Gisbert Kranz: Fahrten 4 (1938)

Wir traben in die Weite.

4. Buch.

Karte meiner Großfahrten

„Wir traben in die Weite...“

Auf Großfahrt
durch Hessen, Franken, Bayern, Tirol, Salzburg.

Gisbert Kranz 1938.

In Innsbruck erwartete ich ein Paket mit Wäsche von Hause. Da es durch den Zoll so lange aufgehalten wurde, mußte ich noch einen ganzen Tag darauf warten. Während dieser Zeit hatten wir Gelegenheit, uns die schöne Universitätsstadt mit ihren vielen Sehenswürdigkeiten anzusehen. –

Wir hatten uns vor der Fahrt von unserem Herrn Oberlehrer Kaps manchen Rat bezüglich der Fahrtstrecke geben lassen. Er machte uns auch den Vorschlag, ins Ötztal zu fahren, das das schönste Alpental sei. Wir könnten dann auch in Gries im Sulztal mit ihm zusammentreffen und Bergtouren unternehmen. Also ließen wir unsere Räder in Innsbruck in der Herberge stehen und gingen zu Fuß den Inn hinauf. Wir suchten, ein Auto zu bekommen, das uns bis Ötz oder Längenfeld mitnahm. Wir hatten Glück.

Kurz hinter Innsbruck nahm uns ein Wagen mit, der bis Gries fuhr. So waren wir schon am frühen Nachmittag an unserem Ziel. –

Gries ist nur ein kleiner Ort mit 130 Einwohnern. Er liegt schon mitten im Hochgebirge in 1600 Metern Höhe, von mächtigen Bergen, auf denen ewiger Schnee liegt, umgeben. Durch die Stille der Bergwelt tönt das Rauschen der Sulz und das melodische Läuten der Kuhglocken. Der Ort ist wie geschaffen für den, der sich fern von der Unrast der Großstadt in Gottes freier Natur erholen will. – Die Wohnung des Herrn Kaps hatte ich schnell gefunden. Das Haus war, wie alle in dieser Gegend, in der keltoromanischen Einheitsform gebaut: ganz aus Holz, nur die Wände der Küche aus Stein. – Frau Julie, die Hausfrau, kam mir freundlich entgegen und führte mich zu meinem

Der Winnebach.

Auf der Alm.

Fotos: G. Kranz

Abend auf der Alm.

Fotos: G. Kranz

Zimmer, wo ich nun drei Nächte schlafen sollte. Ich legte meine Sachen ab. Da kam auch schon Herr Kaps die Treppe hinunter: „Da, wo ist denn der Weltreisende?“ Frohe Begrüßung, dann mußte ich Kaffee trinken und von meiner bisherigen Fahrt erzählen. Danach wurden Pläne für die nächsten Tage gefaßt. Für den ersten Morgen empfahl mir Herr Kaps eine Tour zum Sulztalferner, dem nächsten Gletscher. Hubert, der Junge der Frau Julie, würde mit mir gehen (Herr Kaps selbst fuhr am andern Morgen schon ab). Am zweiten Tag könnte ich zur Winnebachhütte und zum Winnebachsee gehen; vielleicht könnte ich mich auch einer Partie auf den Gänsekragen anschließen. Ich könnte diese Touren aber nur bei gutem Wetter machen. – Am Nachmittag stieg ich noch zur Nistle-Alm hinauf. Nach dem Abend-

essen ging ich gleich zu Bett, da ich am andern Morgen früh aufstehen wollte. –

Das Wetter war gut, doch meinte Herr Kaps, es würde sich nicht halten; er glaubte aber, ich würde noch ohne Regen davonkommen. Also zog ich denn mit Brotbeutel, Feldflasche und Stock um 6 Uhr los. Hubert mußte zum Arbeitsamt, so daß er mich nicht begleiten konnte. Ich fand den Weg aber auch allein, da die Strecke gut markiert war. Um ½ 8 Uhr war ich bereits in der Amberger Hütte, wo ich frühstückte. Dann ging ich weiter, und gegen 10 Uhr war ich am Gletscher. Der Weg war bisher noch leicht gewesen, doch nun wurde es schwierig. Auch die Markierung hörte auf. An der Gletscherzunge war es schon ziemlich kalt. Nun war ich froh, den Stock mitgenommen zu haben; ich wollte ihn zuerst zu Hause lassen in der Meinung, er sei überflüssig. Doch ohne ihn wäre ich

den Gletscher nicht hinaufgekommen. Kaum war ich auf dem Eis, als ich schon auf der Nase lag. Langsam, halb kriechend, bewegte ich mich zur Mittelmoräne hin. Wenn ich ausgerutscht wäre, hätte ich auf dem Hosenboden eine „herrliche“ Fahrt das abschüssige Eis hinunter machen können; allerdings wäre ich unten nicht heil angekommen. – Der Mittelmoräne entlang ging ich weiter hinauf. Da es aber zu regnen begann, stieg ich nicht mehr bis oben hoch auf den Ferner, sondern kehrte wieder um. Da ich nun auf

der anderen Seite der Sulz war als auf dem Hinweg, mußte ich über den Bach, der hier sehr breit und reißend ist. So blieb es nicht aus, daß meine Beine naß wurden. Trotz alledem kam ich mittags um zwölfe wohlbehalten wieder in Gries an. – Nachmittags und ebenso den ganzen nächsten Tag mußte ich im Hause bleiben, weil der Regen nicht aufhörte. So fiel die geplante Tour zum Winnebachsee „ins Wasser“. Die Zeit vertrieb ich mir mit Zeitung- und Bücherlesen. Die Leute hatten eine alte Bibel in drei dicken Bänden aus dem Jahre 1705. – Es war fein, abends beim Licht der Petroleumlampe am Tisch zu sitzen und den Gesprächen der Leute zu lauschen. Ich konnte ihre Tiroler Mundart kaum verstehen; und doch habe ich mich ganz fein mit ihnen unterhalten. –

Schließlich mußte ich Abschied nehmen. – Über Längenfeld gings die Ötztaler Ache hin-

Geweihte Landschaft.

Fotos: G. Kranz

 

[...Rest fehlt...]

Fahrtübersicht.

1. Tag. Montag, den 25. Juli.
Strecke: Steele – Bochum – Witten – Wetter – Hagen – Brügge – Meinerzhagen – Wegeringhausen – Olpe – Krombach – Kreuztal – Siegen.
130 km. 9 Std. Fahrtdauer.
Wetter: Gut, sonnig.
Übernachtet in der DJH.

2. Tag. Dienstag, den 26. Juli.
Strecke: Siegen – Eisern – Dillenburg – Herborn – Ehringhausen – Wetzlar – Butzbach.
80 km. 7 Std. Fahrtdauer.
Wetter: Gut, sonnig.
Übernachtet in der DJH.

3. Tag. Mittwoch, den 27. Juli.
Strecke: Butzbach – Bad Nauheim – Friedberg – Vilbel – Frankfurt – Offenbach – Seligenstadt – Aschaffenburg.
85 km. 6 Std. Fahrtdauer.
Wetter: Sehr gut, sonnig.
Übernachtet in der DJH.

4. Tag. Donnerstag, den 28. Juli.
Strecke: Aschaffenburg – Marktheidenfeld – Würzburg.
85 km. 6 Std. Fahrtdauer.
Wetter: Gut, sonnig.
Übernachtet im Gesellenhaus.

5. Tag. Freitag, den 29. Juli.
Strecke: Würzburg – Ochsenfurt – Uffenheim – Rothenburg o. T.
60 km. 4 Std. Fahrtdauer.
Wetter: Sehr gut, sonnig.
Übernachtet beim Bauern.

6. Tag. Samstag, den 30. Juli.
Strecke: Rothenburg o. T. – Feuchtwangen – Dinkelsbühl – Nördlingen.
75 km. 5 Std. Fahrtdauer.
Wetter: Gut, sonnig, warm.
Übernachtet in der DJH.

7. Tag. Sonntag, den 31. Juli.
Strecke: Nördlingen – Harburg – Donauwörth – Mertingen – Augsburg.
75 km. 5 Std. Fahrtdauer.
Wetter: Sehr gut, sonnig, warm.
Übernachtet in der DJH.

8. Tag. Montag, den 1. August.
Strecke: Augsburg – Mering – Fürstenfeldbruck – Alling – Pasing – München.
65 km. 4 Std. Fahrtdauer.
Wetter: Gut, außer einem Gewitter.
Übernachtet in der Städt. Herberge.

9. Tag. Dienstag, den 2. August.
Aufenthalt in München.

Wetter: Gut, sonnig.
Übernachtet in der Städt. Herberge.

10. Tag. Mittwoch, den 3. August.
Aufenthalt in München.
Wetter: Gut, sonnig.
Übernachtet in der Städt. Herberge.

11. Tag. Donnerstag, den 4. August.
Strecke: München – Großhessellohe – Wolfratshausen – Bichl – Benediktbeuren – Kochel – Walchensee – Wallgau – Partenkirchen – Garmisch – Farchant.
110 km. 6 Std. Fahrtdauer.
Wetter: Sehr gut. Abends Gewitter.
Übernachtet beim Bauern.

12. Tag. Freitag, den 5. August.
Strecke vorm.: Farchant – Oberau – Ettal – Oberammergau – Farchant.

Strecke nachm.: Farchant – Garmisch – Partenkirchen – Mittenwald –

Scharnitz – Seefeld – Zirl – Innsbruck.
90 km. 7 Std. Fahrtdauer.
Wetter: Gut, sonnig, heiß.
Übernachtet in der DJH (Schemm-Schule).

13. Tag. Samstag, den 6. August.
Aufenthalt in Innsbruck.
Wetter: Gut, abends Regen.
Übernachtet im Kolpinghaus.

14. Tag. Sonntag, den 7. August.
Strecke: Innsbruck – Zirl – Telfs – Ötz – Umhausen – Längenfeld – Gries im Sulztal.
80 km per Auto.
Wetter: Genügend, bewölkt.
Übernachtet in Privatwohnung.

15. Tag. Montag, den 8. August.
Partie zum Sulztalferner.
Wetter: Schlecht, Regen.
Übernachtet in Privatwohnung.

16. Tag. Dienstag, den 9. August.
Aufenthalt in Gries im Sulztal.
Wetter: Schlecht, Regen.
Übernachtet in Privatwohnung.

17. Tag. Mittwoch, den 10. August.
Strecke: Gries – Längenfeld – Umhausen – Ötz – Telfs – Zirl – Innsbruck.
80 km. Teils zu Fuß, teils per Auto, teils per Bahn.
Wetter: Schlecht, Regen.
Übernachtet in der DJH (Schemms....)

18. Tag. Donnerstag, den 11. August.
Strecke: Innsbruck – Hall – Schwaz – Brixlegg – Rattenberg – Kundl – Wörgl – Brixen – Kitzbühel.
95 km. 7 Std. Fahrtdauer.
Wetter: Sehr gut, sonnig.
Übernachtet in der DJH.

19. Tag. Freitag, den 12. August.
Strecke: Kitzbühel – Jochberg – Paß

Thurn – Mittersill – Uttendorf – Zell a. S.
60 km. 4 Std. Fahrtdauer.
Wetter: Genügend, zum Teil Regen.
Übernachtet in der DJH.

20. Tag. Samstag, den 13. August.
Strecke: Zell am See – Saalfelden – Unterweißbach – Hintersee – Berchtesgaden.
60 km. 5 Std. Fahrtdauer.
Wetter: Genügend, bewölkt.
Übernachtet im Touristenheim.

21. Tag. Sonntag, den 14. August.
Strecke: Berchtesgaden – Königssee – St. Bartholomä – Obersee. (Bootsfahrt).
Wetter: Genügend, bedeckt.
Übernachtet im Touristenheim.

22. Tag. Montag, den 15. August.
Strecke: Berchtesgaden – Grödig – Salzburg.

25 km. 1 ½ Std. Fahrtdauer.
Wetter: Genügend, bedeckt.
Übernachtet in der DJH.

23. Tag. Dienstag, den 16. August.
Strecke: Salzburg – Freilassing – Laufen – Törring – Wiesmühl – Tittmoning – Altötting.
60 km. 4 ½ Std. Fahrtdauer.
Wetter: Sehr gut, sonnig.
Übernachtet in Privatwohnung.

24. Tag. Mittwoch, den 17. August.
Strecke: Altötting – Neuötting – Neumarkt – Aich – Vilsbiburg – Geisenhausen – Landshut – Neufahren – Eggmühl.
100 km. 8 Std. Fahrtdauer.
Wetter: Genügend, Gegenwind.
Übernachtet in einem BDM-Heim.

25. Tag. Donnerstag, den 18. August.
Strecke: Eggmühl – Regensburg.

30 km. 1 ½ Std. Fahrtdauer.
Wetter: Gut, sonnig.
Übernachtet im Gesellenhaus.

26. Tag. Freitag, den 19. August.
Strecke: Regensburg – Hemau – Neumarkt i. d. Opf. – Feucht – Nürnberg.
105 km. 7 Std. Fahrtdauer.
Wetter: Sehr gut, sonnig, wolkenlos.
Übernachtet in der DJH.

27. Tag. Samstag, den 20. August.
Strecke: Nürnberg – Erlangen – Bamberg.
60 km. 3 Std. Fahrtdauer.
Wetter: Genügend, zum Teil Regen.
Übernachtet in der DJH.

28. Tag. Sonntag, den 21. August.
Strecke: Bamberg – Haßfurt – Schweinfurt.
60 km. 3 Std. Fahrtdauer.
Wetter: Schlecht, zum Teil Regen.

Übernachtet in der DJH.

29. Tag. Montag, den 22. August.
Strecke: Schweinfurt – Bad Kissingen – Bad Brückenau – Fulda.
90 km. 6 Std. Fahrtdauer.
Wetter: Genügend. Zum Teil Regen.
Übernachtet in der DJH.

30. Tag. Dienstag, den 23. August.
Strecke: Fulda – Hünfeld – Hersfeld – Bebra – Rotenburg a. F. – Melsungen – Kassel.
120 km. 8 Std. Fahrtdauer.
Wetter: Gut.
Übernachtet in der DJH.

31. Tag. Mittwoch, den 24. August.
Aufenthalt in Kassel.
Wetter: Sehr gut, sonnig.
Übernachtet in der DJH.

32. Tag. Donnerstag, den 25. August.
Strecke: Kassel – Korbach – Nuttlar –

Meschede.
115 km. 8 Std. Fahrtdauer.
Wetter: Genügend, bedeckt, Gegenwind.
Übernachtet in der DJH.

33. Tag. Freitag, den 26. August.
Strecke: Meschede – Arnsberg – Menden – Iserlohn – Lethmathe – Hohenlimburg.
75 km. 4 Std. Fahrtdauer.
Wetter: Schlecht, Regen.
Übernachtet in der DJH.

34. Tag. Samstag, den 27. August.
Strecke: Hohenlimburg – Hagen – Wetter – Witten – Bochum – Steele.
45 km. 3 Std. Fahrtdauer.
Wetter: genügend.

Auf der ganzen Fahrt

legten wir eine Strecke von 2180 km zurück. Das kommt der Strecke Essen – Tripolis oder Köln – Smyrna gleich. –

Durchschnittlich fuhren wir pro Tag 64 km (wenn ich die Ruhetage mitrechne) oder absolut 75 km (wenn ich die Ruhetage nicht mitrechne).

Pro Tag fuhren wir im Durchschnitt 5 ¼ Stunden (die Pausen nicht eingerechnet). Wir fuhren durchschnittlich in der Stunde 15 Kilometer, trotz vieler „Schieberei“.

Bilanz der Großfahrt.

Anfangsbestand der Fahrtenkasse 65,00 M.

I. Verpflegung.

Brot, Brötchen 7,13
Gebäck, Kuchen 2,55
Butter, Margarine 2,26
Marmelade 0,85
Käse 0,51
Wurst 0,65
Honig 0,45
Kaffee 3,44
Milch 1,67
Tee 0,58
Wasser 0,50
Kakau 0,32
Most, Äpfelwein 0,48

Mittag- und Abendessen 7,69
Suppen 4,20
Hering in Büchsen 1,14
Äpfel 0,20

34,62

II. Übernachtungen 10,05

III. Eintrittsgelder (für Museen, Kirchen usw.) 1,90

IV. Genußmittel (Eis usw.) 1,26

V. Post (Ansichtskarten, Postkarten, Briefmarken, Pakete, Briefe). 4,04

VI. Sonstiges (Nivea, Rasierapparat, Motorbootfahrt). 1,97

VII. Foto 6,50

VIII. Unvorhergesehenes (Gepäckträger, Mantel, Bahnfahrt). 5,80

Gesamtausgaben 66,14 M.

Minus in der Kasse 1,14 M.

 

Durchschnittliche Tagesausgaben (ohne Mitrechnung der Unkosten für Foto und der unvorhergesehenen Ausgaben) 1,58 M.

 

Die Fotos
stammen von mir, außer denen auf den Seiten 240, 241 (oben), 267, 268, 272, 273, 274, 280.

Der Text
auf den Seiten 244, 245 und auf den Seiten 247 und 248 ist dem Prospekt „Deutsche Reisewege“ entnommen.

Wir sind durch Deutschland gefahren
vom Gebirg bis an das Meer,
wir haben noch Wind in den Haaren,
den Wind von Wellen und Meer.