fahrt, kriegen wir schnell unsre Kröten los!“ – Als Rudolf nochmal aufgepumpt hatte, gings weiter nach Mündelheim. Den Knall mit der „neuen Rheinbrücke“ habe ich ja schon geschildert. – „Ich muss aber sagen, für die ersten drei Stunden haben wir schon viel „erlebt“!“ – Von Ürdingen fuhren wir über Krefeld nach Gladbach. Als wir
durch Krefeld gefahren waren und den ganzen Grossstadtdreck (Verzeihung!) hinter uns hatten, gings durch bunte Wiesen und Felder. Rechts und links standen in Mengen Mohnblumen, Kornblumen, Gänseblümchen oder Margueriten, Butterblumen usw. – Gegen 11 Uhr waren wir in Gladbach. Hier kauften wir uns Milch und assen Kniften. Dann fuhren wir nach Rheindahlen, wo ich meine Oma besuchte. Die andern warteten solange. Als ich schellte und Onkel Josef mir öffnete, machte er grosse Augen. Ich kam ja so unangemeldet. Er konnte zuerst nichts sagen, so platt war er. Dann kamen auch Oma und Tante Aloysia. Ich erzählte ihnen, dass ich Fahrt sei, und dass ich noch heute nach Aachen wolle. Trotzdem ich pipesatt war, musste ich noch eine halbe Schüssel Salat, Bratkartoffel und einen Pfannekuchen herunterwürgen. Das war noch vom Mittagessen übrig geblie-
ben. Die alte Tante Linchen kam auch ’ran und beguckte sich meinen Affen. Dann sagte sie: „Jung, so ist et richtig, man immer in die Welt hinaus! wenn du 75 Jahre alt bist, kannste dat nimmehr!“ Als sie hörte, dass ich auch nach Neuerburg fuhr, sagte sie, ich sollte Tante Jettchen viele Grüsse bestellen. Wer das war, wusste ich garnicht. Aber ich liess mir die Adresse sagen. Vielleicht konnte ich da ja zu Mittag essen. Ich sagte zu allem Ja und Amen und verabschiedete mich. Die andern warteten schon lange. – Auf dem Wege nach Erkelenz trafen wir einen Tippelbruder. Wir setzten uns zu ihm und er erzählte dann, wo er schon überall war und wo er noch hinwollte. Er war Gärtner. Er besuchte vor allem Wallfahrtsorte. Aus einem alten Kalender hatte er sich Aufsätze über die einzelnen Wallfahrtsorte ausgeschnitten.
Die zeigte er uns alle. Er zeigte uns auch eine Übersetzung des neuen Testamentes. Er sagte: „Dat is ein feines Buch. Da les ich jeden Tag drin. Da muss man aber alles der Reihe nach lesen, sonst versteht man dat nich.“ Er zeigte uns auch ungefähr 20 Wallfahrtsmedaillen und ein „Reliquienkreuz“, die er um den Hals (der wohl schon lange nicht mehr gewaschen war) an einem „silbernen Kettchen“ hängen hatte. Er sagte, er ginge jeden Morgen zur Messe. Hans frug, woher er denn komme. „Aus Berlin.“ sagte der fromme Tippelbruder. „Da heissen viele Paule, nicht?“ „Ja“, sagte er, „Ede, benimm dir!“ Er erzählte uns noch allerhand, von den heutigen Christen, die nicht mehr in die Kirche gehen, und so weiter. Er sagte: „Wenn man die Kirche hat, hat man alles, was man braucht.“ – Er wollte noch nach Oberbayern, nach Konnersreuth zur Therese Neumann.
„Da muss man aber erst die Erlaubnis vom Bischof von... von, hm...“ „Regensburg“, sagte ich. „Richtig, vom Bischof von Regensburg. Ja, wenn ich komme und sie die vielen Medaillen sehen, dann sehen sie ja, das ich ein anständiger Mensch bin, dann darf ich schon hin. Die Theres sagt dir alles, wat du getan hast, ob du ’n anständiger Mensch bist, oder ob du immer in die Kirche gehst... Ich bin ja gespannt, wat se zu mir sagt?!“ sagt er lachend. „Ja, ich muss mir Geld zusammensparen für’n Rad, denn dat kann man ja nicht alle zu Fuss machen.“ Er kam dann wieder auf sein Neues Testament zu sprechen. „Ja, dat alte Testament, dat wird heute garnicht mehr gelesen. Dat is nich mehr so wichtig...“ Da sagte Franz-Josef: „Ja, das stimmt, in den Schulen wirds nicht mehr durchgenommen. Aber es ist genau so wichtig, wie das andre.“
„Ja, nee, hier dat is aber doch wichtiger. Dat andere wird jarnich mehr gebraucht. „Doch, doch, die Propheten und die Psalmen und das alles...“ – Schliesslich fuhren wir wieder weiter. Franz-Jupp sagte: „Ich musste lachen, wie der die Heiligenbilder auskramte und ich sagte: Sie haben aber schöne Bilder da! Dat glaubte der auch alle. Aber dat muss man ihm lassen, dat findet man unter so Tippelbrüdern selten, dat die jeden Morgen in ’ne Kirche gehn.“ Hans sagte: „Du hättest nicht ’Sie’ zu ihm sagen sollen, unter Tippelbrüdern dutzt man sich doch.“ – Allmählich wurde die Landschaft wellig, wir kamen vom Niederrhein weg. Wir fuhren durch viele Wälder. Einmal sahen wir ein ganzes Rudel Rehe. Unter den gelben Schildern vor den Orten, wo der Name des Ortes draufsteht, stand immer: Zollgrenzbezirk. Rudolf sagte: „Ich wollte mal so’ne richtige Knallerei hier sehen, so mit Schmugglern. Dat wär
ewig interessant!“ ’Ewig’ war unser Schlagwort, das, wo es nur ging, angewandt wurde. – Wir fuhren über Alsdorf nach Aachen. Die Gegend wurde wieder hügelig. Es waren auch viele Kohlenzechen da. Auch Seidenspinnereien und Tuchfabriken sahen wir. In Krefeld, Gladbach und Rheindahlen waren auch Spinnereien. – Vor Aachen fuhr Rudolf nach Stolberg, wo er Verwandte hatte. Um 8 Uhr sollte er an der Kurbrunnenstr. sein, wo Pater Faust wohnte. Hier wollten wir hin, damit er uns Quartier verschaffe. Gegen 7 Uhr waren wir in Aachen. Wir mussten viele Leute fragen, wo die Kurbrunnenstrasse sei. Einen fragen wir, der hatte eine ganze Reihe Plaketten und Blumen vom WHW an. Der sagte: „Hier ’runter, untere rechts rein...“ und ging weiter. Da wollten wir fahren, aber da liefen zwei Männer hinterher und riefen: „Halt, halt!“ Franz-Josef und ich hielten, die andern beiden fuhren weiter. „Dat is ja
janz falsch, wat der euch sagte; dat is ’n Verrückter, ’ne Stadtjeck. Dat geht daher.“ Und die Herren sagten uns den Weg richtig. Die beiden andern hatten angehalten, als sie merkten, dass wir nicht kamen; sie waren die Einbahnstrasse entgegengesetzt ’runtergefahren. Als wir wieder zusammen waren, sagte Franz-Jupp: „Dat mit dem Stadtjeck war gut. Dat geht so... und nicht wie der sagte.“ – Schliesslich fanden wir nach langem Suchen die Strasse. Franz-Jupp ging in das Gelände hinein. Wir warteten. Nach einer Weile kam er wieder ’raus: „Pater Faust hat grade ’ne Andacht. Wir müssen noch warten. Stellt eure Räder schon mal rein.“ Wir taten dies und gingen auf den Hof. Hier kamen zwei Neudeutsche aus einem Raum heraus und begrüssten uns. Sie hatten dort ihre Heime. Sie zeigten uns alles und erzählten, was mit N.D. in Aachen noch los sei. Es kamen noch eine Reihe
anderer N.D.-er herbei. Dann kam auch einer, der im Arbeitsdienst ist und Urlaub hatte, in Uniform. Nach einer Weile traten wieder zwei Arbeitsdienstler herein, nach einer Weile wieder einer, dann noch mal zwei und ein Soldat. Alle lachten. „Jetzt können wir ja antreten lassen.“ sagte der erste Arbeitsmann. – Schliesslich kam Pater Faust. Als er die Neudeutschen begrüsst hatte, stellten wir uns ihm vor und sagten, ob er uns wohl Quartier besorgen könne. Er sagte: „Hier im Gelände ist kein Platz. Aber kommt mal mit.“ Er führte uns auf sein Arbeitszimmer und sagte, auf einer Karte von Aachen den Weg zeigend: „Ich weiss in Kornelimünster eine Herberge, die neutral ist. Der Hausmeister kennt mich gut. Ihr könnt euch auf mich berufen. Seht, ihr fahrt hier über Brand, da müsst ich ordentlich schieben...“ „Wieviel km sind das denn noch?“ frug Papa
I. „Och, es werden wohl 10 Kilometer sein!“ Wir sahen uns gegenseitig an. Schieben, 10 km, und es waren 8 Uhr. Da frug Hans: „Können wir denn nicht im Gesellenhaus hier schlafen?“ „Wartet, im Gesellenhaus! Das ging! Ich will mal anrufen. – Hallo! Hier Pater Faust... Hallo,... Hallo! – Es meldet sich keiner... Hallo... – Na es meldet sich keiner. Ihr könnts ja mal so versuchen, nicht?“ – Wir verabschiedeten uns, und ein Neudeutscher sollte uns zum Gesellenhaus hinbringen. Da kam Rudolf. Er sagte, dass er die Nacht bei seinem Onkel schlafe und mit dem Auto hierhergekommen sei und zurückfahre. Wir sagten, er solle am nächsten Tag um 12 Uhr mittags wieder hier sein. – Er sauste wieder ab, und wir fuhren zum Gesellenhaus. (Dem Gesellenhaus gegenüber war das Haus des Päpstl. Werkes der hl. Kindheit.) Wir bekamen ein Zimmer unter dem Dach, aber prima,
mit vier Bauernbetten mit rotkarierten Kissen. – Unsere Räder stellten wir in einem andern Raum. Dann assen wir. Kaffe kochten wir uns in der Küche. Nach dem Essen kam ein Kellner mit dem Gästebuch, in das wir uns eintragen mussten, dazu noch Wohnort, Strasse, Beruf, Geburtsort und –Zeit, Tag der Ankunft, Tag der Abfahrt. Dann gingen wir zu einem bestimmten Ort, wo der Kaiser zu Fuss hingeht, und stiegen zu unserem Zimmer rauf. Wir mussten über einen Hof, da es in einem Anbau lag. Durch die Fenster sahen wir in einen Saal, wo ein Männerchor übte. „Deutschland, mein Vaterland!“ In einem andern Saal spielte eine Musikkapelle. Oben in unserm Schlafzimmer hörten wir aber nichts davon. Wir kleideten uns aus und legten uns in die Betten. Ich studierte noch die „Hausordnung“ durch, die an der
Wand hing und von 1910 war. Hans stöhnte, dass das Bett so klein sei; er könnte sich garnicht grade drinlegen. Ich verteilte noch Bonbons, die mir meine Mutter mitgegeben hatte. – Ich musste jeden Abend eine Karte nach Haus schreiben. Das war mir manchmal sehr lästig, und die andern haben mich natürlich immer ausgelacht. Bevor wir schlafengingen, hatte ich sie noch schnell in den nächsten Briefkasten geworfen. Es war schon 10 Uhr. –
Am andern Morgen wurden wir um 7 Uhr wach. Wir hatten gut geschlafen. Eine halbe Stunde blieben wir noch in der Falle. Papa I entdeckte einen Floh, der auf dem rotkarierten Kissen sass. „Wo denn?“ frug ich. „Hier diesen Streifen nach...“ „Hier?“ „Nein, noch ’n Stück weiter rauf.“ „Och, ja.“ „Nettes Tierchen, nicht?“ sagte Papa. „Pass mal
auf, wat der springt! Hopp! siehste!“ „Dat is ’n stark Stück! Sitzen wir hier in Ungeziefer.“ sagte Heinz. „Och dat ist noch garnichts, wo ich damals in N. war, da wimmelte et von so ’nem Zeug!“ sagte Hans. „So, waren da auch Tierchen?“ frug Papa I. „Tierchen? Och, Tierchen! gar kein Ausdruck! Tiere!“ „Du, der Alte gestern, der hatte auch Bienen.“ sagte Papa II. „So?“ frug ich. „Wat macht der denn damit?“ Mit den Bienen waren aber Flöhe gemeint und Läuse; die hab ich bei dem Tippelbruder aber nicht entdecken können, wenn er auch sonst ganz struppig aussah. – Nach diesem interessanten Thema standen wir auf und wuschen uns. Dann gingen wir ’runter und frühstückten. Ein Aachener Neudeutscher kam dann und führte uns durch die alte Kaiserstadt. Zuerst gingen wir zum Dom, dessen ältester Teil Karl der Grosse gebaut
hat. Am Portal waren an der Tür ein Wolfskopf, der im Maul einen Daumen hatte. Im Vorraum sass rechts auf einem hohen Sockel ein Wolf, der ein kreisrundes Loch im Bauch hatte. Innen war der Wolf hohl. Gegenüber stand, ebenfalls auf einem Sockel, ein grosses, knospenähnliches Ding. Hiermit hat es folgende Bewandnis. Als der Dom gebaut wurde, bekam man ihn nicht mehr fertig. Da kam der Teufel und sagte, wenn er die Seele dessen bekäme, der den vollendeten Dom zuerst betrete, wolle er den Dom fertigbauen. Und so geschah es. Als aber der Teufel fertig war, schickte man als ersten einen Wolf hinein. Der Teufel fuhr auf ihn los und riss ihm die Seele aus dem Leib. Der Wolf aber biss ihm den Daumen ab. Das war der Daumen, der in dem Wolfskopf an der Tür steckte. Das knospenähnl. Ding auf dem Sockel war die Seele. –
Wir sahen uns im Dom die Mosaiken an der Decke und an den Wänden, die Fenster und den Krönungsstuhl an. Die Fenster im Chor waren 27 m hoch und 10 m breit; es sind die grössten Europas. Dann gingen wir in die Seitenkapellen. In einer war ein Gnadenbild der Muttergottes. – Im Dom waren keine Bänke, sondern Stühle. – Wir gingen wieder hinaus und wandelten durch den Kreuzgang. Neben diesem ist die Domschatzkammer. Gerade gingen wieder Leute hinein. Die Tür blieb offen, nur das Gitter wurde geschlossen. Wir sahen durch das Gitter einen Teil der gegenüberliegenden Wand. Es stand dort unter anderem die Büste Leos III. Wir hörten uns die Rede des Führers an. Dabei machte Franz-Jupp die Bewegung des Leierkastenmannes. Wie wir da so standen, kam
ein Geistlicher, der, wie wir später hörten, Prälat und Domschatzmeister war. Er schloss das Gitter offen, ging hinein und sagte zu dem Pater, der an der Tür stand: „Ich sehe mich von lauter Jungen umringt, die den Domschatz sehen wollen, aber kein Geld haben.“ Dann sprach er leise mit dem Pater. Nach einer Weile sagte er: „Ihr könnt reinkommen!“ und ging wieder hinaus. Wir taten es, wie im Traum. Wir hatten nichts gesagt und konnten nun umsonst den ganzen Domschatz sehen. Sonst kostet das 1 Mark. – In dem Raum aber strotzte es nur so von Gold. Da lagen Messgewänder, Kelche, Brustkreuze, riesengrosse Reliquienmonstranzen, ich weiss nicht, was alles. Ich kann garnicht alles aufführen; es würde zu lang werden und ich würde doch die Hälfte vergessen. Ich möchte nur die Gewänder und Handschuhe Karls des Grossen, die Büste desselben mit der Schädeldecke und einem Knochen,
„silberjetrieben, stark verjoldet“, wie der Führer sagte, und die Büste Leos III. erwähnen, dann zwei grosse Schreine, ein paar Kronen, ein Vortragskreuz, das mit Steinen besetzt war, darunter eine Gemme mit Millionenwert, ein 2000 Jahre alter Onyxstein usw., Gemälde, Schwerter, Reliquien von der Muttergottes und Johannes dem Täufer und der Strick, mit dem Christus an die Geisselsäule gebunden war, in einer goldenen Monstranz, „silberjetrieben, stark verjoldet“, usw. usw. – Am Schlusse bedankten wir uns und gingen wieder hinaus. Draussen sah der Dom viel grösser aus, als von innen. Das Mittelstück ist romanisch, das Chor gotisch. – Wir gingen jetzt zum Kurbrunnen. In einem grossen Pavillon aus weissen Steinen, eine Art Säulenhalle führt eine Treppe hinab zum Brunnen. Das Wasser ist sehr heiss und kommt direkt aus der Erde. Hans und Papa
I. gingen hinunter und nahmen ein Glas. Ich ging misstrauisch hinterher. Es stank nach faulen Eiern. Hans tat einen Schluck und setzte wieder ab. „Gisbert, trink du mal, schmeckt lecker!“ Zuerst wollte ich nicht, endlich aber griff ich doch zum Glas und – ha, wenn nur der Gestank nicht wär! – tat einen vorsichtigen Schluck – brrr, ba, pfui Teufel nee! Ich spuckte das ganze Zeugs wieder aus. Das war Wasser? Nein, ein faules Ei, brrr... Die andern standen herum und lachten. Hans sagte zu dem Fräulein: „Wenn Karl der Grosse wiederkommt, kann er das Glas austrinken! Bestellen Sie ’n schönen Gruss von mir!“ Es liess das Glas stehen und wir gingen wieder rauf. Ein Herr kam schnell zu dem Brunnen runter, nahm sein gemietetes Glas aus dem Schrank, liess es sich füllen und trank in einem Zug die ganze Sose aus! Die armen Kurgäste müssen 3 mal am Tag ein Glas Wasser trinken! – Gegenüber vom
Kurbrunnen war ein „Aachener-Printen“-Geschäft. Wir gingen ’rüber und stellten uns vor das Fenster. Da lagen alle möglichen Arten von Printen und Pfefferkuchen. 0,50 M, 0,75 M, 1,50 M usw. „Nee, dat is aber zu teuer. Dat mag ja wohl besser schmecken, als Aachener Wasser! – Ja, nehm ich war, oder nehm ich nix. Papa I sagte, sowas machte man am letzten Tag. Noch war ich unschlüssig. Echte Aachener Printen! Ich hatte Aachener Wasser getrunken, jetzt noch Aachener Printen...! In Aachen gewesen zu sein und keine Printen gegessen zu haben, ist dasselbe, wie in München gewesen zu sein und kein Bier getrunken zu haben, oder in Neapel gewesen zu sein und nicht gestorben zu sein! Schliesslich liess ich es doch sein, in Anbetracht meines Geldbeutels... und in Steele gibts ja auch Aachener Printen. – Der Neudeutsche zeigte uns noch das Theater, die Post und das Denkmal vor
dem Rathaus. Wir bewunderten die prächtige Fassade dieses Riesenbaues. Nun gingen wir die Freitreppe hinauf und wollten in das Rathaus hinein, um die Fresken von Rethel zu sehen. Das kostete aber 30 Pf. Papa I. war unschlüssig. Ich sagte: „Gehn wir doch ’rein. Es wird sich schon lohnen! Wer weiss, wann wir nochmal nach Aachen kommen!“ Wir handelten das Eintrittsgeld auf 10 Pf. herab, den Eintrittspreis für Schulen und Vereine. Dann gingen wir hinauf in den Saal. Wir besahen uns die grossen Fresken Rethels von der Kaiserkrönung Karls des Grossen, die Taufe Wittekinds und die andern. Dann gingen wir in die Kleinodienkammer. Hier wurden uns die Nachbildungen der Reichskleinodien und der Krone Karls des Grossen gezeigt. Auch die hl. Lanze, einen Nagel vom Kreuze Christi, Bilder von Dürer, ein Modell des Denkmals vor dem Rathaus (im Barockstil), das Schwert Karls des Grossen,
das ihm Harun als Raschid geschenkt hat (Original), und vieles andere sehen wir. Als Hindenburg die Kleinodienkammer besuchte und einen Federhalter aus Elfenbein in die Hand nahm, sagte er nach einer Weile: „Dat Ding ist mir zu gefährlich, dat geht mir kaputt!“ und legte ihn wieder hin. Er war nämlich dünn und kunstvoll geschnitzt. – Als wir das Rathaus verlassen hatten, besahen wir uns noch den Gänsediebbrunnen. Dann gingen wir zum Gesellenhaus zurück. Es waren schon 12 Uhr. Wir assen dort zwei Teller Erbsensuppe als Mittagessen. Zum Nachtisch kauften wir uns jeder einen halben Reisfladen, eine Aachener Spezialität. Rudolf war von Stolberg wiedergekommen und wir erzählten ihm, was wir alle gesehen hatten. Da hatte er wohl einen Bart. Auf der Kegelbahn kegelten wir noch eine Viertelstunde, dann packten wir unsere Sachen. Um 3 Uhr fuhren wir ab. Wir wollten nach Monschau, wo wir
um 5 Uhr sein wollten. Von hier aus wollten wir zu Fuss ins Hohe Venn, noch am selben Tag. Aber wir kamen erst um 7 Uhr an. – Wir fuhren über die Grenze nach Belgien ’rein. Am Zoll frug der Beamte uns, ob wir Zigaretten rauchten, und er klopfte an unserm Affen. Papa II. sagte mit unschuldigem Gesicht: „Wir rauchen garkeine!“ Wir zeigten unsere Papiere vor und gingen durch. 6 km fuhren wir durch belgisches Gebiet. Die Strasse war ganz grade, wie mit dem Lineal gezogen. Es ging immer bergauf, dann mal wieder etwas abwärts. Man sah vor sich die Strasse wie ein Wellblechband. Hans nannte die Strasse von Aachen nach Monschau „Himmelsleiter“. Es ging stufenweise aufwärts und auf dem obersten Punkt, 6 km vor Monschau, rrrrr die Strasse mit ihren vielen Windungen im Saus hinunter. Ganz unten im Tal lag dann das Städtchen. Das war immer so
auf unserer Fahrt. Zuerst dauernd geschoben, und wenn man oben war, im Saus hinunter. Unten lag dann immer ein Dorf. – Als wir hinter der belgischen Grenze waren und auf deutschem Boden wieder fuhren, setzte ein starker Regen ein. Schon in Belgien hatte es immer „gefisselt“. Wir stellten uns in den Wald. (An der Grenze sind übrigens viele Waldungen; auch als wir nach Neuerburg fuhren, fuhren wir durch Wald.) Ich verteilte die letzten Stifte, die ich hatte. Dann hörte es allmählich auf, zu regnen, und wir fuhren weiter. Bald kam das ersehnte Gefälle vor Monschau. Die andern, Rudolf, Heinz, Hans und Franz-Jupp waren vor mir. Ich blieb immer weiter zurück. Unten kurz vor Monschau, bog eine Strasse nach rechts ab, in ungefähr gleicher Richtung, wie die andere. Nur war diese waagerecht, während die andere weiter hinunter ging. Welche
ist nun die richtige? Es stand dort ein Wegweiser: Monschau. Aber er stand so unglücklich, dass beide Strassen richtig sein konnten. Ich dachte, Hans sei noch hinter mir. Ich wartete eine kurze Weile und fuhr dann, als er nicht kam (er war ja mit den andern schon vor mir) die Strasse hinunter. Diese war die richtige, und es dauerte nicht lange, da fuhr ich schon über dem holperigen Strassenpflaster des kleinen Städtchens. An einer Strassenecke standen die andern und lachten sich kaputt, als ich kam. Rudi sagte: „Es geht doch niemals bergauf kurz vor ’nem Dorf. Hier in der Eifel ist bergab ewig richtig!“ – Wir fuhren zum Gesellenhaus. Franz-Jupp und Hans gingen hinein und fragten nach Quartier. Ich schrieb indessen schnell eine Karte nach Hause. Papa II. und Rudolf kletterten eine Treppe rauf, die einen Berg hinauf ging. Oben stand eine
Burgruine. Die musste Rudolf erklettern. Als Franz-J. und Hans wiederkamen, mussten wir die beiden herunterholen. Franz-J. machte ein düsteres Gesicht. Ich frug, was los sei. Er murmelte etwas von: „Wir haben noch schwer Schwein gehabt... im Gesellenhaus können wir nicht schlafen....“ Nachher hörten wir, er sei zum Hausmeister gegangen. Der habe gesagt, wir könnten im Gesellenhaus nicht schlafen. Dann sei er zu Kaplan X. gegangen. (Diesen hatte uns Pater Faust genannt; wir sollten uns an ihn wenden, wenn wir im Gesellenhaus kein Quartier bekämen.) Kaplan X. verschaffte uns Quartier im Krankenhaus. – Wir assen im Gesellenhaus. Papa II. und ich holten Milch. Hans kochte dann Kakau. Dabei assen wir Kniften. Als wir futterten, kam Kaplan X. und sagte, wie wir zum Krankenhaus gehen sollten. Als wir zum Krankenhaus stiegen,
war es schon 10 Uhr durch. Hoch oben auf einem Berg lag das Krankenhaus. Daneben war die Burg. Beide Gebäude waren mit Scheinwerfern beleuchtet. Unten rauschte die Rur. Rechts und links hingen die spitzgiebligen Fachwerkhäuser über die Ufer. Es war richtig romantisch. Über dem alten, winkligen Städtchen leuchtete der Vollmond. Schöner hätte Spitzweg nicht malen können! – Auf dem Weg zum Krankenhaus passierte uns noch ein Abenteuer, in dem ich die traurige Rolle spielte. – Als wir uns schlafen legten, klang hell die Glocke vom Krankenhaus über das Städtchen: Es war 11 Uhr.
Am andern Morgen weckten uns die Kirchenglocken. Es war Pfingsten. – „Ich hab gefroren wie ’n Schneider!“ sagte Hans. „Ich auch, ich auch!“ riefen die andern. „Wat hat diese Nacht aber einer geschnarcht, man!“ „Dat
war der Gisbert!“ „Ich? weiss ich nichts von!“ sagte ich. Wir kleideten uns rasch an und gingen zur Kirche. Nach der Messe gingen wir zum Gesellenhaus zurück. Hier wuschen wir uns, und zwar in dem Spülbecken des Schanktisches. Nachher kam der Hausmeister und schimpfte: „Soviel Grütz hättet ihr doch haben müssen, dat ihr euch nicht hier wascht!“ Wir kegelten noch auf der Kegelbahn. Rudolf, Franz-Jupp und Hans spielten Billard. Dann tranken wir Kaffee. Wir hatten uns Brote, Wurst, Marmelade, Kaffe, Kakau, Margarine und Suppenwürfel von Hause mitgenommen. – Nachher gingen wir durch Monschau spazieren. Es lag rings um von steilen Bergen eingeschlossen. Auf einen Berg, wo die Ruine stand, stiegen wir auf. Ganz unten lag das Städtchen, die Häuser eng zusammen gebaut. Wir sahen auf lauter spitze Dächer. Monschau hat drei Kirchen,
zwei katholische und eine evangelische, mit einem Zwiebelturm, auf dessen Spitze eine Gans, wie auf den katholischen ein Hahn, sass. – Als wir unsere Affen gepackt hatten, fuhren wir gegen 11 Uhr ab. Wir mussten zuerst einen kilometerlangen Berg ’raufschieben bis vor Höfen. Dann brauchten wir bis Hellenthal nicht mehr zu schieben. Eine lange Strecke fuhren wir auf Waldwegen. Dann fuhren wir durch das Oleftal. Das Wetter war gut; nur eine kurze Zeit fisselte es. Von Hellenthal mussten wir wieder einen steilen, langen Berg bis Hollerath schieben. Wir kamen ordentlich ins Schwitzen, zumal da die Mittagssonne heiss brannte. Die Gegend war aber schön. Es wuchs dort viel Ginster, der ja in der Eifel überhaupt in Massen vorkommt. – In Hollerath suchten wir den Pastor auf. Bei ihm kochten wir unser Mittagessen. Der Pastor war ein dicker, gemütlicher Herr. Er hatte einen Garten
mit einem runden Bretterhäuschen, worin wir uns setzten. Er kam zu uns und frug, wohin wir noch wollten. Als wir sagten, wir wollten heute nach Neuerburg, sagte er: „Da kommt ihr heute aber nicht mehr hin!“ Er sagte, die Neudeutschen von Aachen hätten hier eine Blockhütte in der Nähe. Er sagte uns, wo sie lag. Wir wollten mal hin. In der Nähe war auch eine grosse Sprungschanze, die 1933 eingeweiht worden war, bisher aber noch nicht gebraucht worden war, wie uns der Pastor erzählte. Endlich kam Hans mit dem Pott, wo die leckere Frühlingssuppe (aus Kartoffeln-, Nudeln- und Tomatensuppenwürfeln) dampfte. Der Pastor sagte: „Na, ich will euch dann nicht stören. Guten Appetit!“ Und er entfernte sich. Hans sagte, die Köchin, die genau so dick sei, wie er, habe noch ordentlich Speck und Kartoffelstücke in die Suppe getan. Wir liessen uns
die Suppe schmecken. Nachher assen wir noch Kniften. Dann spülte ich die Pötte. Wir bedankten uns und fuhren weiter. Wir besuchten die Blockhütte, in der gerade eine Reihe Neudeutscher sich aufhielten. Auf die Frage, ob sie denn keine Schwierigkeiten bekämen, antworteten sie: „Die Hütte gehört nicht uns, sondern dem Deutschen Reich. Wir haben sie von dem Förster, der dieses Gebiet zu verwalten hat, gepachtet; und da wir uns hier ruhig benehmen, hat der Förster ein Interesse daran, dass wir die Hütte behalten.“ Die Hütte war sehr geräumig. Unten war ein Herd drin. Oben war noch ein „Stockwerk“, wo Matratzen zum Schlafen lagen. – Die Blockhütte lag mitten im Wald. – Wir fuhren nach einer Weile wieder weiter. Es war kalt und sehr windig. Unterwegs mussten wir einigemale schieben. Wir fuhren 20 km der belgischen Grenze entlang, über
den Zitterwald. Durch die Gegend fuhren viele niederländische und belgische Autos. Wir kamen auch an einer Zollstation vorbei. Dann fuhren wir über die Schneifel (Schneeeifel). Es war so kalt, dass uns die Finger froren. Wir hatten mächtigen Hunger. Wir fuhren nur durch Wälder.- Als wir in Prüm waren, suchten wir einen Bäckerladen auf, um uns etwas zu „leisten“; denn es war ja Pfingsten. Jeder ass einen Bienenstich, 2 Stücke Streuselkuchen, 2 Apfeltaschen und andere Teilchen. Hand leistete sich noch einen Kaffee. Es schmeckte uns gut. Wir hatten Radiokonzert und es war warm. Das war alles ganz schön, bis es aber ans – Bezahlen ging. Nicht, dass wir kein Geld hatten, o nein, Hans legte sogar ein 5 Mark-Stück zum Wechseln hin. Aber er bekam nur soviel wieder, als wenn er 3 Mark gegeben hätte. Hans machte die Frau darauf aufmerksam, aber die sagte, es stimmte so. Wir
befanden uns nun in einer peinlichen Lage. Hans sagte, das Stück sei doch ein altes 5 Mark-Stück, so ’n grosses Bollerad, gewesen. Wir bezeugten es. Es kam ein grosser Streit. Die Frau wollte von einem 5 Mark Stück nichts wissen. Hans sagte, er müsse doch das Geld haben, er könne ja sonst nicht mehr nach Hause zurück. Wir gingen doch nicht auf Fahrt, um andere Geschäftsleute zu betuppen. Sein Vater sei selbst Bäcker; er bedauere, dass soetwas unter Berufskollegen vorkomme. Er schrieb der Frau einen Schuldschein, den er ihr gab mit der Bitte, sie möchte das Geld ihm einstweilen zurückgeben. Wenn sie ein Minus in der Kasse fände, solle sie seinem Vater schreiben; der würde sofort ihr das Geld schicken. Er zeigte der Frau seinen Bleibenausweis und den Schülerausweis vor, dass die Adresse richtig sei. Die Frau hielt uns nach ihrem Gebahren für Schwindler.
Sie gab aber das Geld zurück und nahm den Schuldschein an. Am Schluss war sie ganz katzenfreundlich. „Es wird schon so stimmen!“ sagte sie. – Um 6 Uhr fuhren wir weiter nach Neuerburg. Wir mussten noch 30 km fahren. Hinter Pronsfeld, wo Kirmes war, hatte Rudolf Panne. Vorher, kurz hinter Prüm, hatten schon Hans und ich Reifenpanne. Zum allen Unglück war Hans weit hinter uns zurück geblieben, Heinz musste zurückfahren und ihn holen. Rudolf, Franz-Jupp und ich warteten solange. Nach einer halben Stunde kam Heinz mit Hans zurück. Dieser hatte nochmal Panne gehabt. – Nach diesem Aufenthalt fuhren wir weiter der Prüm entlang nach Waxweiler, und von hier aus nach Neuerburg. Vor Neuerburg mussten wir einen langen Berg raufschieben. Dann ging es bergab, sicher zwei Kilometer, bis Neuerburg. Als wir ankamen, war es 9 Uhr durch und schon stokduster. –
Wir schoben zur Burg rauf, wo wir übernachten wollten. Auf der Burg war Hochbetrieb. Eine Gruppe von Köln und eine von Düsseldorf zu je 60 Mann waren da. Alles war besetzt. Wir stellten zunächst unsere Räder in eine Halle. Dann ging „Tante Anna“ (Die Burgherrin; sie ist noch berühmter, als die Burg selbst.) mit uns die Wendeltreppe hinauf zu dem Schlafraum der Düsseldorfer. Sie wollte mal sehn, ob noch etwas Platz für uns da sei. Sie klopfte an die Tür und umständlich wurde offengemacht. Da standen die Jungen und beteten gemeinsam ihr Abendgebet. „Tante Anna! komm nur ’rein, wir sind fertig!“ riefen die Jungen. „Ach!“ sagte Tante Anne, und machte ein trauriges Gesicht, „habt ihr nicht noch ein bisschen Platz für ein paar arme Essener?“ „Nee, Tante Anna!“ sagte einer, „dat geht nicht! Die Mäus haben sich vorhin schon beschwert!“
Alle lachten, und Tante Anna hielt sich die Seiten. „Nee, dat war gut“, sagte sie, „ist dat denn wahr? Sind hier bestimmt Mäus?“ „Bestimmt! Vorhin haben sie gepiepst!“ „Och wat, dumme Jungens, hier sind doch kein Mäus! Legt euch hin und schlaft! Die Mäus tun euch schon nix! Macht mal Platz für die fünf Jungs hier!“ Wir legten unsre Affen hin und gingen, als wir die „Futteralien“ aus dem Brotbeutel geholt hatten, hinunter, um Abend zu essen. Wir kauften bei Tante Anna ein Brot. Dann assen wir, und Hans holte von Tante Anne eine grosse Kanne Kaffee. – Müde gingen wir schlafen.
Am andern Morgen wohnten wir der Gemeinschaftsmesse im roten Saal der Burg bei. Als wir danach gefrühstückt hatten, machten wir einen Spaziergang durch das
Städtchen. Wir gingen einen Berg hinauf, von wo man ganz Neuerburg überschauen konnte. Ein Sturmschärler von der Saar, der auch auf Fahrt war, ging mit uns. Er sang uns ein paar neue Lieder vor. Er konnte prima singen. Unten zog eine Prozession durch die Strassen und dann in die Kirche hinein. Es war die Springprozession nach Echternach in Luxemburg. Gegen 12 Uhr besuchte ich Tante Jettchen. Sie hatte grossen Spass, dass ich kam und sie lud mich sofort zum Mittagessen ein. Ich sagte, ich sei mit vier andern auf Fahrt. Ich erzählte, wo wir schon waren und wo wir noch hinwollten. Auch die Grüsse von Oma und Tante Linchen aus Rheindahlen bestellte ich. Nach dem feudalen Essen (mit zwei Gängen und Nachtisch, Spargel) packte mir Tante Jettchen noch ein Paket mit Apfelsinen, Kuchen, Butterbroten und ungefähr ein
Pfund Butter. Ich bedankte mich herzlichst und ging dann zur Burg zurück. Es fing tüchtig an zu regnen. Die andern vier waren noch am Essen. Es gab Sauerkraut. Schon am Abend vorher konnte man das Sauerkraut durch die ganze Burg riechen. Nach dem Essen legten wir uns in unsern Schlafraum hin und lasen. Wir konnten noch nicht fahren, weil es regnete. Um 4 Uhr tranken wir Kaffee. Dann rechneten wir mit Tante Anna ab. Schlafen und essen war sehr billig. Tante Anna erzählte uns, wie sie mal gelogen hatte. Sie sagte, sie hätte ein paar Jungens, die Decken geliehen haben wollten, gesagt, sie hätte keine mehr. Sie hatte aber doch noch welche, die sie gerade frisch gewaschen hatte. Da wollte sie die Decken nicht schon wieder dreckig haben. Ihr Beichtvater habe gesagt, das wär keine Sünde. – „Ja, Tante Anne, dat is schon so ’ne!“
Um 5 Uhr fuhren wir ab. Tante Anna warf uns noch eine ganze Tüte mit Teilchen aus dem Fenster nach. – Wir wollten nach Himmerod. Der Sturmschärler aus Saarbrücken fuhr bis Bitburg mit uns. Um 9 Uhr gelangten wir in Himmerod an. Wir schliefen in der Herberge. Vier Sturmschärler aus dem Saargebiet waren ausser uns noch da. Die Herberge war für kath. Jugend. Sie hatte ganz altes Inventar: Alte Tische und Schränke, Zinnteller, alte Tonvasen, Öllampen, eine alte Uhr, alte Gemälde usw. An der Wand hingen Floretts und Hellebarden. (Wir) Es kamen uns vor, als seien wir in einer Herberge im Mittelalter. – Hans hatte im Kloster ein Brot gekauft. In der Küche der Herberge hatte er Tee gekocht. Dann assen wir. Wir stiegen die Treppe zum Schlafzimmer rauf. In diesem waren 8 Betten, je 2 übereinander. An der Wand hingen Kleiderhaken. Alles
war höchst feudal. Platz hatten wir genug. Die 4 Sturmschärler schliefen in einem andern Zimmer. Jetzt war nur die Frage, wer von uns fünfen unter schlafen sollte, das heisst in einem von den unteren Betten. Jeder wollte natürlich oben schlafen. Ich erklärte mich bereit, unten zu schlafen. Ich konnte die Decken aus den drei andern, freien unteren Betten für mich nehmen. Aber da ich selbst zwei Decken hatte und mit 6 Decken nichts anfangen konnte, gab ich drei nach „oben“. – Schnell waren wir eingeschlafen....
Am andern Morgen standen wir gegen 8 Uhr auf. Wir hatten gut geschlafen. – Wir futterten ganz gemütlich und sahen uns dann die Abtei und die Klosterruine an. Nachher schrieben wir noch Karten an Herrn Pfarrrektor Dresen in Siegburg (der bis Herbst 1933 unser Religi-
onslehrer und geistl. Gruppenführer der ND.-Gruppe Steele war) Herrn Vikar Kruse und Willy Overwien, der z. Zt. im Arbeitsdienst in Sachsen und davor Gruppenführer war. – Gegen 12 Uhr fuhren wir ab. Zuerst fuhren wir Wanderstrecken, die meist durch Wald gingen. Die Zeichen waren oft undeutlich oder es waren an Kreuzungen usw. gar keine da. Dann fuhren 2 von uns in beiden Richtungen vor, während die andern warteten, bis einer der beiden das nächste Wegzeichen fand. – Wir fuhren über Manderscheid nach Daun. Von Manderscheid bis Daun fuhren wir wieder einen Wanderweg; der an steilen Hängen vorbei führte und dazu sehr schmal war. Manchmal mussten wir sehr schieben; oft ging es auch steil ab. Unsere Räder sahen nachher ganz ver-
dreckt aus. Sie hatten eine richtige „Geländefahrt“, wie Papa I. sagte, gemacht, durch Pfützen und Tümpel, über Stock Stein. Landschaftlich war die Gegend schön. – In Daun, wo wir um 5 Uhr waren, holten wir Brot und Marmelade ein. Hinter Daun futterten wir dann. – Wir hätten uns die Dauner Maare ansehen müssen; aber dazu reichte die Zeit nicht mehr, denn wir wollten eigentlich noch bis Altenahr. Wir waren aber nur bis Adenau gekommen. Hinter Kelberg kamen wir bald an den Nürburg-Ring. Mit vielen Kurven und Schleifen geht die grösste Autorennbahn Westdeutschlands um die Nürburg herum, die weithin sichtbar ist, aber noch von der Hohen Acht – 5 km von der Nürburg entfernt – überragt wird. Die Hohe Acht ist mit 745 Metern der höchste Berg der Eifel.
In Adenau angelangt, suchten wir zuerst Quartier. Wir schliefen in einer Privatwohnung, die wir nach langem Suchen gefunden hatten. Zum Abendessen hatten wir Kakausuppe mit Brot. – Nach 9 Uhr gingen wir schlafen. Rudolf und ich lagen zusammen in einem Bett auf einem Zimmer. Die andern schliefen auf dem Boden. Rudolf meinte: „Dat gibt ja ’ne schwere Keilerei diese Nacht, wenn wir zusammen liegen!“ Dazu ist es aber – Gott sei Dank – nicht gekommen. Ich war nämlich müde und hatte keine Lust, mich nachts im Bett mit Rudolf zu kloppen. Er hätte ja auch Senge gekriegt.
Gegen 7 Uhr standen wir am andern Morgen auf. Wir wuschen uns, tranken Kaffee und packten unsere Affen aufs Rad. Draussen aber war es feste am regnen. Hans suchte uns Mut zu machen, indem er mit
seiner Tenorstimme sang:
„Heute sind wir rot,
morgen sind wir tot.
Liebe Kameraden!
Also muss es sein!“
Als der Regen etwas nachliess, fuhren wir ab. Zu schieben hatten wir bis Altenahr nichts, da es von Dümpelfeld an immer durch das Ahrtal ging; rechts und links der Ahr waren viele Weinberge. Rudi rief auf einmal: „Da sind Rehe!“ Und wirklich – an einem Waldrand stand 2 Rehe. Rudolf sah Rehe immer als Erster von uns. „Vatter seine Spezialität!“ sagte er dann. – Hinter Altenahr gings einen steilen Berg hinauf – das Ahrgebirge. Dieses war das letzte Stück der Eifel. – In Meckenheim fing es wieder an, zu regnen. Wir stellten uns unter das Dach einer Tankstelle. Da es Mittag war und wir Hun-
ger hatten, holten wir uns in einer Bäckerei nebenan „Teilchen“. Um 1 Uhr fuhren wir weiter nach Bonn. Hier fuhren wir zu Rudolfs Verwandten, die eine Fahnenfabrik haben. Wir bekamen einen mächtigen Berg von Rosinenstutenschnitten vorgesetzt. Wir hauten ordentlich rein, und nachher war von dem Riesenberg nur noch ein „Anstandshäufchen“ übrig. So luxuriös hatten wir auf unserer Fahrt kein einzigmal gefuttert. – Nachher zeigte uns noch die Tante die Werkstätte. Wir sahen, wie die Fahnen entworfen, gemalt und zum Schluss gestickt werden. Die Hakenkreuz- und Reichskriegsfahnen werden gedruckt, Vereins- und Kirchenfahnen werden in Handarbeit (Stickerei u. n. a.) hergestellt. – Nachdem wir uns bedankt hatten, besuchten wir Philipp Dürfeld und andere ehemalige Mitschüler die jetzt studierten. Auch Alfred Vogt woll-
ten wir besuchen; er war aber weder im Leoninum, noch Albertinum noch in sonst so einem Kasten. Auch Philipp Dürfeld und die andern wussten nicht, wo Alfred war. – Als wir schliesslich weiterfahren wollten, trafen wir ihn auf der Strasse. Wir gingen zusammen zum Rhein und setzten uns da auf einer Bank, wo wir Alfred erzählten, was in Steele alles Neues passiert war. Als er hörte, dass Hans in die N.S.K.K. eingetreten sei, sagte er: „’n schönen Gruss von de N.S.K.K., ich sollt’ den Roller abholen.“ – Schliesslich fuhren wir ab – nach Köln. – Vor Köln kamen wir an der neuen Festungskaserne vorbei. Diese lag ganz unterirdisch und ist oben drauf mit Gras und Sträuchern bewachsen. – Nach langem Suchen hatten wir das Neudeutsche Bundesamt gefunden. Hier wollten wir übernachten. Wir futterten erst einmal und
richteten uns dann ein. Abends mussten Hans und Franz-Josef zu einer Führerbesprechung. Rudolf, Heinz und ich wollten dann Pater Fatzaun auf der Schriftleitung der „Burg“ besuchen. In dem Maiheft der „Burg“ war die Redaktion beschrieben. Alles stimmte genau. Nur brauchten wir nicht 36 mal zu schellen. Pater Fatzaun ist nämlich schwerhörig. Als er uns öffnete, sagte er direkt: „Ah, ihr wollt mich sicher besuchen!“ Er führte uns in sein Arbeitszimmer und sagte: „Nehmt Platz! Das ist mein Kriegsandenken!“ Und er nahm seinen Höhrapparat heraus. Dann griff er in eine Schublade und frug: „Was kommt denn jetzt?“ „Eine Büchse. Aufschrift: Bonbons, etwas klebrig.“ antwortete ich. Richtig, er reichte uns eine grosse Büchse voll „Klümpkes und Plätzkes“; nur waren sie nicht klebrig, wie das
in dem Burgheft stand, dass ein halbes Dutzend dran klebenblieben, wenn man nur eins herausnahm. Dann zeigte uns P. Fatzaun den Papierkorb, das berühmteste Stück (oder besser berüchtigtste, gefürchtetste) der ganzen Redaktion. Er frug uns woher wir seien und was in Essen in N.D. noch los sei. Dann erzählte er uns, was er so den ganzen Tag zu tun hätte und wie so ein Burgheft entsteht. Er zeigte uns die Vordrucke und Klischees, eingesandte Schriebe und Zeichnungen usw. Ein Schrieb war ganz in Stücke geschnitten und auf einen Bogen Papier geklebt; in den Zwischenräumen waren ergänzende Sätze hineingeschrieben. So „schneidert“ P. Fatzaun manchen Schrieb zurecht. Viele Sätze werden herausgeschnitten und andere kommen hinzu, die nicht vom Verfasser und Einsender, sondern vom Burgwart P. Fatzaun sind. „Da sagt mancheiner, der seinen Schrieb in
der „Burg“ gedruckt sieht: Der Schrieb ist ja garnicht ganz von mir, nur Anfang und Ende!“ sagte P. Fatzaun. – Er zeigte uns die grosse Bibliothek und einen Raum, in denen in hunderten von Fächern, die an der Wand entlang stehen, Jahrgänge von verschiedensten Zeitungen und Zeitschriften des In- und Auslands aufbewahrt werden. Unter anderm bemerkten wir „Stürmer“, „Die H.J.“, „Die Fanfare“, „Der Katholik“, „Die Weltwarte“, „Berliner Illustrierte“, „Michael“, „Feuerreiter“ usw. Auch viele belgische, holländische, französische, italienische, polnische und litauische Zeitungen und Zeitschriften lagen dort. – Am Ende bedankten wir uns beim Pater und verabschiedeten uns. Nach einem kurzen Bummel gingen wir zu Bett. Hans und Franz-Josef kamen erst später.
Am andern Morgen gingen wir in die Messe in der Kapelle des Bundesamtes. Nur wir und zwei andere Jungen waren Teilnehmer. Wir beteten die Gemeinschaftsmesse. Ich las die unregelmässigen Teile aus dem Schott vor. Nach der Messe frühstückten wir. Draussen regnete es in Strömen. Da wir bei dem Wetter nicht fahren konnten, beschlossen wir, den Nachmittag abzuwarten. Eigentlich wollten wir Mittags zu Hause sein. Wir lagen den ganzen Morgen bis Mittags 2 Uhr in der Bibliothek. Auch nach dem Mittagessen regnete es noch immer. Als es gegen 4 Uhr etwas aufhörte, wollten wir fahren, aber da kam einer vom Bundesamt und lud uns zum Kaffee ein. Da wir das nicht abschlagen konnten und es uns auch keineswegs unangenehm war, sagten wir zu. An dem Kaffee nahmen noch zwei andere Jungen teil. Wir bekamen viel Spass, da einer allemögli-
chen Witze auf Lager hatte. Mit dem wurde es 6 Uhr, und wir wollten nun endlich fahren, da setzte der Regen wieder ein, ein richtiger Platzregen, der nicht mehr aufhörte. Fahren mussten wir, da am andern Morgen die Schule wieder anfing. Wir verabschiedeten uns und bedankten uns bei den Gastgebern. Dann gings los!
„Liebe Kameraden
Also muss es sein!“
Als wir, Franz-Josef und ich, am Dom waren, hatten wir die andern drei schon verloren. Wir waren durchnass. Bis 7 Uhr warteten wir auf die andern. Sie kamen nicht. Dass wir am Dom standen merkte ich erst nach einer Weile; denn man konnte ihn durch den Regen und Dunst kaum sehen. – Durch Wind und Regen fuhren wir weiter nach Mühlheim-Leverkusen-Opladen. Wir hielten eine Reihe Autos an, aber keiner nahm uns mit. Die Strasse von Opladen nach
Benrath war in Ausbesserung. Durch grosse Regenpfützen und über unzählige Schlaglöcher fuhren und holperten wir. Es war kein Vergnügen. Die Nacht war schon längst hereingebrochen. Meine Lampe brannte nur noch schwach. Ich war klatschnass, zum Auswringen. Das Wasser quatschte nur so in den Schuhen beim Treten; vor allem mein linker Schuh, dessen Sohle ganz aufgerissen war. – Gegen 10 Uhr gelangten wir in Düsseldorf an. Ich konnte nicht mehr fahren, meine Beine waren wir erfroren. Ich frug Franz-Josef, ob ich mit dem Zug fahren könne, ob er Lust habe, allein zu fahren. Er sagte ja. Wir gingen in das Bahnhofsgebäude. Franz kaufte mir die Karte. Mein Geld reichte noch eben aus für die Fahrt.... Um 12 Uhr war ich in Essen-Nord. Von hier fuhr ich mit dem Rad nach Hause. Der Regen hatte aufgehört....
Fahrtübersicht.
1. Tag, den 29.V.1936. (Freitag.)
Fahrtroute: Steele – Essen – Mühlheim – Duisburg – Mündelheim – Ürdingen – Krefeld – M. Gladbach – Rheindahlen – Erkelenz – Baal – Linnich – Alsdorf – Aachen.
125 km. Ausgaben 0,61 M
11 Std. Fahrtdauer (ausser Pausen).
2. Tag, den 30.V.1936. (Samstag)
Fahrtroute: Aachen – Burtscheid – Wahlheim – Rötgen – Monschau.
35 km. Ausgaben 0,55 M
3 Std. Fahrtdauer.
3. Tag, den 31.V.1936. (Pfingsten)
Fahrtroute: Monschau – Hellenthal – Hollerath – Losheim – Prüm – Pronsfeld – Waxweiler – Neuerburg.
90 km. Ausgaben 0,59 M
8 Stunden Fahrtdauer.
4. Tag, den 1.VI.1936. (Pfingstmontag)
Fahrtroute: Neuerburg – Sinspelt – Bitburg – Erddorf – Badem – Oberkail – Himmerod.
40 km Ausgaben 0,55 M
Fahrtdauer 4 Std.
5. Tag, den 2.VI.1936. (Dienstag)
Fahrtroute: Himmerod – Manderscheid – Daun – Kelberg – Adenau.
50 km Ausgaben 0,38 M
Fahrtdauer 5 Std.
6. Tag, den 3.VI.1936. (Mittwoch)
Fahrtroute: Adenau – Dümpelfeld – Altenahr – Meckenheim – Bonn – Köln.
75 km Ausgaben 1,28 M
Fahrtdauer 7 Std.
7. Tag, den 4.VI.1936. (Donnerstag)
Fahrtroute: Köln – Mühlheim – Leverkusen – Opladen – Benrath – Düsseldorf. (Mit Eisenbahn nach Essen)
Fahrtdauer 3 Std.
40 km Ausgaben 1,20 M (ausser Bahngeld)
Auf der ganzen Fahrt haben wir 455 km gemacht, das sind 65 pro Tag. Ausgegeben habe ich im ganzen 5,16 M, das ist pro Tag 0,74 M durchschnittlich.
So zogen sie hinaus,
und so kamen sie nach Haus...
Zu sechsen zogen sie hinaus
einer kam nur lebend nach Haus.
Fahrt ins Sauerland und Oberbergische. Kartoffelferien 1935.
Es war ein herrlicher Morgen. Um ½ 7 Uhr hatten wir uns an Steele-Süd getroffen – Willy Overwien, Tuki, Winnetou und noch zwei andere und ich. Jetzt fuhren wir der strahlend aufgehenden Sonne entgegen – nach Bochum – Witten – Hagen. Gegen 9 Uhr waren wir in Hagen. Wir schwitzten feste, da die Sonne heiss brannte. Ich konnte kaum noch vorwärts. Ich war immer am Schluss. Manchmal war ich so weit zurück, dass die andern warten mussten, bis ich kam. – Wir fuhren immer der Vollme entlang. Ich blieb immer weiter zurück. Die an-
dern sah ich längst nicht mehr. Ich fuhr immer weiter. Aufeinmal gabelte sich die Strasse; es stand dort ein Schild: „Nach Lüdenscheid“. Ich fuhr diese Strasse; denn Willy hatte in Hagen nach der Strasse nach Lüdenscheid gefragt. Die andern waren aber weitergefahren nach Meinerzhagen. – Ich dachte, ich würde auf die andern stossen, wenn sie rasteten. Ich sah sie aber nie wieder. Ich hätte ja ihnen nachfahren können, aber ich wusste nicht einmal mehr, wie das Nest hiess, wohin wir fahren wollten. Ich hatte eine Karte da, die aber mit Lüdenscheid aufhörte. Es war eine Karte vom rhein.-westf. Industriegebiet und des Bergischen Landes. – Nach Lüdenscheid musste ich 2 Stunden lang einen steilen Berg raufschieben. Ich habe geflucht, wie nie, vor allem, weil die andern sich nicht mehr blicken liessen. Sie erzählten mir nachher, Willy sei, als ich
nicht mehr gekommen sei, zurückgefahren und habe auch den Berg nach Lüdenscheid raufgeschoben, um mich zu suchen. Da habe er auch ordentlich geflucht. Wenn er mich wiedergefunden hätte, hätte er mich feste verhauen. – Als ich glücklich in Lüdenscheid war, sah ich die Dummheit erst ein, dass ich nicht die Reichsstrasse nach Meinerzhagen weitergefahren bin. Ich fuhr wieder zur Reichsstrasse nach Brügge. Jetzt gings bergab, 5 km lang. Aber was ist das gegen 10 km Schieben! Im ganzen hatte ich einen Umweg von über 3 Stunden gemacht. In Lüdenscheid hatte ich gerastet und gefuttert. – Von Brügge fuhr ich, wieder an der Vollme entlang, nach Kierspe – Meinerzhagen – Wegeringhausen. Gegen 6 Uhr war ich in Wegeringhausen. Hier traf ich fünf Neudeutsche aus Köln. Sie wollten
in Drolshagen bei einem Verwandten, der Bauer ist, schlafen. Ich frug, ob ich mit ihnen fahren könnte. Sie sagten ja. Ich fuhr mit ihnen und bald waren wir da. Drolshagen liegt nur 4 km weiter wie Wegeringhausen. Wir bekamen bei dem Onkel Bratkartoffel, Butterbrote und Milch. Als wir gefuttert hatten, machten wir noch ein kleines Geländespiel. Nach 9 Uhr gingen wir auf den Heuboden. Hier war unser Nachtlager. Der Führer der 4 Kölner hiess „Molly“. Er erzählte noch ein paar feine Geschichten. Er konnte prima erzählen. Bald war ich eingeschlafen.
Als wir am andern Morgen erwachten, regnete es. Ich liess den Mut nicht sinken, und als ich mit den Kölnern gefrühstückt und mich von ihnen und dem Bauer verabschiedet hatte, hörte der Regen auf. Ich fuhr
ab nach Bergneustadt. Ich wollte nach Siegburg – zu Herrn Pfarrrektor Dresen (siehe Seite 44). Die 5 Kölner wollten nach Siegen. – Eigentlich hätte ich mich recht einsam fühlen müssen. Das war aber nicht der Fall. Ich sang nach Herzenslust. Die Gegend war herrlich. Von Bergneustadt an bis Siegburg fuhr ich immer der Agger entlang. Das Wetter war herrlich. Ich kam auch an mehreren Talsperren entlang. – Mein Mittagessen bestand aus 2 Butterbroten und ein paar Schluck Wasser aus der Feldflasche und einem hartgekochten Ei. Damit war ich satt. Ich hatte noch ein paar Butterbrote und Obst von zu Hause im Brotbeutel. Kaufen brauchte ich also nichts. Nebenbeibemerkt, ich habe auf der ganzen Fahrt nur 16 Pfennig für eine Postkarte, nach Haus zu schreiben, ausgegeben. Es war eine Ansichtskarte vom Michaelberg bei Siegburg. Ich
hatte natürlich nichts davon geschrieben, dass ich verlorengegangen war. Das erfuhren meine Eltern erst, als ich wieder zu Haus war. Sonst hätten sie sich wohl aufgeregt. – Kurz vor Donrath stand ein Schild: Siegburg 8 km. Ungefähr 50 Meter drauf – das andere konnte man noch sehen – stand wieder ein Schild: Siegburg 6 km. Ich dachte: Wenn das so weitergeht, dann bin ich schnell da. Aber hinter Donrath stand wieder ein Schild: Siegburg 8 km. In Lohmar, 1 km weiter, stand eins: Siegburg 4 km..... – Um 3 Uhr war ich da. Ich frug, wo es nach Wolsdorf ging. Das wär Wolsdorf. Ich dachte, es läg noch 5 km weiter, wie Siegburg. Ich fuhr zur Kirche in deren Nähe ja das Pfarrrektorat sein musste. Schliesslich fand ich es auch. Pfr. Dresen sass aber in der Kirche im Beichtstuhl. Das dachte ich mir schon, da ja Samstag war. Ich ging in die Kirche und bete-
te eine Weile. Die Kirche war ganz leer. Bald kam Dresen aus dem Beichtstuhl heraus; als er aus der Kirche gegangen war, ging ich hinterher. Draussen stand er vor meinem Rad und besah sich den Affen hinten drauf. Ich sagte: „Guten Tag, Herr Pfarrrektor!“ „Sieh einmal an, was die kleinen Leute doch gross werden!“ rief er. „Jetzt kommst du aber mit zum Kaffeetrinken; und diese Nacht schläfst du bei mir!“ Ich ging mit ihm zusammen zur Wohnung. Beim Kaffee plauderten wir gemütlich. Dann ging er wieder in die Kirche. Ich machte einen Spaziergang durch die Stadt. Zum Abendessen fand ich mich wieder ein. Nach dem Mahl musste ich Herrn Pfarrrektor alles erzählen, was zu Haus neues passiert war. Er erkundigte sich nach unserer N.D.-Gruppe und nach verschiedenen Schülern. Gegen ½ 10 ging ich zu Bett. Ich hatte
ein feudales Zimmer angewiesen bekommen. Es standen 2 Betten, ein Kleiderschrank und ein Waschtisch mit 3teiligem Spiegel, alles ganz prima. Ich schlief in dem Bett, wie zu Hause. –
Am andern Morgen ging ich zur Messe. Danach trank ich Kaffee und machte einen Spaziergang. – Vor dem Mittagessen zeigte mir Dresen seinen Garten, in dem Blumen, Gemüse, Tomaten, Kartoffeln u. a. wuchsen. Auch einen Kakteen-Garten hatte er. Er frug mich: „Was ist das?“ Ich riet hin und her, er bog sich vor Lachen. „Das ist der Bücherwurm, ha, ha!“ Ich musste ihm jetzt alle Gemüsesorten in seinem Garten nennen. Die Hälfte wusste ich garnicht. Als er aber auf die Kartoffeln und die Tomaten zeigte und frug, was das sei, blickte ich beleidigt auf. Das weiss ich ja nun doch!
[Ergänzung von S. 69:] Auf meine Frage, ob er denn das alles angepflanzt habe oder ob das schon gewesen sei, als er nach Siegburg kam, sagte er: „Zum grössten Teil habe ich das gemacht. Als ich hierhin kam, war das noch wie eine Wüste. (Ich glaube, das war gestrunzt.) Ja, so’n Garten kann man sich nicht als Studienrat leisten! Nur als Pastor.“
– Als Fräulein
Anna, Dresens Haushälterin, ihm sagte, ich hätte mitgeholfen, die Kartoffel zu schälen und zu spülen, da war er aber des Lobes voll. – Nachmittags ging ich zum Michaelsberg hinauf zur Abtei. Dresen hatte mir gesagt, dort sei eine Weihe; eine Reihe von Novizen bekamen die Tonsur. Dresen erzählte mir etwas von der Geschichte der Abtei. Sie war schon sehr alt. Einige Wochen vorher war sie wieder zur Abtei erhoben worden und Dr. J. Strathaus zum Abt geweiht worden. Ich glaube, vorher war die Abtei Staatsdomäne gewesen. Dresen gab mir auch ein Heftchen mit, in dem die Gebete bei der Weihe standen. Er sagte: „Wenn die Kirche so voll ist, dass du nicht reinkannst, dann sage zu den Leute: Macht mal Platz! Ich komm von Essen. Wir in Essen haben keine Abtei. Ihr könnt das noch oft genug sehen!“ Als ich aber hinkam, war die Kirche
garnicht so voll. Es hatten alle in den Bänken Platz. – Bei der Weihe, vielmehr der Tonsurenerteilung ging es feierlich zu. Rechts und links vom Altar im Chorgestühl standen die Brüder. Der Abt hatte die Mitra auf und sass auf einem Thron. – Als alles zu Ende war, ging ich wieder nach Wolsdorf zurück. Zum Kaffee gab es Gebäck. Am Abend las ich noch etwas. Dann ging ich zu Bett. Am andern Morgen wollte ich wieder nach Hause fahren.
Am andern Morgen fuhr ich gegen 10 Uhr ab. Dresen hatte mir noch viele Butterbrote und zwei ganz dicke Äpfel mitgegeben. – Ich fuhr zuerst nach Köln. Das Wetter war gut. In Köln besuchte ich den Dom. Dann ass ich hinterm Dom an einem Brunnen auf einer Bank ein paar Butterbrote und die beiden dicken Äpfel. Währenddessen konnte ich den Verkehr vor der Hohenzollernbrücke beobachten. Um 12 Uhr fuhr ich über die Brücke nach Mühlheim – Leverkusen – Opladen. Vor Opladen sah ich die Reichsautobahn. Hinter Opladen fuhr ich über die Wupper. Dann kam ich über der Gartenstadt Leichlingen nach Solingen. Die Gegend war prachtvoll. – Um 5 Uhr war ich in Werden. Ein duftiger Rauch von den vielen Kartoffelfeuerchen lag über die Gegend. – Bald war ich wieder zu Hause. –
Fahrtübersicht.
1. Tag. Freitag.
Fahrtroute: Steele – Bochum – Witten – Hagen – Dahl – Lüdenscheid – Brügge – Kierspe – Meinerzhagen – Wegeringhausen – Drolshagen.
80 km, 9 Std Fahrtdauer (2 Stunden geschoben).
Ausgaben 0,00 M.
2. Tag. Samstag.
Fahrtroute: Drolshagen – Wegeringhausen – Bergneustadt – Derschlag – Ründeroth – Engelskirchen – Overath – Donrath – Siegburg.
60 km, 5 Std Fahrtdauer
Ausgaben 0,16 M.
3. Tag. Sonntag.
In Siegburg geblieben. Ausgaben 0,00 M.
4. Tag. Montag.
Fahrtroute: Siegburg – Troisdorf – Urbach – Köln – Leverkusen – Opladen –
Leichlingen – Solingen – Vohwinkel – Velbert – Werden – Steele.
80 km, 7 Std. Fahrtdauer.
Ausgaben 0,00 M.
Im ganzen bin ich 220 km gefahren, das ist durchschnittlich 73 pro Tag. Ausgaben 0,16 M.
Ein Wort zum Schluss.
Fahrt! Wieviel liegt in diesem kleinen Worte drin! Berge, Täler, Flüsse, Seen, Wälder, Licht, Luft und Sonne! Jedes Jungenherz schlägt höher, wenn er dieses Wort hört oder spricht. Für Tage und Wochen ganz auf sich selbst gestellt sein, sich selbst versorgen und wirklich „Herren der Welt“ sein...! Deutsche Gaue und Landschaften, deutsche Menschen und deutsche Sitten kennenlernen – das ist das Erlebnis der Fahrt! Fahrt ist keine romantische Gefühlsduselei, Fahrt ist Erlebnis!
Wie ist es schön, wenn sich in den Herbergen Jungen aus allen Gauen Deutschlands treffen, wenn einer dem andern von seiner Heimat erzählt! Wenn wir abends mit dem Bauer am Tisch sitzen, als seien wir schon lange bekannt. Wenn wir bewundernd vor den Werken deutscher Technik und deutscher Kunst stehen. Fahrt weitet unseren Blick; wir sehen, wie gross und schön Deutschland ist, wie verschieden Landschaften und Menschen sind, und doch alle zueinander stehen und alle uns mit gleicher Liebe aufnehmen. – Und dann die Fahrtengemeinschaft. Was wäre eine Fahrt ohne sie! Einer hilft dem andern, einer steht zum andern. Kameradschaftlichkeit ist Grundbedingung einer Fahrt. – Fahrt ist ein Erlebnis, das wir mitnehmen in den Alltag hinein, das uns stärkt bei der Arbeit. Frisch und braungebrannt mit strahlen-
den Augen sind wir heimgekehrt. Wenn auch unsere Wangen schnell wieder die Bräune verlieren, das Erlebnis bleibt in uns; und schon schmieden wir neue Pläne für die nächsten Ferien. Dann wird wieder der Affen gepackt und wir singen:
„Wir wollen zu Land ausfahren
über die Fluren weit,
aufwärts zu den klaren
Gipfeln der Einsamkeit,
woll’n lauschen, woher der Bergwind braust,
woll’n schauen, was hinter den Bergen haust,
und wie die Welt so weit.“
Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen. – Ich habe meine Erinnerungen aufgeschrieben. Ich habe geschrieben, wie ich sonst rede und weniger auf Stilistik und Satzbau geachtet. Ich bitte, daran keinen Anstoss zu nehmen, wenn ich darin Fehler gemacht habe.