Gisbert Kranz: Fahrten 2 (1936 - 1938)
2. Buch.
Wir traben in die Weite.
Nordseefahrt – August 1936.
Meine erste Trempfahrt (1937)
Eifelfahrt – Pfingsten 1938.
Gisbert Kranz
Wer geht mit, juchhe, über See...
Nordseefahrt August 1936.
Wir hatten uns verabredet, Donnerstag, den 30.VII., morgens um 10 Uhr am Aschenplatz zu sein, Berni, „Gandhi“, Gandhis Freund Ernst und ich. Wir wollten zur Nordsee fahren. Die drei wollten dann noch zur Ostsee und dann nach Berlin zur Olympiade und über den Harz zurückfahren. Ich durfte aber nicht soweit fahren und wollte dann wieder allein zurück. Als ich nun um 10 Uhr am Aschenplatz war, stand Gandhi da und sagte, er fahre nicht mit. Berni war noch nicht da. Ich ging in Bernis Wohnung, klopfte an und trat ein. Da sass Berni mit seinem dicken Kopp und heulte. Schwestern, Brüder und Mutter standen herum. Der Affen lag noch leer auf dem Tisch. Auf meine Frage, was los sei, sagte die Mutter, da
Gandhi und sein Freund Ernst nicht mitfahre (Also Ernst auch nicht. „Das kann ja heiter werden“, dachte ich), dürfe Berni nicht allein zur Ostsee und nach Berlin; er solle mit mir wieder von der Nordsee zurückfahren. Er dürfe nur 8 Tage bleiben. Jetzt wollte Berni überhaupt nicht fahren. Zuerst hatte ihm seine Mutter 3 Wochen erlaubt und jetzt durfte er nur 8 Tage. Seine Mutter wollte auch nicht, dass er über Bremen, Hamburg und all die Grossstädte fahre. Ich sagte nun zu Berni, warum er denn nicht fahren wolle; 8 Tage seien doch besser wie garnichts. Schliesslich sah er das auch ein, und er fing an, den Affen einzupacken. Mittlerweile waren es ½ 11 geworden. Es ist ja nicht üblich, den Affen kurz vor der Abfahrt zu packen und erst Mittags loszufahren. Aber da Bernis Schwester tags vorher Hochzeit gehabt hatte, konnte er da den Affen nicht packen, und am Tag vorher war gewaschen worden und
konnte die Wäsche erst Donnerstag morgen gebügelt werden. So konnten wir auch nicht um 6 Uhr abfahren, sondern erst gegen Mittag. – Schliesslich hatte Berni unter meiner Mithilfe in aller Eile den Affen gepackt. Die Mutter hatte schon den Brotbeutel vollgestopft, und zwar so sehr, dass ich befürchtete, er würde platzen. Auch der Affen war so voll, dass nichts mehr hineinging. Alle Wäsche sollte ja zuerst für 3 Wochen sein, und Berni hatte alles eingepackt. Vergessen hatte er nur die Badehose. Jetzt musste noch der Affen aufgeschnallt werden und dann fuhren wir ab. – Zuerst gings nach Gelsenkirchen. Hier fanden wir nach langem Suchen die Strasse nach Wanne-Eickel. – Hinter Wanne fuhren wir über den Rhein-Herne-Kanal und die Emscher. Über Recklinghausen gings dann nach Haltern, wo wir Mittags nach 2 Uhr waren und Mittags-Rast hielten. Dann fuhren wir über Dülmen-Appelhülsen nach Münster, wo
wir um ½ 6 waren. Das Land ist schön und wellig. Das Wetter war gut, nur in Dülmen fisselte es ein wenig. – In Münster fuhren wir an mehreren Kasernen vorbei. Auch über den Prinzipalmarkt kamen wir. – Wir wollten noch nach Rheine. Aber da es schon zu spät war, fuhren wir nur bis Greven. Hier kamen wir um 7 Uhr an. Wir suchten Quartier. Als wir nichts fanden gingen wir zum Pastor, ob er uns wohl ein billiges Quartier verschaffen könne. Er sagte, da müssten wir zum Präses gehen. Er kümmerte sich um so Sachen nicht. Wo der Präses denn wohne. Da und da. Wir zogen hin. Der Präses sagte, es wär doch eine Jugendherberge da. Ach so.... Das hätte uns der Pastor direkt sagen können. Also zogen wir zur Jugendherberge. Wir zeigten dem Herbergsvater unsere Papiere und trugen uns ins Herbergsbuch ein. Ausser uns waren nur noch 2 Jungen und 3 Mädchen da. Als wir gefuttert hat-
ten, schrieben wir eine Karte nach Hause. Dann gingen wir – um 9 Uhr – in unsern Schlafraum. Es waren 5 Betten darin. Zwei standen für sich, die andern drei waren übereinander gebaut. Berni schlief unten; ich musste mich ins zweite Stockwerk bequemen, da in den zwei alleinstehenden Betten die beiden andern Jungen schliefen. Das dritte Stockwerk war frei. Die Betten waren sehr schmal. Wenn Berni sich unten etwas rührte, wackelte das ganze Gestell. Ich musste achtgeben, dass ich nicht runterfiel. Das war in der Nacht aber nicht passiert.
Am folgenden Morgen sassen wir mit den drei Mädchen an einem Tisch beim Kaffeetrinken. Als sie sahen, dass wir nichts zu trinken hatten, gaben sie uns von ihrem Kaffee mit. – Gegen ½ 9 Uhr fuhren wir ab. Das Wetter war gut. Wir sangen alle Lieder, die wir konnten. An einem Bauernhaus, an dem wir vorbeikamen, stand
folgender Spruch:
„Kiek jeden lieknt in’t Gesicht
Un krup nich ächtern Hagen,
De schlächsten Früchte sind et nich,
Woran de Wepsen nagen.“
Unterwegs fuhren viele Geländewagen und Motorräder der Wehrmacht an uns vorbei. Die Soldaten hatten alle Stahlhelme auf. Ich glaube, es war ein Manöver in der Gegend. – Um ½ 11 waren wir in Rheine. Wir sahen uns hier die alte Kirche und das Gradierwerk an. Nach kurzem Aufenthalt fuhren wir weiter nach Emsbüren. Hier hielten wir Mittagsrast. Berni hatte eine Büchse mit Schweinefleisch – selbst geschlachtet und eingemacht – mitgenommen. Er wollte sie jetzt aufmachen, da seine Butterbrote von zu Hause alle waren. Vorher hatte er sich ein Brot gekauft. – Er haute mit seinem Messer in die Büchse rein, kraks – die Spitze war krumm. Ich
gab ihm meinen Dolch. Er haute zu und – kraks – auch die Spitze krumm! Jetzt sass er da mit seiner Büchse und bekam sie nicht offen. Da kam ihm ein Gedanke. Er ging in das nächste Haus, um einen Büchsenöffner zu leihen. Nach einer Weile kam er niedergeschlagen wieder: „‚Büchsenöffner heww’n wi gonich, Büchsen kenn’n wi gonich’ hat se gesagt!“ – Mit dem waren dicke, schwarze Wolken aufgezogen. Es blies ein heftiger Wind. Wir dachten, es gäbe Regen, doch als nichts kam, fuhren wir weiter nach Lingen. Die Strasse führte zum Teil am Dortmund-Ems-Kanal entlang. Vor Lingen sahen wir eine grosse Kaserne. Auf dem Platz wurde gerade exerziert. Nachdem wir eine Weile zugesehen hatten, fuhren wir weiter nach Meppen. Hier mündet die Hase und der Kanal in die Ems. Es ging weiter über Lathen nach Papenburg. Die Strassen waren schnurgerade, alle 20 km kam
ein Ort. Rechts waren Wälder, links lag das Burtanger Moor. – Von Lingen bis Papenburg herrschte ein feiner Fisselregen, der uns aber nicht viel schadete und bei dem man gut fahren konnte. – Gegen 7 Uhr waren wir in Papenburg. Wir gingen zur Jugendherberge, die am Hauptkanal lag; durch Papenburg gehen nämlich mehrere Kanäle. Die Herberge war sehr klein, nur mit 10 Betten. Sie war schon besetzt, wir konnten aber auf Notlager schlafen. – Wir waren erfreut, einen ehem. Mitschüler von uns in der Herberge zu treffen, der mit einem Obersekundaner von unserer Penne auf Fahrt war. – Wir futterten und erzählten dann noch mit den andern. Gegen 10 Uhr machten wir unsere Notlager im Tagesraum und legten uns schlafen.
Am andern Morgen regnete es in Strömen. Um ¼ 9 hörte es aber auf. Wir sahen noch
zu, wie zwei Schiffe durchgeschleust wurden. Eins war mit Torf beladen und wurde von einem Mann am Treidelseil gezogen. – Um 9 Uhr fuhren wir ab. Unser ehem. Mitschüler fuhr bis Leer mit uns. Von da fuhr er nach Emden. Wir fuhren weiter nach Aurich. Die Strasse von Leer nach Aurich war alle hundert Meter wieder anders gepflastert. Einmal war es Asphalt, dann Schotter, dann Basalt-, dann Ziegelsteine, dann Kleinpflasterung und Steinplatten und noch vieles mehr. Ziegelsteine werden in Ost-Friesland viel zum Strassenbau verwendet. – Wir kamen an sehr vielen Windmühlen vorbei; sie waren fast alle in Betrieb. Wir wollten sie zählen; bis 40 sind wir gekommen, da haben wir es drangegeben. Manchmal standen 10 auf einmal da. – Die Leute, vor allem die Jungens, denen wir begegneten, grüssten uns fast alle, und zwar mit „Heil Hitler!“ Einmal grüsste uns so-
gar ein Schupo auf der Strasse nach Esens, der mit einem Motorrad an uns vorbeifuhr. Das machte uns natürlich grossen Spass. – Ungefähr um ½ 5 Uhr waren wir in Esens. – Die Strasse von Esens nach Neuharlingersiel war schlecht. Unterwegs kam ein heftiger Schauer. – Ein paar Kilometer vor Neuharlingersiel fing Berni zu rasen an, dass ich kaum noch mit kam. Vorher hatte ich nämlich gesagt, wer zu erst wohl das Meer sehe. Wir kamen aber beide zugleich an. Das Meer hatte aber gerade Ebbe, und Berni, der es zum erstenmal im Leben sah, hatte noch keinen richtigen Eindruck von ihm. – In Neuharlingersiel war ich vor 4 Jahren in einem Kinderlager gewesen. Ein Geistlicher war auch da gewesen und wir hatten jeden Morgen Gemeinschaftsmesse in einem Saal gehabt. Ostfriesland ist ja Diaspora. In Neuharlingersiel waren nur Se. Excellenz G. von Adden-
hausen und seine Frau Gemahlin katholisch. Herr Excellenz wohnte in einem schönen Schlosse, in Neuharlingersiel, das er uns mal gezeigt hatte. – Wir frugen einen Mann, ob das Lager wieder sei. Er bejahte. Wir waren froh, denn dann konnten wir sicher da schlafen und auch am andern Morgen die Messe besuchen, denn dann war Sonntag. Wir gingen zum Lager hin. Wir traten in die Küche ein und ich grüsste – um mich beliebt zu machen – mit „Grüss Gott“. Eine Frau und ein paar Jungen waren in dem Raum. Ich sagte, wir wären aus Essen-Steele und ob wir diese Nacht bei ihnen schlafen könnten. Wir sollten noch einen Augenblick warten, bis der Lagerleiter käme, sagte die Frau. Wir könnten auch zu Essen haben. Nach einer Weile kam der Lagerleiter, mit einem Parteiabzeichen -, und sagte, er wolle mal nachsehn, ob noch Betten frei seien. Er ging mit uns in den Saal, wo
wir damals immer Messe gefeiert hatten, vor 4 Jahren in dem Lager. Der Saal stand voll von Betten. Ja, zwei seien frei; wir könnten schon mal unsere Affen reinholen. Die Räder könnten wir in den Saal stellen. – Wir waren froh und gingen hinaus, um die Räder zu holen. Draussen waren ein paar Jungen. Ihrer Sprache nach konnten sie nicht aus Essen sein. Ich frug, woher sie seien. Aus Hamburg...!! Da waren die ja evangelisch! Ich hatte „Grüss Gott“ gesagt, als ich kam! Jetzt konnte ich mir auch erklären, dass die Betten in dem Saal standen. Sie haben ja garkeine Messe. „Wo geh’n wir denn morgen in die Kirche?“ dachte ich. Dieses war der erste Streich, doch der zweite folgt sogleich. – Wir hatten unsere Räder hereingestellt, da kam die Hausherrin heraus. Nein, wir könnten nicht hier schlafen, das ging nicht. Wenn auch
das Lager da sei, so wär das noch lange keine Jugendherberge. In Esens und in Karolinensiel sei doch eine Herberge. – Ja, es blieb uns nichts anders übrig, als „umzuziehn“. Der Lagerleiter kam und sagte, es tue ihm leid, dass die Frau Mingers nicht gestatte, dass wir im Lager schliefen. Ein Junge sagte, gestern seien Wanderer gekommen, die in dem und dem Haus geschlafen hätten. Aber das wollten wir nicht der Lagerleiter sagte, wir könnten ja nach Esens oder Karolinensiel fahren zur Jugendherberge. Wir grüssten – diesmal mit „Heil Hitler“ – und fuhren ab. Ich sagte zu Berni, wir könnten mal zu Herrn Excellenz fahren; bei dem konnten wir sicher schlafen. Er hätte uns auch sagen können, wo Gottesdienst ist. Er hätte sich sicher gefreut, Katholiken zu sehen. – Ich ging zum Schloss; Berni wartete vor dem Parkeingang. Ich hatte mehrere Male mit dem
Klopfer geklopft, es machte aber keiner offen. Einer, der vorbeikam, sagte, Herr Excellenz sei nach Bad X. verreist. – Ade – Neuharlingersiel! Aber wohin sollten wir jetzt fahren, nach Esens oder Karolinensiel? Ich war dafür, nach Karol. zu fahren, weil wir sonst nichts vom Meer hätten. Berni war auch der Meinung, und wir fuhren ab. – In Karolinensiel angekommen, fragten wir den ersten Jungen, den wir sahen, wo die Jugendherberge sei. Da wär keine Jugendherberge -!
Doch mit des Geschickes Mächten ist kein ew’ger Bund zu flechten.
Zuerst stiegen wir ab – sahen uns an, und nach einer Weile fing ich zu schimpfen an. „Rausgeschmissen und besch.....! Junge, Junge, wie soll das gehn! Zum kotzen! Na, es wird sich alles in Wohlgefallen auflösen.“ Als wir unsere Wut vom Leibe geredet hatten, gingen wir zu ein paar Seemän-
nern, die an der Brücke zusammenstanden. „Wo ist hier eine Jugendherberge?“ „Jugendherberge?!“ Die Leute sahen sich gegenseitig an. „Hier ist garkeine!“ murmelten sie. „Wo ist denn die nächste?“ „Die nächste?“ Sie murmelten was mit einander, wo ich nur die Worte Jever und Wilhelmshaven heraushörte. Dann sagte einer, wir sollten mal in die Wirtschaft da gehn und fragen. Wir gingen hinein. „Wo ist die nächste Jugendherberge?“ Gemurmel..., dann „Gehn Sie mal nach Rudolf Ulfers; der wohnt in einem neuen weissen Haus. Wenn Sie zum Hafen gehn, zur Friedrichsschleuse, das zweite Haus.“ „Danke. Heil Hitler!“ – Wir stehen vor dem Haus. „Ist es auch das richtige?“ – „Wolln mal versuchen.“ Da schaut schon eine Frau aus dem Fenster. „Wollt ihr hier schlafen?“ „Ja!“ Und schon ist ein Gespräch im Gange. Wir erzählen alles, und sie sagt, hier sei eine
Herberge gewesen. Sie seien Herbergseltern gewesen. Bald würde eine neue gebaut. Sie hätten noch ein paar Betten da. – Ob wir auch nach Wangeroog wollten? Morgen fahre ein Schiff; es sei eine Sonderfahrt; morgens ½ 9 fahre es ab und abends sei es wieder da. 1,50 M kostete die Fahrt. Wenn wir übernachteten auf Wangeroog und später abfahren würden – 2,00 M. – Ich sah Berni an; „Das machen wir“. „Sicher!“ sagte er. – Wir stellten unsere Sachen unter. Dann machten wir einen kleinen Bummel. Überglücklich gingen wir daher. Wie hatte sich unser Pech in Glück verwandelt! Vorhin noch geflucht und geschimpft, und jetzt schmiedeten wir Pläne für Wangeroog. Da konnten wir auch in die Kirche gehn. „Wie billig ist doch die Fahrt!“ sagte ich. Ich erzählte Berni, was es auf Wangerooge alles zu sehen gibt; Kaserne, Strand, das unendliche
Meer, Westturm usw. – Ich schrieb eine Karte nach Hause und warf sie ab. Dann gingen wir nach Ulfers zurück. Der Mann war jetzt auch da. Es war ein alter Seebär. Er konnte allerlei erzählen. Als wir gegessen hatten machten wir noch einen kleinen Spaziergang auf dem Deich. Ich dachte, wir hätten einen schönen Sonnenuntergang gesehen. Aber es war zu bewölkt dazu. Wir sahen jedoch bei Einbruch der Dunkelheit die Leuchttürme von Wangeroog, Spiekeroog und Rote Sand und andere Blinkfeuer aufleuchten. Hinter uns ging gross der Vollmond auf.
Am andern Morgen standen wir um 7 Uhr schon auf. Wir wollten eigentlich länger schlafen, aber da meine Uhr stehen geblieben war, waren wir direkt aufgestanden, als wir wach geworden waren. Wir tranken Kaffee und packten dann Badezeug und Proviant in
unsern Brotbeutel. Als es Zeit war, gingen wir zur Schleuse, wo das Boot lag. Unsere Räder und Affen liessen wir bei Ulfers liegen, da wir abends ja wieder dawaren und die nächste Nacht wieder dort schliefen. – Das Boot gehörte Janssen. Es war eine Art Kutter, der aber nur für Personenbeförderung und nicht zum Fischen bestimmt war. Es waren Sitzbänke drin und es fasste 40 Personen. Im ganzen fuhren aber über 50 mit. Das Wetter war gut, wenn es auch etwas bewölkt war und eine tüchtige Brise wehte. – Wir fuhren zuerst durch einen Kanal. Am Ende war die „Eisenbahnendstation“ Harle und die Dampfer-Anlegestelle. Die Station besteht aus einer Bretterbude, einer Landungsbrücke und einem dreckigen Dampfer. Die Bahn ist eingleisig und liegt auf einem Damm. Harle und Wangeroog sind oldenburgisch, Karolinen-
siel ist preussisch. Bald kamen wir in das offene Meer hinaus. (offene Meer ist nicht ganz richtig. Es ist Wattenmeer und wenn Ebbe ist, ist es ganz seicht und man kann dann über den Wattenweg nach Wangerooge gehen. Ich sage offen, weil ringsum uns sich weit das Meer ausstreckte.) Möven umflogen uns. Es war schön, das Spiel der Wellen anzusehen. Wir sangen
„Wiegende Welle auf wogender See,
wallende Fluten der Gezeiten,
schaukelt hernieder, gehet zur Höh’,
wie im endlos’ frohem Spiel.
Ein frischer Wind
führt uns geschwind
in blaue, unbegrenzte Weiten.
Weht immer, immer zu,
ihr Winde, ohne Ruh.
Weht mit uns fort zu fernem Ziel.
Alle schönen Lieder von der See fielen
uns ein. So sangen wir auch:
„Heute an Bord,
morgen gehts fort,
Heimatland, Ade! ...
Rings um uns her
nur Wellen und Meer,
ist alles, was ich seh.
Hell die Gläser klingen,
ein frohes Lied wir singen.
Mädel schenke ein,
es lebe Lieb und Wein,
leb’ wohl, auf Wiedersehn!
Verschwunden ist das Land,
verschwunden ist der Strand;
Schiff auf hoher See! ...
Leis die Wellen wiegen,
Möven heimwärts fliegen,
golden strahlt die Sonn’,
mein Herz ist voller Wonn’;
Heimatland, ade!... –
Gleich wie die Möve ruhlos hastet
von Land zu Meer, von Meer zu Land,
und kaum im Flug die Schwinge
auf Wellenschaum, auf Dünensand rastet
So wogen wir auf irren Bahnen
von Deich zu Flut, von Flut zu Deich,
zerschliss’ne Segel unsere Fahnen,
ein morsches Schifflein unser Reich.
- Wer geht mit, juchhe, über See?
Fest die Ruder!
Frisch bläst der Wind von Land, juchhe!
... Wer was werden will,
ei, der sitzt nicht still,
nein, der wähl das Seemannskleid;
Ihm winkt reiche Beut! –“
Es kamen uns auch zwei Dampfer entgegen; das war ein Grüssen und Rufen! – Nach einer Stunde Fahrt stiegen wir aus. Wir gingen über die Schienen der Inselbahn zum Dorf. Hier gingen wir zuerst
zur Messe. Wir kamen grad an, als es zu läuten an fing. – Nach der Messe gingen wir zum Strand. Hier setzten wir uns – etwas abseits vom Badebetrieb – hin. Berni hatte in Steele vergessen, eine Badehose einzupacken. Jetzt konnte er nicht baden. Ich hatte zwei und wollte eine ihm leihen; aber die passte für sein dickes Kamisol nicht. – Es war fein, sich den hohen Wogen entgegenzuwerfen, das der ganze Schaum über einen hinweggeht. Es sah prachtvoll aus, wie die Flutwogen herankamen, sich überstürzten mit rauschendem Getöse und weiterrollten um sich schliesslich am Strand im Sande zu verlaufen. – Gegen ½ 2 gingen wir nach Haus Meeresstern, um zu essen. Die Schwester, zu der ich ging, sagte, sie dürften nur Essen an Gäste verabreichen. – Wir kauften dann uns Brötchen, Schwarzbrot und eine Dose mit Hering in Tomatensose. Hierauf gingen
wir in die Dünen, setzten uns an einem feinen Platz hin, von wo aus wir das Meer sehen konnten, und liessen es uns schmecken. An dem Maste der Rettungsstation wurde plötzlich ein Korb hochgezogen. Wir frugen jemanden von der Marine, was das bedeute. „Windwarnung“. sagte er. – Wir gingen an der Kaserne vorbei. Hier standen grosse Küstenabwehrgeschütze. – In der Nähe der Kaserne war ein Zeltlager der H.J. mit ungefähr 100 Zelten. – In der „Saline“ tranken wir ein Glas Milch. Dann gingen wir dem Strand entlang zum Westend. Am Strand hoben wir ein paar Muscheln auf, die wir zur Erinnerung mitnahmen. Als wir am Westend waren, setzte ein heftiger Regen ein. Es waren 5 Uhr. Wir stellten uns unter, und als es nachliess gingen wir zum Westturm. Von hier schrieb ich eine Karte nach Hause. Um 7 Uhr fuhr unser Schiff ab. Bis 6 Uhr blieben wir am
Westturm. Dann gingen wir zur Anlegebrücke. Der Weg dahin führte über die Eisenbahnschienen am Vogelschutzgebiet vorbei. Das Boot fuhr erst um ½ 8 ab. Durch Wind und Regen ging die Rückfahrt. Wir waren schön nass; dazu kamen noch die Brecher über Bord. Die Stimmung war deswegen noch lange nicht hin. 5 Hannoveraner, die auch auf Fahrt waren, machten allerlei Witze. Zwei andere Boote, die auch nach Karolinensiel fuhren, überholten wir. Es war ein richtiges Wettfahren. Gegenseitig rief man Aufmunterungen ’rüber und ’nüber. „Nu mal feste! ihr kommt ja nicht mit!“ Wir waren aber weit vor. Gegen ½ 9 liefen wir in den Hafen ein. Es war schon dunkel. Als wir nass bei Ulfers ankamen, sagte Herr Ulfers: „Nö, das macht ja gorkoinen Spoass!“ Uns hat es aber doch Spass gemacht. – Drei von den Hanoveranern schliefen auch bei uns.
Als wir am folgenden Morgen gegen 8 Uhr abfuhren, wehte ein heftiger Wind (vergl. Seite 101 oben). Wir hatten ihn von der Seite. Sonst war das Wetter gut. – Wir fuhren zuerst nach Jever, wo wir frühstückten. Dann fuhren wir nach Wilhelmshaven. Hier kamen wir gegen 11 Uhr an. Die Fahrt ging an vielen Windmühlen vorbei. Wir besahen uns auch die Werft. Von einer Brücke konnte man die Werft mit ihren vielen Kränen und Schiffen überschauen. Auch ein Kriegsschiff sahen wir. Aufeinmal kamen zwei Männer auf die Brücke und pfiffen. Wir wussten garnicht, was los war. Als wir sahen, das alle Leute schnell von der Brücke runtergingen. Wir taten es auch, auch die beiden Männer schlossen an beiden Enden der Brücke Tore zu. Aufeinmal ging ein Dröhnen und Rasseln unter der Brücke an und zu unserm Erstaunen sahen wir, wie die Brücke in der
Mitte auseinanderging und beide Teile von Maschinen unter ihnen herumgeschwenkt wurden. Dann fuhr ein grosser Hebebaum auf einer Art Floss durch das Wasser. Als er hindurch war, wurde die Brücke wieder zurückgewenkt. – In Rüstringen futterten wir etwas – ich hatte mir einen Rollmops gekauft - , und dann fuhren wir weiter nach Varel. In Varel war Grossbetrieb: Die ganze Stadt war auf den Beinen. Ein Fräulein hielt uns an, ob wir auch zum Bahnhof fahren wollten. Hier würden Franzosen, die vom Weltkongress in Hamburg kämen, empfangen. Um 4.02 Uhr sollte der Zug eintreffen. Wir gingen hin. Der Bahnhofsvorplatz stand voll von Menschen. Wir warteten bis 4.20 Uhr; aber die Franzosen kamen nicht und wir fuhren weiter nach Oldenburg. Unterwegs überraschte uns ein Regenschauer, hinter Rastede. Sonst war das Wetter gut.
Der Wind hatte etwas nachgelassen. Wir kamen an vielen Windmühlen und Weiden vorbei, worauf Pferde und Kühe weideten – Niedersachsenland. – In Oldenburg gingen wir zur Herberge, weil wir hier bleiben wollten. Es waren ½ 7. Die Herbergsmutter sagte, alles sei besetzt. Sie holte das Herbergsbuch und zählte uns vor, wie viele schon daseien. „Einundreitzig, zweiunddreitzig, vierunddreitzig – nein, nein, alles besetzt!“ Wir frugen die Dicke, wo die nächste Herberge sei. „In Ahlhorn, mitten im Wald.“ „Wie weit ist es noch bis Ahlhorn?“ „15 km.“ „Ja das können wir noch machen.“ In Oldenburg holten wir noch Lebensmittel ein, da es gleich 7 Uhr und Ladenschluss war. Wir fuhren und fuhren und dachten: 8 Uhr sind wir da. Aber als es 8 Uhr waren und, nach den Kilometersteinen gerechnet, wir schon längst 15 km gefahren waren,
standen wir noch nicht in Ahlhorn vor der Jugendherberge; stattdessen vor einem Schild, worauf zu lesen war: „Ahlhorn 14 km“. Wir hatten eine fürchterliche Wut. – Um 9 Uhr waren wir in Ahlhorn. Es war schon stockduster. Wir frugen, wo es zur Jugendherberge ging. Da und da. Wir fanden den Weg nicht, und da keiner kam, den wir fragen konnten, gingen wir in das nächste Haus. Die Leute wussten es nicht. Wir gingen in das nächste Haus. Die Leute zeigten uns den Weg, aber nach einer Viertelstunde wussten wir nicht mehr weiter. Wir waren schon im Wald. Zum Glück war ein Haus da. Wir frugen wieder und waren nun endlich auf dem richtigen Weg. Eine viertel Stunde waren wir schon durch den Wald gefahren und nach den Aussagen des Mannes, den wir zuletzt gefragt hatten, mussten wir schon da sein. Da kam ein Förster. Er sagte, wir könnten
mitfahren zur Jugendherberge. Bald waren wir da. Der Förster fuhr weiter. Er war auf Streife. Die Jugendherberge war eine kleine Bude. Wir traten ein. Da sassen zwei Jungen am Tisch und spielten Skat, während sie Pfeife rauchten. Ein erbärmlicher Kerzenstummel leuchtete ihnen. Sonst war kein Licht in der Bude. Jedesmal, wenn eine Karte auf den Tisch geknallt wurde, flackerte das „Lämpche“ hin und her. Es war wie in einer Räuberhöhle. Unsere Räder stellten wir in einen Schuppen, der in der Nähe der „Herberge“ stand. Wir futterten gemütlich und gingen dann in die Falle. Der Schlafraum hatte 10 Betten und war direckt neben dem „Tagesraum“. Tagesraum und „Schlafsaal“ bildeten das Erdgeschoss. Im ersten Stock war der Boden. Hier schliefen noch 2 Mädchen. Sonst war keiner da. Einen Herbergsvater haben wir garnicht gesehn. So brauchten wir auch nichts zu bezahlen. –
Am folgenden Morgen standen wir gegen 8 Uhr auf. Wir wuschen uns und futterten dann. Von den Mädchen bekamen wir noch Tee. Um 9 Uhr fuhren wir ab. Das Wetter war schön. – Um ½ 1 waren wir in Vechta. Hier futterten wir. Wir waren noch nicht fertig, da fing es an zu regnen, wir stellten uns unter und warteten 1 Stunde. Als es aber garnicht aufhörte, fuhren wir durch den Regen nach Diepholz, noch 12 km weiter. Als wir in Diepholz ankamen, waren wir durchnass. Ich wechselte sofort meine Kleider. Dann futterten wir. – Die Herberge war ziemlich gross und sehr voll. Es waren erst 3 Uhr und wir bekamen Langeweile. Es waren keine Bücher da. Ich ging zur Herbergsmutter und fragte nach einem Buch. Ich sollte noch etwas warten. Nach einer halben Stunde kam sie mit einem dicken Roman „Gänseliesel“. Ich blät-
terte etwas drin herum und legte ihn dann weg. Die Herbergsmutter gab einem ein Spiel. Wir machten mit. Wir spielten zu vieren 1001. Nach ungefähr 12 Runden hatte ich gewonnen. Ich hatte mehr Punkte, wie alle andern zusammen. Ich hatte immer etwas zu melden, ein anderer hatte 8 mal hintereinander garnichts. Das ich gewonnen hatte, war reine Glückssache. – Nachher unterhielten wir uns noch bis zum Abend. – Auf unserm Saal schlief ein Mann aus Barmen. Er erzählte uns, als wir im Bett lagen, noch allerlei Witze.
Am andern Morgen fuhren wir mit zwei Jungen aus Gelsenkirchen nach Minden. Es waren Kirchenmaler. Das Wetter war unsicher. Die Strassen waren schlecht. Mittags waren wir in Minden. Von weitem sahen wir schon die Porta Westfalika. Nach kurzem
Aufenthalt in Minden fuhren wir weiter. Wir fuhren über die Weser. Da sahen wir die Überführung des Mittellandkanals über die Weser. – Am Bückeberg vorbei gings nach Hameln. Hinter Rinteln kamen schwere Regenwolken von Norden heran. Es gab einen ordentlichen Wolkenbruch mit Donner und Blitz. Wir stellten uns bei einem Bauer unter die Diele. Der Bauer fragte, wohin wir noch wollten. Wir sagten: „Nach Hameln, und wenn wir noch weiterkommen, bis nach Höxter.“ „Ja, von Hameln bis Höxter sind ja auch nur noch 20 km.“ sagte er. „Da können wir ja noch hinfahren“, sagte ich zu Berni. Es waren noch nicht 3 Uhr. – Bald hatte sich das Wetter verzogen, und wir schwangen uns wieder aufs Rad. Vorbei an den bewaldeten Bergen des Weserberglandes ging es. Um 4 Uhr waren wir in Hameln. Wir fuhren durch
die Stadt hindurch, an den schönen, alten Häusern vorbei. Auch das Rattenfängerhaus sahen wir. – Wir radelten immer der Weser entlang. Bis nach Höxter aber kamen wir nicht mehr. – Wie sich herausgestellt hatte, waren das von Hameln keine 20 sondern über 50 km. Gegen ½ 8 gelangten wir in Polle an. Hier war eine grosse Herberge, was wir aber garnicht vermutet hatten, denn Polle ist nur ein kleines Nest. Die Herberge lag aber hoch oben auf einem Berg. Da mussten wir einen steilen, steinigen Weg rauffahren. – Wir meldeten uns an und fingen zu spachteln an. Da kam ein Junge und sagte, sie hätten Suppe gekocht und es wär aus Versehen etwas zuviel geworden; ob wir etwas mit haben wollten; ob wir Essgeschirre dahätten. Wir sagten ja und bekamen eine prima Tomatensuppe mit Reis. Er sagte: „Wenn der Reis
ungleich verteilt ist, könnt ihr ja ihn unter euch verteilen. – Die Suppe ist etwas laff. Wartet, ich will euch etwas Salz holen.“ Und er kam mit einem Teelöffel Salz. Als wir die Suppe alle hatten, kam er wieder. „Wir haben da einen Schmelzkäse gekauft, da haben wir nicht das Richtige bekommen. Diesen mögen wir nicht. Wollt ihr den? Das ist Fruchtkäse.“ Wir sagten ja. „Was kostet der denn?“ frug ich. „10 Pfennig. – Ach so... den wollen wir nicht bezahlt haben.“ sagte er. „Besten Dank!“ –
Am nächsten Morgen fuhren wir bei gutem Wetter ab nach Höxter. Gegen 10 Uhr waren wir da. Wir fuhren nach Korvey; am Weserufer frühstückten wir. Dann gings weiter nach Erkeln zu Bernis Verwandten. Mittags waren wir da. Wir assen da zu Mittag. Über Nacht wollten wir da auch schlafen. –
Am Nachmittag machten wir einen Ausflug nach Gehrden, wo ich ja 1933 mit unserer N.D. Gruppe in einem Lager war. Wir gingen auch in die Kirche und auf den Katherinenberg. Zurück fuhren wir über Siddessen – Rheder. – Abends gegen ½ 10 gingen wir zu Bett. Ich schlief mit Berni zusammen in einem Bett. Ich hatte aber gut geschlafen. –
Am nächsten Morgen verabschiedete ich mich von Berni und seinen Verwandten, nachdem ich Kaffee getrunken hatte. Berni wollte noch ein paar Tage in Erkeln bleiben. – Gegen 9 Uhr fuhr ich ab. Die Tante hatte mir noch Butterbrote mitgegeben. Zuerst fuhr ich nach Brakel. Dann kam ich über Driburg. Hinter Driburg musste ich einen steilen Berg raufschieben. Auf der andern Seite sah ich die ganze Gegend tief unten vor mir liegen. In der Ferne zog sich der Teuto-
burger Wald hin. Unten lagen die Städte und Dörfer wie Flecken und vor mir in der Ferne ragte der Turm des Libori-Domes von Paderborn auf. Mittags war ich da. Ich ging auch in den Dom. Als ich gefuttert hatte fuhr ich weiter nach Erwitte. Auf der Strasse dorthin wurde ich von einem H.J.-Führer angehalten. Er wollte mein Fahrtenmesser abnehmen, da es verboten sei. Er frug, ob ich Jg. sei. Ich sagte ja. Warum ich keine Uniform anziehe auf Fahrt. Ich sagte: „Darüber haben wir keinen Befehl bekommen.“ Ich musste ihm meinen Ausweis zeigen. Da sagte er: „Du bist in der Marine-Gefolgschaft? Da hast du keine braune Uniform?“ „Nein“. Ich wollte den Dolch nicht hergeben. „Mir hat bisher niemand gesagt, das das Tragen von Fahrtenmesser verboten sei. Womit soll ich denn Brotschneiden?“ „Hast du kein Taschenmesser?“ „Ja, so’n kleines. Kann ich denn
das Fahrtenmesser nicht in den Affen stecken?“ „Willst du das denn tun?“ „Ja!“ Da gab er mir das Messer wieder. Sonst hätte ich ihn auch erst gefragt, ob er Berechtigung und Auftrag habe, das zu tun. – Gegen 6 Uhr war ich in Soest. Ich ging zur Herberge und meldete mich an. Dann ging ich, noch einen Spaziergang über den Wall zu machen am Osthofentor vorbei und mir die Stadt anzusehn. Ich holte noch Brötchen und kehrte gegen ½ 8 zur Herberge zurück. Hier futterte ich und dann legte ich mich schlafen. Ich hatte mit einer Reihe andern Jungen ein Notlager unterm Dach. Ein Junge sagte: „Da werd’n wir doch nicht schneidern?!“ Aber gefroren haben wir nicht, wenigstens ich nicht. –
Am nächsten Morgen fuhr ich gegen 8 Uhr von Soest ab bei Nebel und Fisselregen. Der Fisselregen hörte erst in Dortmund auf.
Hier war ich um ½ 11 Uhr. Die Sonne kam wieder ’raus und es wurde sehr warm. Zwischen Dortmund und Bochum machte ich Frühstückspause. Als ich mein letztes Brötchen gerade aufgegessen hatte, kamen 2 kleine Zigeunerjungen über die Strasse zu mir ’rübergelaufen. „Gib mir ’n Butterbrot mit!“ bettelte der eine. „Ich hab nix mehr!“ sagte ich. Ich war froh, dass ich fertig war, denn ich kann nicht futtern, wenn ein anderer dabeisteht, der nichts hat, ohne ihm was mitzugeben. Ich tat noch ein Schluck aus der Feldflasche. Da sagte der andere: „Gib mir von deinem Kaffee, hab Durst.“ Ich sagte: „Da ist kein Kaffee drin, sondern Wasser! Aber da hast Du was.“ Er trank und gab mir die Flasche wieder zurück. „Danke!“ sagte er, was ich garnicht von ihm erwartet hatte. „Wo warst du denn gewesen?“ „An der Nordsee.“ sagte ich und schwang mich
wieder aufs Rad. – Auf der ganzen Fahrt hatte ich bisher noch keine Panne gehabt. Aber hinter Bochum bekam ich am Hinterreifen „Platten“. Das Loch fand ich sofort; es war ziemlich gross. Während ich flickte, kamen zwei Strassenfeger. Sie unterhielten sich mit mir über Woher und Wohin. „Da hast du’s ja geschafft“, sagte der eine, „da bist du ja bald zu Hause. – Und soll ich dir mal wat sagen, zu Haus ist et immer noch am schönsten!“ Er hat recht. Es ist ja ein eigenartiger Trieb des Deutschen, dass es ihn, wenn er zu Hause ist, immer zur Ferne drängt. Wenn er aber in der Ferne ist, sehnt er sich wieder zur Heimat zurück. – Um 2 Uhr war ich wieder zu Hause.
Fahrtübersicht.
1. Tag, den 30.VII.1936. Donnerstag.
Fahrtroute: Steele – Gelsenkirchen – Wanne-Eickel – Herne – Recklinghausen – Haltern – Dülmen – Appelhülsen – Münster – Greven.
85 km 6 Std. Fahrtdauer.
0,30 M Ausgaben.
2. Tag, den 31.VII.1936. Freitag.
Fahrtroute: Greven – Rheine – Emsdetten – Lingen – Meppen – Haren – Lathen – Aschendorf – Papenburg.
135 km 9 Std. Fahrtdauer.
0,30 M Ausgaben.
3. Tag, den 1.VIII.1936, Samstag.
Fahrtroute: Papenburg – Leer – Hesel – Aurich – Ogenbargen – Esens – Neuharlingersiel – Karolinensiel.
100 km 8 Std. Fahrtdauer.
0,20 M Ausgaben.
4. Tag, den 2.VIII.1936. Sonntag.
Fahrt nach Wangerooge.
Ausgaben 1,85 M.
5. Tag, den 3.VIII.1936. Montag.
Fahrtroute: Karolinensiel – Tettens – Jever – Rüstringen – Wilhelmshaven – Sande – Bockhorn – Varel – Rastede – Oldenburg – Oldenburg – Ahlhorn.
130 km 11 Std. Fahrtdauer.
2,10 M Ausgaben.
6. Tag, den 4.VIII.1936. Dienstag.
Fahrtroute: Ahlborn – Vechta – Diepholz.
40 km 3 Std. Fahrtdauer.
0,98 M Ausgaben.
7. Tag, den 5.VIII.1936. Mittwoch.
Fahrtroute: Diepholz – Wagenfeld – Essern – Minden – Rinteln – Hameln – Polle.
145 km 10 Std. Fahrtdauer.
0,64 M Ausgaben.
8. Tag, den 6.VIII.1936. Donnerstag.
Fahrtroute: Polle – Höxter – Erkeln. Nach-
mittags Ausflug nach Gehrden.
60 km 6 Std. Fahrtdauer.
0,41 M Ausgaben.
9. Tag, den 7.VIII.1936. Freitag.
Fahrtroute: Erkeln – Brakel –Driburg – Paderborn – Salzkotten – Geseke – Erwitte – Soest.
80 km 6 Std. Fahrtdauer.
0,70 M Ausgaben.
10. Tag, den 8.VIII.1936. Samstag.
Fahrtroute: Soest – Werl – Unna – Dortmund – Bochum – Steele.
70 km 5 Std. Fahrtdauer.
0,50 M Ausgaben.
Auf der ganzen Fahrt sind wir 845 km gefahren, das sind im Durchschn. 94 pro Tag. Durchschn. sind wir 7 Std. pro Tag gefahren, in einer Std. also 12-13 km. Ausgaben in summa: 7,98 M; durchschn. pro Tag: 0,80 M.
So trempen wir durch’s Land...
Meine erste Trempfahrt.
Wir waren in Marienstatt gewesen, 40 Jungen des Ruhrgaues. Hier hatten wir ein feines Lager gehabt, 7 Tage lang, im schönen Westerwald. Nun fuhren wir zurück mit einem Lastwagen. Ich hatte mich entschlossen, nach Hause zu trempen. Ein anderer Junge, Alfred Justus aus Essen Süd, wollte mit mir fahren. Mein Bruder Karlheinz, der das Lager auch mitgemacht hatte, fuhr mit dem Auto nach Hause. Ich sagte zu ihm, er solle zur Hause sagen, ich komme mit anderen in einem zweiten Auto nach, er wisse aber nicht, ob ich am selben Tage noch dasei. – Ich erhielt mein Fahrgeld, 2,50 M zurück, ebenso Alfred. Mein Entschluss stand fest. Mittags assen wir noch in Marienstatt; dann gings los. Um 12 Uhr hauten wir
ab nach Altenkirchen. Das Wetter war prächtig. Wir waren wohl 10 km getippelt, da fuhr der Lastwagen mit den anderen an uns vorbei. Wir winkten ihnen zu. – Vorläufig dachten wir nicht daran, dass uns ein Auto mitnahm. Trotzdem winkten wir bei jedem Auto. Die Strasse war wenig verkehrsreich als Verbindungsstrasse zwischen Hachenburg und Altenkirchen. Wenn wir erst in Altenkirchen auf die Hauptstrasse nach Siegburg kommen, dann würden wir bestimmt ein Auto erwischen. Doch wir hatten Glück. 4 km vor Altenkirchen hielt ein grauer „Adler“. Wir rannten hin. „Heil Hitler! Wohin fahren Sie?“ „Nach Bonn. Wir machen einen kleinen Abstecher nach Godesberg und fahren dann nach Köln!“ „Fein!“ riefen wir. „Aber können Sie uns beide mitnehmen?“ „Sicher!“ In dem Wagen sass ein Herr mit seiner Frau und seinem kleinen Jungen. In schneller Fahrt fegte er über die Strasse dahin.
Bald sahen wir den Michaelsberg bei Siegburg mit der Abtei in der Ferne. an der Strasse arbeiteten Gefangene unter Aufsicht. Sie waren aus dem Zuchthaus, das in einem Flügel des Klosters auf dem Michaelsberg liegt. – Der Herr war sehr freundlich. Er fragte uns nach Woher und Wohin, wann die Schule wieder anfängt, in welcher Klasse wir seien, auf welcher Schule usw. In Bonn fuhren wir über die Brücke. Da sagte er: „Jetzt habt ihr das Brückengeld gespart!“ Jeder Fussgänger und Radfahrer muss nämlich Gebühr bezahlen; nur die Autos nicht. Mir hatte jemand erzählt, dass die Bäckerjungen und die übrigen Radfahrer aus Bonn, die über den Rhein fahren wollen, vor der Brücke warten, bis ungefähr zwanzig zusammen sind. Dann sausen sie wie der Blitz zusammen an dem Wärter vorbei, der nicht hinter ihnen herlaufen kann, weil sonst andere auch über die Brücke gehn, ohne zu bezahlen. – In Bonn
liessen wir uns absetzen. Wir wollten uns Bonn ansehen und dann mit einem anderen Auto nach Köln, vielleicht bis nach Essen, fahren. Der freundliche Herr sagte uns, wenn wir kein Auto erhielten, könnten wir mit ihm nach Köln fahren. Er sei gegen 6 Uhr am Verteilerkreis zur Autostrasse von Godesberg. Wir bedankten uns herzlich und verabschiedeten uns. Dann kauften wir ein und futterten. Danach gingen wir kreuz und quer durch Bonn. U. a. sahen wir das Beethoven-Haus. Einen grossen, älteren Herrn fragten wir, wie wir zum Rhein kämen. Da ging er mit uns und zeigte uns allerlei. Er ging mit uns sogar in die Universität ’rein, trotzdem der Eintritt verboten ist. Er fragte uns nach einigen Studenten aus Essen, die ihr Studium fertig hatten. Die Studenten, die ihm begegneten, grüssten ihn. Er war sicher ein Professor. Er führte uns in den Hof der Universität mit dem Denkmal „Flam-
me empor!“ und in den Ehrenraum für die Gefallenen. Dann ging er mit uns zum Rhein hinunter und erzählte uns allerlei. An der Promenade zeigte er uns die Kanonen, die dort aufgestellt sind. Dann erklärte er uns die Gegend, soweit wir sahen. Er wies uns dann den Weg, nachdem wir ihm gesagt hatten, woher wir seien und dass wir nach Köln wollten und uns ein Herr mit seinem Wagen mitnehme. Dann verabschiedeten wir uns und gingen zum Verteilerkreis. Es fing feste an zu regnen und wir beeilten uns sehr. An der Zufahrtstrasse angelangt, stellten wir uns unter eine Tankstelle. Den grauen „Adler“ trafen wir nicht mehr an. Da tankte gerade ein brauner „Wanderer“. Wir fragten den Fahrer, einen dicken gemütlichen Herrn, ob wir mitfahren könnten. „Aber sicher!“ sagte er. „Kommt nur rein! Ich fahre nach Köln!“ Wir freuten uns sehr und setzten uns in den Wagen; es war ein hoch-feudaler Viersitzer. Wir lobten den Wagen
sehr. Da sagte der Herr: „Ein Kind sieht jut aus, wenn et von der Mutter jut jepflegt wird!“ Er fragte, woher wir seien usw. Auch von der Schule erzählten wir. „Ja“, sagte er. „Wir haben früher mehr gelernt als ihr! Der ganze HJ.-Dienst und alle das ist jetzt die Hauptsache! Seid ihr auch in der HJ?“ „Ja. Ich bin in der Marine-HJ. Ich ziehe auf Fahrt natürlich keine Uniform an mit langen Hosen etc.“ sagte ich; Alfred antwortete: „Ich bin im Jungvolk.“ Ob wir Humanisten seien. „Ja!“ Und wie aus einem Munde kams: „[......]...“ Wir lachten. Wir flitzten mit 90 km-Tempo über die Strasse dahin. Es regnete in Strömen. „Wenn es morgen so regnet, und wir bekommen kein Auto, dann ist es aus!“ sagte ich. „Ich nehme nicht immer welche mit“, antwortete der Herr. „Es ist immer ein bestimmtes Risiko dabei. Wenn mal ’was passiert...“ – Schliesslich waren
wir in Köln. Wir liessen uns am Ubierring absetzen, bedankten und verabschiedeten uns. Dann machten wir uns auf zum Bundesamt, wo wir schlafen wollten. Es waren 20 vor 7. Es regnete in Strömen. „Und so wat nennt man <strichweise Regen!> Ha, ha! <strichweise Regen> sagte der Wetterbericht!“ – Im Bundesamt trafen wir 4 Jungen aus Marienstatt an, die mit uns im Lager waren und mit dem Rad nach Hause fuhren. Wir assen und machten dann einen Besuch bei P. Fatzaun in der Redaktion der Burg. – Um 10 Uhr gingen wir schlafen. „Der erste Tag war prima!“ sagte Alfred.
Am anderen Morgen standen wir um ½ 8 Uhr auf, wuschen uns und besuchten die Gemeinschaftsmesse in der Kapelle im Bundesasmt. Nachdem wir Kaffee getrunken hatten, besuchten wir noch das Bundesamt, wo wir einige Jungvolker und Kunstdrucke geschenkt bekamen. Wir verab-
schiedeten uns von Pater Fatzaun und den anderen und machten uns auf den Weg. Zuerst gingen wir zum Neumarkt, dann weiter zum Dom, über die Hohenzollernbrücke nach Deutz. Hinter Deutz an der Zufahrtsstrasse zur Reichsautobahn fingen wir an zu winken. Der zweite Wagen hielt schon und nahm uns bis Mülheim mit. Er wollte weiter nach Leverkusen. Wir tippelten ein Stück. Um 12 Uhr assen wir. Dann winkten wir wieder. Diesmal brauchten wir auch nicht lange zu warten. Ein Lastwagen mit Anhänger nahm uns mit. Er hatte Bremsklötze geladen. Der Fahrer sagte: „Heute habt ihr Pech. Sonst fahr ich immer bis nach Essen. Ausgerechnet heute brauche ich nur bis nach Düsseldorf.“ Der Wagen fuhr ziemlich langsam wegen der Last. Unterwegs regnete es wieder. Um 1 ¼ Uhr waren wir in Düsseldorf. Wir tippelten ein Stück in Richtung Ratingen. Diesmal mussten wir länger warten, bis ein Auto hielt. Viele
Fahrer machten „Heil Hitler!“ und fuhren durch. Endlich nahm uns ein feiner Wagen mit. Ein Herr und eine Dame. Er fuhr nach Essen. Mit rasender Geschwindigkeit sausten wir über die Strasse. Der Zeiger an der Geschwindigkeitsskala stand oft zwischen 90 und 100 km. – Um ½ 3 Uhr waren wir in Essen. An der Gruga stiegen wir aus. Wir bedankten uns, und ich ging mit Alfred zu seiner Wohnung, die ganz in der Nähe war. Bei dieser in der Nähe wohnt auch Heinz Mühlmeier („Patz“), unser Lagerleiter von Marienstatt. Ihn besuchten wir noch. Mit der Autofahrt der anderen hatte alles geklappt. – Ich verabschiedete mich von Alfred und ging dann zum Bahnhof Süd, um mit dem Zug nach Hause zu fahren. Um ½ 4 war ich zu Hause. Meine Eltern staunten, als ich erzählte, dass ich getrempt hatte. Aber sie schimpften garnicht, sondern freuten sich mit mir über meine erste, schöne Trempfahrt. –
Eifelfahrt Pfingsten 1938.
Kaum hatten wir am Donnerstag, dem 2. Juni, die Schule verlassen, als wir drei, Willi, Karlheinz und ich, uns auf die Räder schwangen und zu unserer Eifelfahrt starteten. Es war 12 Uhr, als wir das tausendjährige Steele verließen. – Nicht lange dauerte es, bis wir den Baldeneysee hinter uns hatten. Gegen 3 waren wir schon vor Düsseldorf, wo wir die erste Rast machten. Die Sonne meinte es gut, doch wir hatten heftigen Gegenwind. Hinter Neuß begann es sogar zu regnen. Als das Schlimmste vorbei war, fuhren wir weiter. – Es hatte schon acht Uhr geschlagen, als wir in Jülich, unserem Tagesziel einfuhren. Wir suchten die Jugendherberge auf, ein neuer, großer Bau, der kurz vor der Einweihung stand. Wir futterten und stiegen dann in die Falle. –
Am andern Morgen machten wir nach dem Frühstück einen Bummel durch die Stadt, die manche Zeugen ihrer Vergangenheit hat. Das Tor, das alte Rathaus und die Zitadelle mit dem Schloß. Die Festung ist von einem tiefen und breiten Graben umgeben, der von hohen Mauern begrenzt ist. Wir schritten durch einen tunnelartigen Durchgang in das Innere des Schlosses, das heute eine Kaserne ist. Auf der Wache bekamen wir einen Ausweis. Dann konnten wir durch die ganze Festung gehen. Die Barockgebäude des Schlosses stammen aus dem Jahre 1693. Nachher gingen wir noch auf den Festungswällen, auf denen alte Kanonen von 1864 standen, spazieren. – Um 10 ¼ Uhr fuhren wir über die Roerbrücke nach Aachen. Wir hatten wieder heftigen Gegenwind, doch heute kamen wir schneller voran, sodaß wir um halb eins mittags in Aachen ankamen. – Es dauerte lange, bis wir die Jugendherberge im Kolynshof, die ganz außerhalb der Stadt auf der Maria Theresia-Allee lag, gefunden hatten. Da wir hier
kein Mittagessen bekommen konnten, gingen wir wieder in die Stadt und aßen in der NSV-Küche für 25 Pf. zu Mittag: Suppe, Kartoffeln und Knackwurst. Nach der Fütterung der Raubtiere gingen wir zum Rathaus. Als wir die Fassade bewundert hatten, traten wir in das Gebäude ein. Wir ließen die Fresken Rethels und die Gemälde seines Schülers Kehren im Krönungssaal auf uns wirken, besichtigten die Schatzkammer und wandten uns dann dem Dom zu. Staunend standen wir vor dieser steingewordenen Dreieinigkeit. – Wir ließen es uns nicht nehmen, zur Kaffeezeit einen Reisfladen zu futtern. Dann schlenderten wir noch bis zum Abend durch die Karlsstadt, vorbei an der Post, am Theater zum Kurbrunnen, wo wir auch das Wasser probierten. Abends aßen wir wieder in der NSV-Küche, gut und billig. Dann stiegen wir wieder zur Herberge, wo wir übernachteten. –
Am Samstagmorgen standen wir früh auf. Schon um halb acht verließen wir Aachen und wandten uns dem
Grenzdorf Lichtenbusch zu. Die Grenze geht mitten durch diesen Ort. Der belgische Teil hat eine belgische Schule, in der aber dieselben deutschen Lieder eingeübt wurden, wie in der deutschen Schule diesseits der Grenze, wie wir selbst hörten. Am Zollhaus Köpfchen mußten wir uns ausweisen und unser Geld zeigen, worüber wir eine Bescheinigung erhielten, die wir an der nächsten Zollschranke wieder abgeben mußten. – Von Lichtenbusch aus fuhren wir nach Rötgen, ein weitausgestreuter Ort, der ebenfalls durch die Grenze zerschnitten ist. Der Bahnhof Roetgen ist, wie die ganze Eisenbahn Eupen-Malmedy, die zum großen Teil durch deutsches Gebiet führt, belgisch. Die Straße nach Rötgen war weit bedeckt mit „Maikäferkadavern“. In Rötgen kamen wir auf die bekannte Himmelsleiter, die 6 km lang als deutsche Straße mitten durch belgisches Gebiet führt. Bald hatten wir Fringshaus, den höchsten Punkt der Himmelsleiter, erreicht, und nun ging es schnell durch die Vennlandschaft nach Monschau. Um ½ 12 kamen wir hier an. Auf der Jugendherberge war Hochbetrieb. Für uns
war kein Platz mehr zum Schlafen. Der Herbergsvater sagte, Mittagessen könnten wir jedoch bekommen. Nachdem wir unsere Erbsensuppe auf hatten, suchten wir den Gutshof Haargart auf, den der Herbergsvater uns angegeben hatte. Der Hof lag hoch oben auf dem Berg, und wir mußten die steilen Serpentinen der Straße wieder hinaufschieben. Die Leute sagten, wir könnten im Stroh schlafen, was wir dankend annahmen. Wir stellten unsere Räder unter und machten einen Spaziergang durch Monschau und auf den Haller hinauf. Hier hat man einen herrlichen Blick über die ineinandergeschachtelten Schieferdächer und Türme der Stadt. Was wir von hier oben im Großen gesehen hatten, bewunderten wir nachher im kleinen auf unserem Bummel durch die winkligen Gassen des Städtchens. Gegen Abend besuchten wir auch den Dichter Dr. Ludw. Mathar. Er erzählte uns über die Entstehung eines Buches. Er schrieb gerade an einem neuen Werk. Ein eben fertiggewordener Roman aus der Zeit des Prinzen Eugen lag, mit der Maschine geschrieben, in einer dicken
Mappe, reif für die Druckerei. Bei unserm Abschied baten wir den Dichter um ein Autogramm, was er uns auch freundlich gab. Dann gingen wir wieder nach Haargart, unserm Quartier, hinauf, wo wir bei den Bauersleuten zu Abend aßen. Es waren auch noch drei andere Jungen aus Düsseldorf da. Nach dem Abendbrot sangen und spielten wir noch mit den Jungen des Hofes, bis diese zum Baden gerufen wurden.
Am andern Morgen war Pfingsten. Dem Gottesdienst wohnten wir in der Krankenhauskapelle bei. Am Friedhofskapellchen hoch oben auf dem Berg frühstückten wir, während wir einen schönen Blick auf das sonntägliche Monschau hatten. Um neun Uhr fuhren wir ab nach Höfen. Bald fuhren wir in das herrliche Oleftal hinab. Der Weg führte mitten durch den Wald, und es ging über Stock und Stein. Hei, wie wir da hinuntersausten, wie Lützows wilde, verwegene Jagd! Es war prächtig, wenn der Weg für Radfahrer auch verboten war. Unten begegnete uns ein Zoll-
beamter, dem wir unsere Papiere vorzeigen mußten. Er fragte, ob wir nicht wüßten, daß der Weg für Radfahrer verboten sei. Ich sagte, das sei doch der einzige Weg nach Hellental. Der Zöllner sagte weiter nichts von dem verbotenen Weg, sagte sogar, wie weit es noch bis Hellental sei und daß man gut bis dahin fahren könne. „Paßt nur auf, daß Ihr nicht über die Grenze kommt. Wenn die Belgier Euch da festhalten, lassen sie Euch nicht mehr so leicht los!“ – Hinter Hellental verließen wir die Olef. Nach einer kurzen Rast schoben wir den langen Berg nach Hollerath hinauf. Dann gings durch den Losheimer Wald in 700 Meter Höhe nach Losheim. Hier aßen wir zu Mittag. Unterweg begegnete uns der Gebietsführer Deinert im Auto. Er hielt an und wechselte einige Worte mit uns über Woher und wohin. Im Losheimer Graben passierten wir die letzte Zollschranke. Die Grenze ging immer dicht an der Straße entlang. – Um ½ 3 Uhr kamen wir schon in Prüm an. Die Schneifel hatten wir
schnell hinter uns. In Prüm besichtigten wir zuerst die Salvatorkirche, ehemals zum Benediktinerkloster gehörig. Vorne stehen rechts und links zwei Figuren, die Musik und die Kunst, die das ganze Gewölbe auf ihren Schultern tragen. Als wir vor der Figur der Kunst standen, trat der Küster auf uns zu und fragte: „Wißt ihr, was das ist?“ „Die Kunst, allegorisch dargestellt.“ antwortete ich. „Hm“, staunte der Mann, „Sie sind wohl Studierte.“ Er führte uns dann durch die ganze Kirche, zeigte uns die Kanzel aus dem 15. Jahrhundert und den riesigen Barockaltar, der allerdings ursprünglich in der Kreuznacher Kirche stand. Er war ganz aus Eichenholz geschnitzt, und in der Mitte war eine Uhr. Oben standen rechts und links je ein Engel, die mit einem Stab an zwei abgestimmten Schnecken die Stunden anschlugen. In einer Seitenkapelle fanden wir auch noch einen Schnitzaltar. Im Chor stand auch wertvolles Gestühl. Vor dem Hauptaltar befindet sich die Gruft eines deutschen Königs (Lothar I.). – Wir verließen die Kirche und gingen in
eine Bäckerei. Ich kannte diese schon von der Eifelfahrt Pfingsten 1936 her, da sich die Geschichte mit dem „Bollerad“ darin abgespielt hatte (Im I. Buch nachzulesen!). Während wir bei Milch Bienenstich und andere süße Teilchen futterten, fing es in Strömen an zu gießen. Wir warteten über eine Stunde, doch als der Regen garnicht aufhören wollte und der Himmel sich garnicht aufklärte, beschlossen wir, in Prüm zu bleiben und in der Jugendherberge zu übernachten. Eigentlich wollten wir heute noch bis Neuerburg. –
Pfingstmontag gingen wir um 6 ¼ Uhr in die Messe. Nach dem Frühstück verließen wir um ½ 8 Uhr Prüm. Zuerst gings dem Prümtal entlang, dann – hinter Waxweiler – mußten wir wieder schieben. Von Krautscheid gings bis Neuerburg 9 km bergab. Unterwegs überholten wir die Echternacher Springprozession. Kurz vor Neuerburg hatte Willi „Platten“, die zweite Panne, die er auf dieser Fahrt hatte. Trotz alle-
dem waren es erst 10 ¼ Uhr, als wir zur Neuerburg hinaufzogen. Tante Anna erkannte mich gleich wieder. Sie sagte, sie hätte nichts da, um uns etwas zu kochen, aber wenn wir ins Dorf gingen und zwei Mettwürste und ein halbes Pfund Reis holten, würde sie uns eine gute Suppe kochen. Karlheinz und Willi gingen also einkaufen. Ich mußte währenddessen Gäste durch die Burg führen. Dauernd kamen neue Leute, die die Burg besichtigen wollten. Tante Anna freute sich jedesmal, wenn sie die vielen Groschen der Besucher einkassierte. – Aufeinmal scholl Musik vom Tal herauf. „Da ist die Prozession!“ rief Tante Anna, und sie eilte schnell hinunter, die Leute und ich hinterher. Unten zog durch die Straßen der Stadt mit bunten Fahnen die Echternacher Prozession. Vorne die Blasmusik, am Ende des Pilgerzuges ein Planwagen mit den Kranken und Lahmen und noch ein Wägelchen mit Proviant. Langsam kam der Zug zur Kirche hinauf, die auf einer Anhöhe lag. Ich stand mit Tante Anna direckt neben der Kirche. Alle Glocken läuteten; dazwischen
tönen die Weisen der Musik. Da kommen schon die ersten Fahnen um die Ecke. Und jetzt ziehen die Pilger vorbei durch das weitoffenstehende Portal in die Kirche, Männer und Frauen, Greise und Kinder, alte Männer mit langem Bart, gebückte Frauen mit weißem Haar. Da trägt ein Bauer sein Kind auf der Schulter, da trippelt ein kleines Mädchen an der Hand seiner Mutter. Ich werde vom Strom mithineingerissen in die Kirche. Kraftvoll dröhnen die markigen Stimmen der Eifeler Bauern. Der Rosenkranz ist zu Ende. Tantum ergo – Weihrauch... alle bücken sich tief, der Heiland segnet seine Treuen. – Dann stehe ich wieder draußen im Sonnenlicht, gehe mit Tante Anna zur Burg hinauf. Da kommen auch die beiden mit Wurst und Reis. Und Tante Anna erzählt: „Die Prozession besteht schon seit vielen Jahrhunderten. Bei einer Seuche wurde sie von den Leuten in Prüm gelobt. In einem Jahr ist sie mal nicht ausgezogen; da fing das Vieh an zu springen. Seitdem springen die Leute auf dieser
Prozession von der Echternacher Brücke bis zur Kathedrale, immer zwei Schritte vor, einen zurück. Das dauert zwei Stunden, dann sind die Pilger an der Kathedrale angelangt, wo viele Bischöfe sie erwarten und ein großer Gottesdienst stattfindet. Ganz alte Leute machen diese Prozession mit, ganz zu Fuß, über hundert Kilometer. Ich traf einmal eine 89jährige Frau; sie trug bei der Prozession eine Kiepe auf dem Rücken. Da fiel sie ganz fies auf den Rücken, und lachend sagte sie: „Laß man, use Härgott is auch dreimal gefallen!“ Und das tapfere Frauchen marschierte tapfer weiter.“ – Oben auf der Burg standen wieder neue Besucher. Aufeinmal lief Tante Annas Ferkel über den Burghof. Es war aus dem Stall herausgelaufen. Das war ein Halloh! Wir hinterher, und nach „bangen Minuten“ hatten wir das Schweinchen wieder lachend in den Stall getrieben. Nach dem Mittagessen verabschiedeten wir uns von Tante Anna und fuhren weiter auf Bitburg zu. Hier machten wir kurze Rast. Dann
ging’s weiter über die Kyll nach Himmerod. Wir besichtigten die mächtige barocke Kircheruine der Zisterzienserabtei und fuhren dann auf Wanderstrecken weiter nach Manderscheid, wo wir um 8 Uhr ankamen. Wir schliefen in der Jugendherberge, die direckt dem Mosenberg gegenüberlag.
Am andern Morgen fuhren wir über Wanderstrecken, die zum größten Teil mitten durch Wald gingen, nach Daun. Wir kamen auch am Schalkenmehrener Maar und am Totenmaar vorbei. Nachdem wir hier kurz gerastet hatten, gings weiter nach Darscheid. Hier aßen wir in der Jugendherberge zu Mittag: Kartoffeln, Nudeln und als Nachtisch Rhabarber. Dann fuhren wir nach Kelberg, eine richtige Geländefahrt. Nachmittags waren wir in Mayen, einer alten Stadt mit Burg, Türmen und Toren und noch zum größten Teil erhaltenen Mauerring. Um sechs Uhr kamen wir in Maria Laach an. Wir stellten unsere Räder in der Jugendherberge, wo wir übernachten wollten, ab. Dann gingen wir zum Kloster, um die Kirche zu besichti-
gen. Nach dem Abendessen machten wir noch einen Spaziergang am Laacher See entlang. –
Wir mußten in der Herberge mit einem Notlager vorlieb nehmen, hatten aber doch gut geschlafen. Am andern Morgen gingen wir wieder zur Abteikirche, um der Messe und der Prim der Benediktiner beizuwohnen. Danach frühstückten wir. Bei gutem Wetter fuhren wir nach Brohl, dann weiter über Remagen nach Mehlem. Hier wollten wir zu Mittag essen. Wir stiegen wie die Lords bei einem Rheinhotel ab, setzten uns auf die Terrasse und bestellten einen Teller Suppe. Vorsichtshalber fragte ich zuerst nach dem Preis. Doch 33 Pfennig waren nicht zuviel, zumal da wir die schönste Aussicht auf das Siebengebirge und den Rhein hatten. Der Drachenfels lag uns sofort gegenüber. Außerdem hatten wir die Möglichkeit, uns durch die Zeitungen über die Tagesereignisse zu
unterrichten. Wer beschreibt unser Erstaunen, als der Kellner uns die Suppe brachte. Es war nämlich keine dünne Brühe, wie wir gedacht hatten, sondern eine gute Suppe, in der ein dicker Klumpen Fleisch, etliche Spargelköpfe, Nudeln, Reis, Tomatenstücke, Pilze und, ich weiß nicht, was noch alles, schwammen. Als wir fertig waren, sagte der Ober: „Ihr seid ja auf Tour, und da habt ihr doch sicher Hunger. Wollt ihr nicht noch einen Teller?“ „Sicher!“ Und dann kam noch mal eine Portion, hoch voll, ähnlich wie die erste. Wir bezahlten nachher (für 6 Teller) 1,00 M. – Der Weg ging über Godesberg nach Bonn. Hier besichtigten wir die Stadt, den Dom, das Beethovenhaus in der Bonngasse, den Alten Zoll mit den Kanonen am Rhein, die Brücke, das Schloß und die Universität. Gegen ½ 4 besuchten ich und Karlheinz Tante Nettchen und Tante Aloisia. Hier tranken wir Kaffee und bekamen noch ein paar Stullen mit auf den Weg. Willi war schon weiter nach Köln gefahren, wo er auch Verwandte
wohnen hat, die er besuchen wollte. Am nächsten Morgen wollten wir uns wieder treffen. – Um fünf Uhr verließen wir Bonn, um ¼ 7 Uhr waren wir in Köln. Wir besichtigten den Dom, allerdings nur von außen, da gerade geschlossen wurde. Ein kurzes Gewitter überraschte uns noch. Um acht Uhr waren wir in der Jugendherberge in Deutz, wo wir übernachteten.
Am andern Morgen regnete es. Nur ab und zu ließ es mal nach. Wir konnten dennoch fahren. Allerdings wurde Mittags der Regen so heftig, daß wir ganz durchnaß wurden und uns umziehen mußten. Wir besorgten das in einem Lokal vor Remscheid, wo wir auch zu Mittag aßen. Nachmittags ließ der Regen nach und um drei Uhr kam wieder die Sonne hervor. – Um 11 Uhr morgens waren wir in Altenberg. Hier besichtigten wir den Dom.
[Einschub von S. 148:] Ein Meisterwerk zisterziensischer Baukunst, zur selben Zeit wie der Kölner Dom gebaut. Es ist eine Frage, die schwer zu beantworten ist, wo sich noch reinere Gotik findet. Wenn am Altenberger Dom auch jeder überflüssige Schmuck fehlt, so steht man doch erstaunt vor
der zwingenden Macht dieser aufstrebenden Mauern. So klar die Gliederung, so gemessen die Proportionen, so vielfältig die Muster in Fenstern und Kapitälen! Man muß den Dom bewundern im großen, man muß ihn lieben im kleinen. – An den Grabmälern der Grafen von Berg, die hier beigesetzt sind, kann man die Milderung der Zisterzienserregel verfolgen: Die Formen werden immer reicher und mannigfacher, die Grabplatten, die zuerst auf dem Boden lagen, werden immer höher, bis schließlich die jüngsten Grabmäler als Sarkophage und Tumben dastehen. – Auf einem Altar wird das Herz des hl. Engelbert aufbewahrt. – Der Weg ging über Wuppertal - Elberfeld – Neviges nach Hause. Um ½ 6 Uhr kamen wir wieder heim, braungebrannt und reich an Erlebnissen. –
Fahrtübersicht.
1. Tag, den 2.VI.38. Donnerstag.
Fahrtroute: Steele – Werden – Kettwig – Krummenweg – Ratingen – Düsseldorf – Neuß – Grevenbroich – Jülich.
80 km. 6 Stunden Fahrtdauer.
2. Tag, den 3.VI-38. Freitag.
Fahrtroute: Jülich – Aachen.
25 km. 2 Stunden Fahrtdauer.
3. Tag, den 4.VI.38. Samstag.
Fahrtroute: Aachen – Lichtenbusch – Schmidtheim – Rötgen – DFringshaus – Konzen – Imgenbroich – Monschau.
35 km. 3 Stunden Fahrtdauer.
4. Tag, den 5.VI.38. Pfingstsonntag.
Fahrtroute: Monschau – Heidchen – Höfen – Wahlerscheid – Oleftal – Hellenthal – Hollerath – Weißerstein – Losheimer Graben – Losheim – Schneifel – Prüm.
62 km. 4 Stunden Fahrtdauer.
5. Tag, den 6.VI.38. Pfingstmontag.
Fahrtroute: Prüm – Neu-Prüm – Pittenbach – Prons-
feld – Lünebach – Waxweiler – Ringhuscheid – Enz – Neuerburg – Sinspelt – Brimingen – Oberweis – Bitburg – Irsch – Erdorf – Badem – Gindorf – Oberkail – Schwarzenborn – Eichelhütte – Himmerod – Kaisergarten – Neumühle – Manderscheid.
85 km. 7 Stunden Fahrtdauer.
6. Tag, den 7.VI.38. Dienstag.
Fahrtroute: Manderscheid – Belvedere – Buchholz – Eckfeld – Brockscheid – Schalkenmehren – Daun – Darscheid – Gefell – Hörschhausen – Uss – Mosbruch – Kelberg – Hünerbach – Boos – Lind – Kreuznik – Hirten – Mayen – Niedermendig – Laacher Mühle – Maria Laach.
75 km. 6 Stunden Fahrtdauer.
7. Tag, den 8.VI.38. Mittwoch.
Fahrtroute: Maria Laach – Wassenach – Bad Tönnisstein – Brohl – Rheineck – Nieder-Breisig – Sinzig – Remagen – O.-Winter – Rolandseck – Rolandswerth – Mehlem – Bad Godesberg –
Bonn – Wesseling – Köln – Deutz.
75 km. 5 Stunden Fahrtdauer.
8. Tag, den 9.VI.38. Donnerstag.
Fahrtroute: Deutz – Mülheim – Dünnwald – Odenthal – Altenberg – Dabringhausen – Habenichts – Wermelskirchen – Remscheid – Elberfeld – Neviges – Langenberg – Nierenhof – Kupferdreh – Steele.
83 km. 7 Stunden Fahrtdauer.
Auf der ganzen Fahrt haben wir 520 km gefahren, das ist pro Tag durchschnittlich 65 km. Wir sind pro Tag durchschnittlich 5 Stunden lang gefahren, ohne die Pausen gerechnet, das heißt also: In einer Stunde fuhren wir durchschnittlich 13 km. –
Wir gaben jeder auf der Fahrt 9 M aus, das ist pro Tag durchschnittlich 1,12 M.