Karl-Heinz Kranz: Sommerfahrt 1939
Sommerfahrt 1939
Fahrt durch die Eifel, das
Moseltal und den We-
sterwald.
Geschrieben von
Karl Heinz Kranz
Ich hatte in den vergangenen Ferien schon einige Fahrten gemacht. Auch diesmal radelte ich fort und zwar durch die Eifel, das Moseltal und den Westerwald. Schon Wochen vorher arbeitete ich den Fahrtenplan mit meinem Freund Hans aus, der mit mir fuhr. Immer wieder war etwas zu ändern und auszusetzen, bis schließlich der Plan feststand. In den Ferientagen vor der Abfahrt überlegten wir uns, was wir mitzunehmen hätten. Alles nötige wurde zurechtgelegt, eingekauft und in den Affen gepackt. Wir waren guter Dinge und hofften auf schönes Wetter.
Wir hatten uns auf Mittwoch, den 2.VIII. um 6 Uhr verabredet. Als ich an der Wohnung meines Freundes angelangt war, bemerkte ich, daß ich meine Feldflasche vergessen hatte. Ich fuhr wieder zurück und holte sie. Um ½ 7 Uhr starteten wir endlich. Als wir gerade an Spillenburg anlangten, kam der
erste Regenschauer. Wir stellten uns unter, konnten aber nach einigen Minuten weiter fahren. Nicht lange dauerte es, und wir hatten den Baldeney-See hinter uns. Es machte uns nicht viel Vergnügen den „Krummen Weg“ hinaufzuschieben, doch die Reichsautobahn entschädigte uns dafür. Mitten in der Stadt Düsseldorf bekam ich meinen Platten Nr. 1, den ich aber in einer knappen halben Stunde geflickt hatte. Um 1 Uhr fuhr wir in die Stadt Neuß ein und aßen im Kloster zu Mittag. Dann ging es weiter nach Köln, immer am Rhein entlang. Wir sahen viele Schleppdampfer und –kähne in allen Größen. Um ½ 5 Uhr kamen wir in der Jugendherberge in Köln an. Ich mußte 1 Stunde warten, bis ich unsere Bettkarten erhielt. Als ich sie endlich hatte, gingen wir in die Stadt und sahen uns den Dom an. doch wir hielten uns nicht lange auf, da wir ihn beide schon mehreremale gesehen hatten, Hierauf spazierten
wir in die nähere Umgebung des Domes. Um 7 Uhr waren wir wieder in der Jugendherberge.
Am anderen Morgen wurden wir um 6 Uhr durch gellendes Klingeln, das 5 Minuten andauerte, geweckt. Wir frühstückten und gingen dann zur Fahrradwache, um unsere Drahtesel zu holen. Es war dort aber ein so großer Andrang, daß wir hier 1 Stunde warten mußten. Um 9 ¼ Uhr fuhren wir schließlich ab. Unser Weg führte uns nach Bonn. An der Landstraße begleiteten uns Äpfel- und Birnenbäume. In Bonn hielten wir uns nicht auf, da wir die Stadt schon kannten. Von dort ging es nach Mehlem. Wir aßen im Rheinterassenhotel zu Mittag. Man hatte eine schöne Aussicht auf das Siebengebirge; gegenüber sah man den Drachenfels, davor den Vater Rhein mit seinen Personen- und Frachtdampfern. Ein Junge, der auch
auf Fahrt war, aß mit uns und hielt uns frei. nach der Mittagsrast fuhren wir weiter nach Remagen, Sinzig und dann das Ahrtal hinauf über Altenahr. An der unteren Ahr sind überall Weinberge, die der Landschaft ein besonderes Gepräge geben. Am Nachmittag bekamen wir den 2. Regen, der uns ungefähr 2 Stunden aufhielt. Zum Überfluß bekam Hans eine Panne, als wir weiterfuhren, die uns noch ¾ Stunde festhielt. Abends kamen wir um 8 ¼ Uhr in Adenau an. Wir konnten nur noch im Notlager bei einem Kötter schlafen, da die Jugendherberge überfüllt war.
Am anderen Morgen schliefen wir uns aus. Nach dem Frühstück flickten wir die Panne von Hans, denn die Luft ging noch immer aus dem Schlauch. Um ¼ 11 Uhr fuhren wir ab. Wir mußten über den Nürburgring an einem Stück 8 km
schieben, aber dann ging es auch lange hinunter. In Kelberg aßen wir zu Mittag. Wir waren gerade 2 km hinter Kelberg mitten im Wald auf dem Karl-Kaufmann-Weg, der sehr schlecht war, als uns ein Gewitter überraschte. Wir stellten uns unter die Bäume, waren aber bald ganz naß. Da fuhren wir einfach nach Darscheid weiter, daß noch 5 km entfernt war und eine Jugendherberge hat. Doch so einfach war es nicht, denn der Weg hatte tiefe Wagenspuren, in denen das Wasser wie ein Bach hinunterlief (der Weg ging nach Darscheid hin bergab). Durch dieses lehmige Wasser fuhren wir nun, so schnell wir konnten, nach Darscheid, wo wir um 3 Uhr in strömendem Regen und bis auf die Haut naß ankamen. Wir zogen uns sofort um und hängten unsere nassen Kleider auf. Inzwischen hatte es aufgehört zu regnen, und die Sonne schien. Nun waren wir unfrei-
willig in Darscheid, denn wir wollten noch nach Manderscheid, das 25 km weiter war.
Am anderen Morgen war unser Zeug trocken. Um 9 Uhr starteten wir. Bald waren wir in Daun. Es wurde nun sehr gebirgig. Wir mußten manchen Berg hinauf schieben, konnten aber auch lange Gefälle hinunter fahren. Wir kamen durch Manderscheid mit seinen Burgen nach Eisenschnitt. Dort aßen wir zu Mittag. Dann ging es nach Bitburg weiter. Von dort ab fuhren wir auf sehr schlechten Straßen nach Biesdorf. An den Bäumen sah man die Spuren der Lastkraftwagen, die dort in großer Anzahl zwischen der Grenze und dem Hinterland verkehren. Bei schönem Wetter kamen wir um ½ 7 Uhr in Biesdorf an. Wir gingen zum Kloster, wo wir freundlich aufgenommen wurden. Pater Rektor hatte für uns Quartier besorgt. Wir schoben
nun zum Bauer Otten und stellten unsere Räder unter. Hierauf gingen wir zum Arbeitsdienstlager und trafen Gisbert, der uns sagte, wir sollten erst zu Abend essen und um 8 ¼ Uhr bei ihm sein. Also marschierten wir zum Bauer zurück und verzehrten unser Abendbrot. Pünktlich waren wir im Lager. Gisbert zeigte es uns und führte uns dann in die Kantine, wo gefeiert und erzählt wurde. Erst spät zogen wir drei zum Bauer. Gisbert stellte sich Herrn und Frau Otten vor und wir gingen bald darauf zu Bett.
Am anderen Morgen gingen wir um ½ 8 Uhr zur Messe in die Kapelle. Nach dem Gottesdienst lud uns Bruder Fulgentius zum Kaffee ein. Wir nahmen an und zogen zum Kloster. Dort setzten wir uns erst in die Bibliothek und lasen Zeitungen, bis der Kaffee fertig war. Nachdem wir Kaffee getrunken hatten, gingen wir nochmals
in die Bibliothek. Dann räumten wir beim Bauer Otten unser Zimmer auf und spazierten zum Lager. Gisbert zeigte und erklärte uns nun die romanische Kapelle aus dem 12. Jahrhundert. Sie wurde gerade von der Gemeinde erneuert. Um 12 Uhr waren wir wieder im Kloster und aßen zu Mittag. Dann lasen wir noch in der Bibliothek und machten hierauf einen Spaziergang durch den Wald nach Bollendorf. Wir sahen viele Bunker, Flandernzeune, Tankfallen und Drahthindernisse, die in den letzten Jahren aufgebaut worden waren. Nach einem 1 ½-stündigen Spaziergang kamen wir in Bollendorf an. Dort tranken wir Kaffee mit Teilchen. Am Spätnachmittag gingen wir denselben Weg zurück. Um ½ 8 Uhr kamen wir im Kloster an. Dort waren inzwischen 3 Arbeitsmänner angelangt, die gerade zu Abend aßen. Nach ihnen verzehrten wir unser Abendbrot und setzten uns dann mit den Patres in die Bib-
liothek. Dort verbrachten wir den Abend mit Spielen und Lesen. Um ½ 10 Uhr bedankten und verabschiedeten wir uns und gingen dann mit Gisbert zum Bauer, wo wir beiden uns bald darauf zur Ruhe legten.
Am anderen Morgen fuhren wir um 10 Uhr in Richtung Trier ab, nachdem wir uns beim Bauern bedankt hatten. Um 1 Uhr waren wir noch 8 km vor Trier. Wir bekamen eine Schauer, während dessen wir in einer Wirtschaft zu Mittag aßen. Dann fuhren wir weiter und waren um 3 Uhr in Trier. In der Jugendherberge meldeten wir uns an, brachten unser Gepäck unter und fuhren in die Stadt. Wir kamen zuerst zur Paulinenkirche, die feine Deckengemälde hat. Dann besichtigten wir die „Porta Nigra“. Währenddessen überraschte uns ein Regenschauer. Als es aufhörte zu regnen, fuhren wir zum Dom. Wir sahen uns
ihn und die Liebfrauenkirche an. Dann fuhren wir an den Römerbädern und Kaiserthermen vorbei zum Amphitheater. Dort hörten wir einen langen Vortrag über den Zweck des Theaters usw., der sehr interessant war. Inzwischen war es 7 Uhr geworden, und wir radelten zur Jugendherberge zurück.
Am anderen Morgen wollten wir die Matthiaskirche, die Römerbrücke, die Basilika und einiges andere besichtigen; doch es regnete den ganzen Morgen ununterbrochen. Wir langweilten uns in der Jugendherberge herum und aßen dort zu Mittag. Um 2 Uhr hörte es auf zu regnen und wir starteten nach Traben-Trarbach. Wir fuhren immer an der Mosel entlang, die eine Kurve hinter der anderen macht. An den Abhängen der Berge, die oft sehr nahe an die Mosel herantreten, wird Wein angebaut. Die Sonne schien jetzt wieder.
Um ½ 7 bekam ich einen Platten, und einige Minuten später regnete es. Als ich nach einer ½ Stunde die Panne behoben hatte, hörte es auch auf zu regnen. Um 8 Uhr kamen wir endlich in Traben-Trarbach an. An der Mosel sind viele Brücken, bei denen man Brückengeld bezahlen muß. Auch wir hatten einige Male blechen müssen.
Am anderen Morgen schliefen wir uns aus. Um 10 Uhr fuhren wir bei gutem Wetter los nach Beilstein. Es war immer wieder das gleiche Bild: Die Mosel, von Bergen eingerahmt, an deren Hängen die Trauben reifen, und in der Nähe der Dörfer Obstbäume an der Straße. Um ½ 1 Uhr aßen wir zu Mittag. Schon um 2 Uhr waren wir in Beilstein. Wir mußten uns mit einer Fähre übersetzen lassen. Wir stellten unsere Räder in der Jugendherberge unter
und meldeten uns an. Dann gingen wir zur Mosel und badeten. Nachher setzten wir uns am Ufer an einer niederigen Stelle ins Wasser. Da kam ein Dampfer moselaufwärts. Während wir ihn uns ansahen, war er schon uns gegenüber. Plötzlich lief das Wasser vom Ufer weg und wir saßen auf dem Trockenen. Dann kamen die Wellen, die das Schiff machte. Die erste war ziemlich hoch. Als ich sie sah, lief ich ans Ufer. Hans blieb sitzen, und als auch er die Welle bemerkte, war er schon von ihr verschluckt. Sie ging ihm über den Kopf. Bis zum Abend blieben wir noch am Moselufer. Dann begaben wir uns zur Jugendherberge zurück.
Am anderen Morgen fuhren wir um neun Uhr ab nach Koblenz. Das Wetter war ziemlich gut. Ich mußte alle halbe Stunde aufpumpen, da
ich wieder Platten hatte. In Brey aßen wir zu Mittag. Um ½ 2 Uhr kamen wir in Koblenz an. Nachdem ich in der Jugendherberge meinen Platten geflickt hatte, gingen wir spazieren. Wir kamen zum „Deutschen Eck“, wo sich uns ein schönes Bild bot: Das „Deutsche Eck“ mit dem Denkmal Kaiser Wilhelms, die blaue Mosel, die in den lehmig-gelben Rhein mündet, auf beiden Flüssen ein reger Schiffsverkehr, und über allem steht die Feste Ehrenbreitstein. Wir blieben lange am „Deutschen Eck“ und gingen erst gegen ½ 7 Uhr zur Jugendherberge zurück.
Am anderen Morgen fuhren wir schon um 8 Uhr ab. Es wurde nun sehr gebirgig. Mittags langten wir bei gutem Wetter in Limburg an. Weil der Dom noch geschlossen war, aßen wir erst zu Mittag. Dann gingen wir zum Dom, der gerade geöffnet wurde. Wir
sahen uns die Fresken, die Ölgemälde, die Orgel, den Altar usw. an. Nach einer guten halben Stunde verließen wir den Dom und starteten nach Wetzlar. Wir fuhren noch nicht lange, da kam uns ein schwitzender Herr per Rad entgegen und fragte uns, ob es noch weiter so hügelig bis nach Koblenz ginge. Wir bejahten und lachten laut auf, als er außer Hörweite war, denn wir kamen aus dem Gebirgigen und fuhren ins Hügelige. Das Wort „hügelig“ hatte unsere Lachmuskeln gereizt. An der Straße standen viele Obstbäume, hauptsächlich Äpfel-, aber auch Birnen- und Wallnußbäume. Als wir bei anständiger Hitze daherfuhren, sah ich, wie zwei Radfahrer halt gemacht hatten und gerade wieder lostrampelten. Ich sah mir daraufhin die Umgebung etwas näher an und bemerkte zu meiner Freude einen Birnenbaum mit dicken Früchten. Ich stieg ab und pflückte für
jeden zwei ab. Wir radelten weiter und aßen die Birnen. Sie waren einfach knorke. Hätte ich das eher gewußt, ich würde mir die Tasche vollgesteckt haben. Um 7 ¼ Uhr kamen wir in der Jugendherberge in Wetzlar an.
An anderen Morgen besichtigten wir erst den Dom in Wetzlar. Dieser ist in zwei Teile geteilt, die voneinander getrennt sind, der evangelische und der katholische Teil. Beide haben eine eigene Orgel. Wir waren gerade 10 Minuten im Dom, als der Küster kam, der abschließen wollte. Wir schwangen uns wieder auf die Drahtesel und starteten in Richtung Siegen. Wir fuhren bei gutem Wetter unter Obstbäumen nach Dillenburg. In einem Dorf hinter Dillenburg aßen wir zu Mittag. Dann trampelten wir weiter nach Siegen, wo wir um 4 ¼ Uhr ankamen. Wir spazierten noch
bis zum Abend. Dann futterten wir und stiegen in die Falle.
Am anderen Morgen gingen wir erst zur Messe. Danach tranken wir Kaffee und starteten um 10 Uhr. Bei gutem Wetter kamen wir Mittags in Olpe an, wo wir in der Jugendherberge zu Mittag aßen. Nachmittags leisteten wir uns einen ausgiebigen Kaffee mit Teilchen zur Feier des Sonntags. Um 6 Uhr kamen wir in einem kleinen Ort, Priorei, an. Wir wollten nicht mehr bis Hagen fahren, da es fraglich war, ob wir dort in der Jugendherberge unterkamen; denn wir hatten uns dort nicht angemeldet. Wir fragten also bei einem Bauer an zwecks Unterkunft. Dieser ließ uns in der Scheune im Stroh schlafen. Das war die letzte Nacht auf unserer Fahrt.
Am anderen Morgen schliefen wir uns aus. Erst spät fuhren wir ab in Richtung Heimat. Bald kamen wir durch Hagen und damit in das Industriegebiet. Dann ging es weiter nach Witten, Bochum. Dort aßen wir zu Mittag. Dann fuhren wir über die Verbandsstraße nach Steele, wo wir um ½ 3 anlangten.
Fahrtübersicht.
1. Tag: Steele – Kettwig – Düsseldorf – Neuß – Köln. Wetter: befriedigend. Zeit: ½ 7 – ¼ 5.
2. Tag: Köln – Bonn – Remagen – Sinzig – Altenahr – Adenau. Wetter: ausreichend. Zeit: 9 ¼ - 8 ¼.
3. Tag: Adenau – Kelberg – Darscheid. Wetter: mangelhaft. Zeit: ¼ 11 – 3.
4. Tag: Darscheid – Daun – Manderscheid – Eisenschmitt – Schwarzenborn – Ober-Kail – Gindorf – Baden – Erdorf – Bitburg – Ober-Weiß – Bettingen – Stockem – Halsdorf – Enzen – Hommerdingen – Kruchten – Biesdorf. Wetter: befriedigend. Zeit: 9 – ¼ 7.
5. Tag: Biesdorf. Wetter: gut – befriedigend.
6. Tag: Biesdorf – Kruchten – Bollendorf – Weilerbach – Echternachbrück – Trier. Wetter: mangelhaft. Zeit: 10 – 3.
7. Tag: Trier – Maximin – Bernkastel – Traben-Trarbach. Wetter: mangelhaft. Zeit: 2-8.
8. Tag: Traben-Trarbach – Zell – Beilstein. Wetter: gut. Zeit: 10 – 2.
9. Tag: Beilstein – Kochem – Koblenz. Wetter: gut – befriedigend. Zeit 9 – ½ 2.
10. Tag: Koblenz – Montabaur – Limburg – Runkel – Weilburg – Braunfels – Wetzlar. Wetter: gut. Zeit: 8 – 7 ¼ .
11. Tag: Wetzlar – Herborn – Dillenburg – Siegen. Wetter: gut. Zeit: 9 ¼ - 4 ¼.
12. Tag: Siegen – Kreuzthal – Krombach – Olpe – Meinerzhagen – Brügge – Priorei. Wetter: gut. Zeit: 10 – 6.
13. Tag: Priorei – Hagen – Witten – Bochum – Steele. Wetter: gut. Zeit: ½ 11 – ½ 3.
Fahrtdauer: 13 Tage, Ausgaben: RM 13,-, Wetter durchschnittlich: befriedigend. Wir waren durchschnittlich 7 Stunden am Tag unterwegs.