Karl-Heinz Kranz: Unsere Fahrt ins Sauerland - Herbst 1941

Fahrtenbuch

Unsere Fahrt ins

Sauerland
Herbst 1941

aufgezeichnet von
Karl Heinz Kranz

Schon viele Monate vor meinem Urlaub hatte ich eine Fahrt mit Hans Kuhnhaus geplant. Nachher kamen noch Willi Schaffrath, Fischken genannt, und ein Freund des Hans, Karl Heinz, hinzu. Wir wollten in Fretter bei Herrn Remberg, den ich von einem früheren Lager her kannte, in Standquartier gehen und von dort aus die Gegend durchstreifen. Ich schrieb dann einen langen Brief nach Fretter. Die Antwort ließ auf sich warten, und als ich nochmals geschrieben hatte, bekam ich eine Karte mit der Absage. Nun ja, dachte ich, wenn wir nicht in Standquartier gehen können, dann machen wir eben eine richtige Fahrt. Wir kamen also alle vier zusammen und machten uns die Fahrtroute aus. Nach langem Knobeln hatten wir auch eine ganz hübsche Strecke ausgetüftelt. Wir schrieben uns dann auf, was alles für die Fahrt mitzunehmen ist. Es wurde ein langes Register. Endlich kam der letzte Tag vor unserem Start. Samstag Mittag ging ich in Urlaub (ich hatte noch einen

freien Nachmittag nachzubekommen). Es mußten noch eine Reihe letzter Vorbereitungen getroffen werden. Den ganzen Nachmittag ging’s hin und her. Immer überlegte ich: was fehlt jetzt noch? Als ich am Abend alles in Affen und Brotbeutel wohlverstaut hatte, stieg ich mit großen Erwartungen und Wünschen ins Bett.

Am anderen Morgen rissen mich die Wecker (ich hatte zur Vorsicht zwei aufgestellt) um 5 Uhr jäh aus dem Schlaf. Ich sprang auf und reckte mich in der kühlen Morgenluft. Endlich, endlich kanns losgehen! Um ¼ 6 Uhr gingen wir alle in die Kirche. Anschließend futterten wir zum letztenmal bei Muttern und trafen uns um 7 Uhr am Bahnhof. 7.10 Uhr fuhren wir ab in Richtung Lüdenscheid. Nach mehrmaligem Umsteigen kamen wir um ¼ 10 Uhr dort an. Der Himmel war grau verhangen und die Luft kühl. Wir zogen aus der Stadt hinaus und machten am Waldrand eine kurze Futterpause. Nachdem wir einige Stullen mit

gutem Hunger verdrückt hatten, zogen wir mit frischem Mut unserem Wanderweg durch den Wald nach. Zu unserer Freude kam die Sonne auch ab und zu hervor. Als wir eine Höhe erstiegen hatten, lichtete sich der Wald. Rechts und links des Weges waren riesige Wiesen: Ein Truppenübungsplatz. Schützengräben schlängelten sich durch das Gelände. Etwas weiter links in einem kleinen Tale lagen einige Gebäude. Beim Näherkommen konnten wir die bemoosten Dächer, die zwischen alten Bäumen hindurchlugten, erkennen. Inzwischen jagten schwere Regenwolken über uns hinweg, und plötzlich fielen dicke Tropfen auf uns nieder. Ich holte schnell meine Zeltbahn aus dem Affen und wir krochen mit allen Mann drunter. Es prasselte tüchtig auf unsere Köpfe. Links unseres Weges hütete ein Schäfer unbekümmert seine Herde. Der Regen setzte wieder mit neuer Macht ein. Vor uns lag der Waldrand, also hin. Dort waren wir etwas mehr geschützt, als unter der Zeltbahn. Der Waldweg war sehr naß und matschig, aber das kann doch einen Seemann nicht erschüttern! Ich

hatte mir die Zeltbahn zum Trocknen umgehängt, und weiter ging’s in den Wald hinein. Bald kamen wir an eine Stelle, wo sich der Weg teilte. Da wir keine Wanderzeichen fanden, war guter Rat teuer. Wir gingen auf’s Geratewohl los. Als wir dem rechten Weg eine Zeit lang gefolgt waren und immer noch kein Zeichen entdeckten, zogen wir quer durch den Wald zum anderen Weg. Diesem gingen wir mit dem gleichen Ergebnis ein Stück nach, um schließlich wieder zum ersten (Weg) zurückzukehren. Als wir nirgends unser Wanderzeichen entdecken konnten, entschlossen wir uns, den Rückzug anzutreten und zu dem Bauern hinzutippeln, an dem wir vorher vorbeigezogen waren. Es wurde zu dem allmählich Zeit, für das Mittagessen zu sorgen. Bald kamen wir bei dem Bauern an. Wir sahen zwei alte Gebäude, die schon halb eingefallen waren. An einem hing ein Schild der Militärverwaltung, das ein Betreten und beschädigen der Häuser verbot (Truppenübungsplatz). Der Bauer war, wie sich herausstellte, nur ein kleiner Kötter. Wir konnten dort zu Mittag unsere

Stullen futtern und bekamen Milch dazu. Als wir gerade aufbrechen wollten, kam ein heftiger Regenschauer herunter, den wir noch abwarteten. Wir ließen uns unseren Weg genau beschreiben, damit wir uns nicht nochmal verliefen. Nachdem wir uns bei den Leuten bedankt hatten, machten wir uns auf den Weg. Die Waldwege waren aufgeweicht. Wir mußten gut achtgeben, damit wir nicht plötzlich in eine Schlammpfütze traten. Aber trotz aller Vorsicht sahen unsere Schuhe lecker aus. Fischken brachte uns mit seinen drögen Witzen immer wieder zum Lachen, so daß es uns nicht zu eintönig wurde. So zogen wir stundenlang durch den Wald, immer über die Höhenzüge hinweg. Das Gebiet nannte sich „Drögen Pütt“, d. h. trockener Brunnen. In der ganzen Gegend haben wir nicht einen Bauernhof gesehen und keine drei Menschen. Unser Wanderweg mußte nach der Karte auch an der Versetalsperre vorbei kommen. Und siehe, der Weg ging abwärts, und binnen kurzem standen wir im Versetal an der Staumauer. Der See schnitt in vielen Buchten

ins Land hinein. Die mächtige Staumauer sah mit ihren Türmen malerisch aus. An ihrer Talseite ging es klaftertief hinab. Eine riesige alte Tanne ragte aus dem Tal hervor, als wolle sie die Staumauer an Höhe übertrumpfen. Der See lockte uns, schwimmen zu gehen, aber die vorgerückte Zeit und das entfernte Ziel hielten uns davon ab. Noch schien die Sonne, aber kaum waren wir über die Staumauer ans andere Ufer gelangt, als die ersten Tropfen fielen. Der Regen wurde heftiger, und wir suchten in einem dichten Busch neben der Straße Schutz. Wir nutzten die unfreiwillige Pause mit Futtern aus. Lange marschierten wir durch den Wald in Richtung Nordhelle. Die Luft war feucht und der Himmel mit regenschweren Wolken verhangen. Die aufgeweichten Wege waren gerade kein ideales Pflaster zum Wandern. Doch uns konnte nichts erschüttern. Am späten Nachmittag erreichten wir Nordhelle, einen Aussichtsturm. Wir hatten unser Tagesziel erreicht und glaubten, in der Nähe einen Bauerhof zu finden, wo wir in Nacht-

quartier gehen konnten. Doch wir hatten uns getäuscht, es war nichts zu entdecken. Also hieß es weiter tippeln. Wir schlugen den Schiweg nach Attendorn ein. Es begann wieder zu regnen. Der Weg war teilweise so grundlos, daß wir neben ihm her gehen mußten. Die tiefen Wagenspuren standen voll Wasser. Von den Bäumen tropfte es eintönig. Wir redeten kaum noch, nur ab und zu fiel noch ein Wort. Unsere Blicke waren auf den Boden geheftet, damit wir nicht in eine Pfütze oder in die aufgeweichte Erde traten. Unsere Schuhe waren durchnäßt. Wir waren alle schon ziemlich müde in den Knochen, denn wir hatten am ersten Tag, wo wir doch das Wandern noch nicht gewohnt waren, schon eine hübsche Strecke hinter uns gebracht. Es war verwunderlich, daß ausgerechnet Karl, unser Jüngster, sich zum Schrittmacher aufschwang und uns an der Spitze fast weglief. So zogen wir im Gänsemarsch durch den Wald, immer spähend, ob nicht abseits des Weges ein Haus zu entdecken war. Wir fanden am Wegrand einen schönen, großen Fliegenpilz, dessen Farben wunderbar im Abendlicht aufleuchteten. Nach einer

guten Stunde Marschieren sahen wir durch die Bäume hindurch ein Haus. Gott sei Dank! Über eine Weide gingen wir darauf zu. Man hatte uns schon gesehen, und ein Mann kam heraus. Wir fragten ihn, ob wir für die Nacht dableiben könnten. Er sagte uns freundlich, es wären einige Kinder an Diphterithis krank, so daß wir wegen der Ansteckungsgefahr nicht übernachten könnten. Wir erkundigten uns nach dem nächsten Bauernhof und tippelten wieder los. In einer halben Stunde waren wir in Hebberg, das aus einigen Höfen bestand. Dort konnten wir in einer Scheune pennen. Nachdem wir von unseren Schuhen den halben Weg abgekrazt hatten, gingen wir in die Stube und spachtelten. Die Bäuerin gab uns dazu etwas zu trinken. Unsere Brotbeutel wurden ein gutes Stück leichter. Ich las dann noch einige Seiten aus dem Buch von Thiamer Toth: „Mit offenen Augen durch Gottes Natur“ vor. Es gefiel den Kerlen gut. Wir wünschten unseren Quartierleuten „Gute Nacht“ und gingen in die Scheune. Dort machten wir unsere Lager im Stroh fertig. Es dauerte

lange, bis alle unter ihre Decken gekrochen waren. Es war alles so ungewohnt und neu. Wir erzählten noch eine Zeitlang und versuchten einzupennen. Doch die Nachtkälte verjagte uns den Schlaf. Uns fehlte noch die Übung, die wir später im Herstellen unerer strohlager hatte. Gegen morgen zu pennten aber doch alle.

Am Morgen wurden wir schon früh wach- Doch wir wollten uns noch etwas ausruhen und blieben noch liegen, während alte Kaamelem erzählt wurden. Als wir schon neun Stunden im Stroh lagen, standen wir endlich auf. Wir wuschen uns an einer eiskalten Wuelle. Das tat uns gut! Dann rollten zwei Mann die Decken, die anderen putzten die Schuhe, die noch immer naß waren. Nachdem wir unsere Affen wieder gepackt hatten, ging' s an Futtern. Wir bedankten uns bei den Leuten und marschierten in den trübe Morgen hinaus. Regen bekamen wir an diesem Morgen kaum. Unser Weg

führte uns durch viele Wälder nach Attendorn. Noch am Vormittag erreichten wir die Stadt. Hier machten wir unseren ersten Einkauf in einem Bäckerladen und frischten unseren Brotvorat auf. Jeder hatte ein halbes Brot zu schleppen. Wir hatten vor, uns die bekannte Attendorner Tropfsteinhöhle anzusehen. Leider wurde uns ein Strich durch die Rechnung gemacht, denn sie war noch geschlossen. Es war allmählich gegen 12 Uhr geworden, also Zeit, uns um unser Mittagessen zu kümmern. Wir fragten einen Mann, wo wir im Ort essen könnten. Er meinte, in Attendorn sei nichts zu machen. Wir sollten zum Gut des Grafen Spee gehen, dort könnten wir bestimmt etwas bekommen. Gesagt, getan! Wir tippelten der Landstraße nach an der Bigge vorbei. Das Wetter wurde schön, und die Sonne schien uns kräftig auf den Buckel. Links des Weges lag ein großer Steinbruch. Die Straße zog sich wie ein helles Band in großen Schleifen durch das Land. Als wir ein gutes Stück weitergeklotzt waren, bog rechts ein Weg ab. Nach der

Beschreibung eines Hirten mußte hier der Gutshof liegen. Wir gingen hinunter und sahen, als wir aus dem Wald heraustraten, ein mächtig großes Gut vor uns liegen. Auf weiten Wiesen tummelten sich schwarze Schweine, eine besondere Rasse, wie wir später erfuhren. Sogar ein Esel graste auf der Weide. Die Gebäude standen in einem Rechteck zusammen. Links befand sich das stattliche Herrenhaus, welches von uralten Bäumen beschattet wurde. Dahinter lag ein kleiner Park. Die Gebäude hatten riesige Ausmaße. Als wir durch die Toreinfahrt in den Hof kamen, sahen wir die Knechte emsig arbeiten. Es waren nicht nur landwirtschaftliche Arbeitskräfte vorhanden, sondern auch Handwerker aller Art. Im Herrenhaus fragten wir nach einem Mittagessen, und wir bekamen es: eine fettige Suppe, Kartoffeln, Schnibbelbohnen, Ragout. Wir machten alle Schüsseln leer, sodaß wir nachher um einige Pfündchen schwerer geworden waren. Nachdem wir uns bedankt hatten, tippelten wir wieder los. Die Sonne meinte es gut mit uns. Rechts der Straße lag ein großes Kalkwerk.

Wir zogen immer der Landstraße nach und erreichten schon früh unser Tagesziel Finnentrop, eine regelrechte Stadt, in der wir nicht unterkommen konnten. Deshalb marschierten wir weiter über Bamenohl nach Weringhausen, wo wir um 5 ¼ Uhr Quartier bekamen. Bis zum Abend machten wir einen Spaziergang. Weringhausen ist ein keines Bauerndorf, das nicht einmal eine Kapelle hat. Nach dem Abendessen las ich noch ein paar Seiten aus dem Buch vor. Wir bauten uns diesmal bessere Schlafstellen als in der vorigen Nacht. Wir pennten wie die Murmeltiere.

Am anderen Morgen war es sehr frisch und nebelig. Wir konnten keine 100 m weit sehen. Lustig marschierten wir in den kühlen Morgen, ein frisches Lied auf den Lippen, daß ich auf der Schnufferutsch begleitete. Das Wetter versprach schön zu werden. Als wir schon eine zeitlang gelaufen waren, sahen wir

abseits der Straße einige Äpfelbäume stehen. Klar, daß wir uns einige Äpfel ’runter holten! Sie sind doch schließlich zum Essen da! Schon früh kamen wir in Fretter an. Wir gingen durch das ganze Dorf bis zum Hof des Herrn Remberg, wo wir ganz unerwartet ’reinschneiten. Nach der Begrüßung sahen wir uns den Hof an. Adolf Remberg, der noch auf dem Felde war, kam auch nach einiger Zeit. Er fragte uns, ob wir für die Nacht dableiben wollten. Wir sagten zu, obwohl wir eigentlich vorhatten, noch am gleichen Tag weiter zu tippeln. Herr Remberg zeigte uns dann seine Mühle, die schon ein paar Jahrhunderte alt ist. Mir stiegen Erinnerungen auf an eine längst verflossene Zeit. Eine große, neue Scheune hatte sich Herr Remberg vor wenigen Jahren bauen lassen. Ich hatte noch die Alte gekannt. Wir strolchten überall herum und kannten uns bis zum Mittag schon aus. Nach dem Mittagessen gingen wir mit auf das Roggenfeld, das heute geschnitten werden sollte. Den Selbstbinder hatten wir schon am Vormittag zum Feld gebracht, und nun konnte es gleich losgehen.

Die Pferde wurden vorgespannt und die Maschine richtig eingestellt. Adolf Remberg schwang sich auf den Sitz des Selbstbinders und einer von uns lief neben den Pferden her und trieb sie an. Mit der Maschine ließ sich schnell und sauber arbeiten. Ein großer Keil teilt die Ährenreihen und lenkt einen Streifen vor die Messer. Ein großes Holzrad legt die Halme auf ein Rollband, das sie in die Bindevorrichtung einführt. Bei einer bestimmten Menge tritt diese in Tätigkeit und schnürt das Bund mit Hanfkordel zusammen. Mit Auswerfarmen wird das Bündel aus dem Selbstbinder weggeschleudert. Drei von uns hoben die Bunde auf und stellten sie mit der Schwester des Herrn Remberg zu Garben zusammen. Flaps, ein Pole, der mit noch einem Kollegen am Hof als Knecht arbeitete, machte die sogenannte Mütze, d. i. ein Bund, welches geknickt auf die aufgestellten Garben gelegt wird, damit diese vor Wind und Wetter geschützt sind. Der andere Pole stellte allein Garben auf. Die Sonne schien sehr heiß vom Himmel, so daß wir

uns bald bis auf die Hose auszogen und mit freiem Oberkörper arbeiteten. Wir bekamen viel Spaß und die Arbeit ging uns flott von der Hand. Wir hatten ja auch zwei Fachleute bei uns: Hans hatte das Landjahr mitgemacht und Fischken war dreiviertel Jahr bei einem Bauern. Aber auch Karl und ich, wir Laien, hatten uns bald eingearbeitet. Die Zugpferde anzutreiben machte besonderen Spaß; deshalb wurde der Nachmittag eingeteilt, damit jeder einmal d’ran kam. Wir hatten uns noch die Peitsche vom Hof geholt, damit es besser klappte. Das Feld ging aufwärts, und je höher wir kamen, desto mehr Disteln waren zwischen dem Roggen. Wir mußten scharf achtgeben, daß wir uns nicht die Hände mit Splittern spikten. Die Sonne war allmählich von ihrem hohen Sitz im Himmelsgewölbe heruntergeklettert und vergoldete mit ihrem Schein die Welt. Wir stellten die letzten Garben auf, während Adolf Remberg den Selbstbinder nach Hause fuhr. Es war 7 Uhr, als wir das Feld mit den sauber in Reih’ und Glied aufgestellten

Garben verließen. Ich konnte auf den Typ der Schwester des Herrn Remberg hin 4 Brote ohne Karten ergattern. Nachher gingen wir in den Kuhstall und sahen zu, wie die Kühe gemolken wurden. Auch für die Weide oder besser gesagt für das Pferd, das sich darauf befand, interessierten wir uns. Hans mußte unbedingt reiten, und flog dabei in den Sumpf. Nach dem Abendessen verzogen wir uns bald auf den Heuboden, den uns Herr Remberg zum Pennen angewiesen hatte, und bauten uns ein zünftiges Lager aus Strohbündeln. Je zwei Mann schliefen zusammen, noch einen Meter Stroh über sich. Gefroren haben wir in dieser Nacht kein bischen.

Als wir am anderen Morgen aufstanden und uns anzogen, sauste Hans durch den Lehmboden durch und riß ein hübsches Loch. Ein Glück, daß er nicht ganz durchfiel! Herr Remberg machte davon kein Aufheben, denn er wußte ja, daß der Boden nichts

taugte. Wir wuschen uns in der Fretter, die die Mühle Tag und Nacht in Betrieb hält. Erst um ½ 10 Uhr marschierten wir los. Wir hatten von Herrn Rembergs Schwester eine Käsekarte geschenkt bekommen. Von Herrn Remberg, der schon auf dem Feld war, ließen wir uns den Weg erklären, und bedankten uns. Die Landstraße, die wir einschlugen, führte uns in Richtung Leckmart. Am Straßenrand standen viele Haselnußstauden, aber die Nüsse waren noch unreif. Als wir allmählich höher kamen, konnten wir ein schönes Naturschauspiel beobachten. In den Tälern hatten sich dicke Nebelmassen zusammengeballt, während die Höhenzüge klar zu sehen waren. Die grauweißen Massen wogten hin und her und stiegen unter dauernd wechselnden Formen langsam höher. Herrn Rembergs Schwester hatte uns gesagt, wir müßten die Bauern fragen, wenn wir etwas von ihnen haben wollten, denn von selbst gäben sie nichts ab. Dies’ taten wir nun auch. Als vor uns einige Bauernhäuser auftauchten, überlegten wir, wie wir es am

besten anfingen, unsere Feldflaschen zu füllen. Schließlich nahm Hans sich eine Pulle und schob in das nächste Haus herein. Nach kurzer Zeit kam er strahlend zurück mit einer gefüllten Flasche und verlangte noch die zweite. Die Vollmilch konnten wir gut gebrauchen. Daraufhin wurde Hans zu unserem Proviantmeister ernannt. Wir zogen immer über die Höhenzüge hinweg. Das Wetter war befriedigend, wenn auch nicht so schön wie am Vortage. Es ging langsam auf 12 Uhr zu – wir merkten es schon an unseren Mägen. Heute wollten wir uns wieder ein warmes Mittagessen verschaffen. Und siehe, da tauchte schon ein Dorf vor uns auf. Wir fragten in einer Schenke nach, doch der Wirt verwies uns an die Großbauern des Ortes. Wir kloppten nun einige Höfe ab und landeten schließlich beim Ortsbauernführer, genannt Ortsbulle. Seine Frau erklärte sich bereit, zwei Mann für den Mittag zu beköstigen. Hans und Fischken blieben, Karl und ich gingen weiter fragen. Bald kamen auch wir unter. Wir wurden in die gute Stube geführt und bekamen dort

für uns allein gedeckt. Es gab Kartoffelsuppe mit viel Speck, Spiegeleier und als Nachtisch Äpfel. Ein Friedensschmaus! Wir waren reichlich satt geworden. Als wir uns wiedertrafen, erzählten die andern, sie hätten dicke Bohnen mit Speck bekommen. Das gute Essen hatte uns richtig übermütig gestimmt. Wir machten alle ein „Paket“ im Wald und tippelten dann wieder lustig los. Wir kamen nun weniger durch Waldgebiete, sondern sahen viel bebautes Land. Die Bauern waren überall dabei, die Ernte bei dem trockenen Wetter einzuholen. Wenn wir unterwegs an Bauernhöfen vorbeikamen, gingen wir gelegentlich auf Hamstertouren. Vollmilch und Butter waren unsere Spezialitäten. Hans verstand sein Fach als Proviantmeister, das mußte man ihm lassen. Unterwegs wurde ab und zu ein Marschlied gespielt auf der Mundharmonika. Dann ging’s besser voran. Nach einigen Stunden kamen wir durch Arpe. Es war aber noch etwas zu früh zum Schluß machen. Also tippelten wir weiter und kamen noch bis Oberberndorf.

Dort nahm uns der Ortsbulle für die Nacht auf. In dem Raum, in dem wir unsere Affen und Brotbeutel abgelegt hatten, stand ein Klavier. Ich fragte, ob ich etwas spielen dürfte. Es wurde mir erlaubt, und ich bearbeitete denn auch prompt das Möbelstück. Nachher ging ich auf die Wiese, wo die andern sich tummelten. Ich hatte das Buch mitgenommen und las etwas daraus vor. Hans wollte unbedingt noch baden. Durch die Wiese plätscherte nämlich ein kleiner Bach. Er stürzte sich in Badehose hinein. Das Wasser war ihm anscheinend doch zu kalt, denn er kam schnell wieder heraus. Nachher sprachen wir mit einem französischen Gefangenen, der bei dem Bauern arbeitete. Als wir vom Krieg sprachen, meinte er, die deutschen Truppen kämen nicht nach England und umgekehrt die Engländer nicht zum Festland, weil beide mit ihrer Artillerie und Luftwaffe die feindlichen Küsten unter Feuer halten und alles dem Erdboden gleichmachen würden. Der Bauer war mit dem Franzosen zufrieden, was allgemein auch hörte.

Dagegen seien die Polen keine so guten Arbeiter. Zum Abendessen bekamen wir Milchsuppe und aßen dazu unsere Butterbrote. Ich ließ mir von dem Bauern einen Platz in der Scheune anweisen, wo wir pennen konnten. Es war sogar elektrisch Licht vorhanden. Auch in dieser Nacht schliefen wir gut.

Am anderen Morgen wuschen wir uns in dem Bach, mit dem Hans schon am Vortage Bekanntschaft gemacht hatte. Nachdem wir uns von unseren Quartierleuten verabschiedet hatten, tippelten wir wieder auf unserer Landstraße weiter. Die Sonne lachte vom Himmel. Bald erreichten wir Fredeburg, eine ziemlich große Stadt, in der wir unseren Käseschein in Naturalien umsetzten. Wir hielten uns nicht lange auf, denn wir hatten noch ein gutes Stück Weg zu bewältigen. Die Sonne kletterte immer höher und das Thermometer auch. Es wurde heiß, eigentlich ein feines Wanderwetter.

Das Land war verhältnismäßig flach, und wir kamen gut vorwärts. Über staubige Landstraße zogen wir hin und sahen die Wälder nur von weitem. Über Holthausen marschierten wir nach Nieder-Sorpe, das ringsum von Höhenzügen umgeben war. Hier wollten wir Mittagsrast machen. Wir kloppten im Dorf fast jeden Hof ab, bis wir schließlich alle untergekommen waren. Hans und ich kamen bei einem Großbauern an. Wir bekamen wieder unter anderem dicke Speckstücke vorgesetzt. Nachher zeigte uns der Bauer auf der Karte, wie wir am besten nach Alt-Astenberg kommen könnten. Er erklärte uns stolz, was eine Hauptstammbuchstute ist: „Das beste vom Besten“. Er besaß ein solches Pferd. Seinen Schweinestall zeigte er uns auch und erklärte uns auf unsere Fragen einige „schweinezüchterischen“ Dinge. Er war richtig väterlich zu uns. Karl und Fischken, die nicht ganz satt geworden waren, gingen noch zu einem Bauern, der sich vorher erboten hatte, uns ein paar Butterbrote zu schmieren, und ließen sich den Magen

ganz stopfen. Es war eine Bullenhitze, und die Affen drückten schwer; doch wir ließen uns nicht weich machen und waren bald wieder in Schwung. Vorher aber mußten noch einige Äpfelbäume uns den Nachtisch lassen. Es ging nun immer bergauf; rechts der Straße floß die Sorpe munter zu Tal. Wenn wir auch selbst auf staubiger Landstraße marschierten, so sahen wir doch feine Landschaften. Unterwegs vergaß Hans nicht, als Proviantmeister für unsere Mägen auf Vorrat zu sorgen. Er machte es manchmal so toll, daß ich bremsen mußte. Wir bekamen sogar ein paar Eier geschenkt, die wir uns sorgsam verstauten. Bald hatten wir Mittel-Sorpe hinter uns gebracht und erreichten Ober-Sorpe und Rehsiepen, wo wir uns nach dem Weg erkundigten. Wir marschierten weiter auf der immer noch steigenden Landstraße und kamen in den Wald. Bald bogen wir in einen Weg ein und erreichten das „Große Bildchen“, von dem wir durch die Leute gehört hatten. Von dort führte ein prächtiger Weg durch den Wald auf Alt-Astenberg zu. Neben dem Weg wuchsen viele

Himbeeren, die einen willkommenen Aufenthalt boten. Und weiter ging’s durch den hohen Wald. Als wir eine zeitlang marschiert waren, lichtete sich der Wald, und vor uns lag der höchste Berg des Sauerlandes, der Kahle Asten. Wir hatten geglaubt, einen mächtigen, hohen Berg zu sehen, und wurden nun enttäuscht durch einen größeren Hügel, der sich kaum von den umliegenden Bergen durch seine Höhe unterschied. Wir konnten nur dadurch den Kahlen Asten feststellen, daß sich auf seiner flachen Kuppe ein Aussichtsturm befand. In weitem Bogen führte uns unser Weg auf Alt-Astenberg zu, das nur aus ein paar armseligen Köttern, Hoteln und Pensionen besteht. Wir suchten nun nach Nachtquartier, doch anscheinend war im ganzen Ort keine Scheune. Als wir nach langem Suchen immer noch kein Quartier hatten – die anderen wollten schon weitertippeln -, entdeckte ich an einem Hause die Aufschrift: Jugendherberge. Wir machten den letzten Versuch. Die Herbergsmutter war nicht da, doch konnten wir in die Herberge

hinein, weil zwei Mädel vor uns angekommen waren. Wir putzten unsere Schuhe und futterten dann gründlich zu Abend. Wir waren gerade dabei, unsere Sachen zusammenzuräumen, als die Herbergsmutter kam. Als sie hörte, daß wir nur einen Herbergsausweis bei uns hatten, wollte sie uns nicht für die Nacht dahalten. Wir packten unsere Sachen und trottelten wieder ab. Kaum waren wir die Tür heraus, rief die Herbergsmutter uns wieder zurück; sie hatte doch Mitleid mit uns. Es war aber auch schon 8 Uhr. Wir ließen uns also wieder häuslich nieder und kramten aus den Taschen die gehamsterten Eier heraus, denn wir wollten sie kochen und natürlich verschmausen. Ein Ei war mir bereits unterwegs kaputt gegangen. Eins hatte ich noch in der Tasche, und als ich mich gegen die Tischkante lehnte, war es auch um dieses geschehen. Ich faßte voll Schreck in die Tasche: eine klebrige, glitscherige Soße mit Eierschalen drin! Nun aber schnell an die Beseitigung des Unheils! Die Eier haben uns trotzdem gut gemundet. Neben uns saß im Tagesraum

ein junger Mann, ein 32-jähriger Kölner, wie wir später erfuhren. Er wunderte sich, daß wir zu Fuß auf Fahrt gingen. Die Wanderer sind auch tatsächlich bald ausgestorben. Bis dahin hatten wir noch keinen richtigen Wanderer getroffen. Der Kölner saß da und braute sich in einer großen Tasse aus allen möglichen Kräutern sein Abendessen zusammen; er war Vegetarier. Nachher kamen wir ins Gespräch, und er erzählte uns und den anderen im Tagesraum die Geschichte von Nicola Bojanovic[^] und Haisan Zlatko, den größten Schmugglern aller Zeiten. Wir hatten eigentlich vor, früh in die Klappe zu steigen, um am anderen Morgen um 6 Uhr aufzustehen, aber über der spannenden Geschichte wurde es doch später. Als wir glücklich alle in den Betten lagen, erzählten wir noch weiter; wir kamen von Hölzken auf Stöcksken. Auch die Politik mußte herhalten, und unser Freund erzählte uns über Stalins Leben allerhand tolle Sachen. Die anderen schliefen allmählich ein. Nur noch der Kölner, ein älterer Herr und ich blieben

wach. Wir quatschten noch bis ½ 1 Uhr .....

Am anderen Morgen waren wir trotzdem um 6 Uhr auf, was den Erzähler vom Vorabend wiederum verwunderte. Beim Kaffeetrinken sprachen wir von unserer weiteren Fahrtroute. Er riet uns davon ab, von der Ruhrquelle dem Flußlauf zu folgen, wie wir es vorhatten. Er selbst wollte in Richtung Köln, also nach Westen tippeln. Schließlich kamen wir überein, ein Stück zusammen zu wandern. Als Tagesziel setzten wir Eslohe fest. Bald brachen wir auf, denn wir hatten einen weiten Weg zu bewältigen. Als Fischken unterwegs seine Schnuffelrutsch herauszog, ließ unser neuer Wanderkamerad sie sich geben und spielte uns in einen flotten Gang. Wir erfuhren bald, daß unser neuer Freund Ferdinand Rieck hieß. Er ist im Nebenberuf Schriftsteller und schreibt unter dem Namen Fox Reiner, mit dem er sich auch anreden ließ. Er arbeitet seit Ausbruch des Krieges

bei der Deutschen Bank in Berlin, stammte aus Köln und wollte nun dorthin, denn seine Mutter wohnt noch da. Unterwegs erzählten wir uns alles Mögliche, unter anderem von der jetzigen Aktienlage. Wir waren erst denselben Weg, den wir am Vortage gekommen waren, zurückgegangen bis zum „Großen Bildchen“. Dort bogen wir in einen anderen Waldweg ein. Als wir eine zeitlang immer über Höhenrücken getippelt waren, stellten wir fest, daß wir uns etwas verlaufen hatten. Wir kraxelten nun den Berg hinunter und landeten auf einer Landstraße, die uns nun planmäßig nach Bödefeld führte. Übrigens hatten wir im Wald in großen Mengen Waldbeeren gefunden, die natürlich erst gegessen werden mußten. Bei einer kleinen Rast, die wir zu diesem Zwecke machten, versprach uns Fox Reiner, einige feine Bücher leihweise zuschicken zu lassen. Unterwegs hatte uns Fox ein paar Lieder beigebracht, die wir mit Begeisterung sangen. Als wir uns Bödefeld näherten, meinte er: „Wehe diesem armen Dorf!“

Hier wollten wir unsere Mittagsrast halten. Nachdem wir noch Butter, Pfannekuchen usw. gehamstert hatten, machten wir unseren Plan. Fox Reiner mußte erst noch zum Bartschaber, währenddessen suchten wir zwei zu zwei, ein Mittagessen zu ergattern. Nach langem hin- und herrennen hatten Hans und ich eine Unterkunft gefunden. Wir bekamen ein feines Essen mit doppeltem Nachtisch vorgesetzt. Die anderen beiden hatten kein Glück. Wir bugsierten sie mit Fox, der inzwischen frisch rasiert erschienen war, zu einem Bauern, der sich vorher erboten hatte, uns Suppe zu geben; diese war aber noch nicht fertig gewesen. Nun schlugen die drei Mann kräftig ein, während Hans und ich zuschauten. Als wir wieder aufbrachen, schlugen wir ein gutes Tempo an. Bald erreichten wir Western-Bödefeld (wo wir, leider vergebens, nach Teilchen fahndeten), wo wir Hamsterpause einlegten. Die Hitze war sehr groß, so daß wir für die erhaltene Vollmilch dankbar waren. Als wir wieder lostippelten, schlugen wir

einen Feldweg ein und kamen in den Wald. Wir waren aber immer noch nicht richtig in Schwung, und so beschlossen wir, eine Ruhepause einzulegen und nachher desto kräftiger zu marschieren. Faul legten wir uns ins Gras in den Schatten und dösten in den stahlblauen Himmel. Als wir wieder aufbrachen, spielte uns Fox mit der Mundharmonika in einen flotten Gang. Die Jacken hatten wir ausgezogen und die Ärmel aufgekrempelt, denn die Sonne meinte es gut mit uns. Nach einiger Zeit erreichten wir Hanxleben, einen kleinen Ort. Hier erkundigten wir uns nach dem Weg und marschierten dann wieder auf der Landstraße weiter. Mit einem frischen Marschlied ging’s weiter. Fox Reiner wollte in der Nacht in einem Gasthaus übernachten, während wir nach altem Brauch in einer Scheune pennen wollten. Als wir nach Rohrbach kamen, beschlossen wir, hier Quartier zu machen. Fox mußte sich erst zivilgemäß säubern, damit er nicht als Landstreicher angesehen wurde. Als er

gerade fertig war und wir uns anschickten, in das Dorf hineinzugehen, kam jemand aus dem Ort daher. Wir fragten nach den Unterkunftsmöglichkeiten und erhielten eine negative Antwort. Also war die ganze Maskerade umsonst! Und weiter ging’s auf unendlicher Straße. Wir hatten schon einen anständigen Weg hinter uns; das machte sich auch in unseren Knochen bemerkbar. Doch die Schnuffelrutsch brachte uns wieder in Schwung. Vor uns tauchte ein größerer Ort auf, als wir wieder ein Stück marschiert waren: Bremke. Fox Reiner fragte in jeder Pension und in jedem Gasthaus nach, doch es war alles besetzt. So pilgerten wir denn durch den ganzen Ort; unser Mut sank immer mehr. Schließlich kam die letzte Möglichkeit: ein Gasthaus. Und es klappte! Fox konnte mit einem Knecht zusammen auf einer Bude pennen. Wir bekamen dann auch schnell in der Nähe Quartier. Während Hans, Willi und Karl unser Gepäck schon dahinbrachten, ging ich mit Fox Reiner Brot kaufen. Dann spachtelten wir zusammen und machten uns einen Treffpunkt

für den anderen Morgen aus. Bald darauf stiegen wir in die Scheune. Draußen war es schon dunkel.

Am anderen Morgen trafen wir uns, wie verabredet. Wir tranken zusammen bei unserem Bauern Kaffee. Heute morgen ließen wir uns Zeit. Als wir glücklich aufbrachen und ein paar hundert Meter gegangen waren, merkte Hans, daß er seine Geldbörse verloren hatte. Schnell lief er um und kam nach einiger Zeit mit dem corpus delikti wieder, den er im Stroh gefunden hatte. Wir waren noch nicht viel weiter marschiert, als abseits der Straße ein großer Bauernhof auftauchte, den Hans natürlich erst abgrasen mußte. Dafür war er ja schließlich Proviantmeister! Karl begleitete ihn, während wir drei es uns am Straßenrand bequem machten. Wir warteten und warteten, und die beiden kamen immer noch nicht. Schließlich – wir waren schon drauf und

dran, eine Vermißtenmeldung loszuschicken – kamen die beiden gemütlich daher. Sie waren von dem Bauern großartig bewirtet worden. Weitere ging’s in Richtung Eslohe, daß wir auch bald erreichten. Hier setzten wir unsere Fleischmarken in einige Würste um, weil sie sonst verfielen (es war nämlich Samstag). Da es schon Mittag war, ging Fox Reiner in ein Gasthaus zu Mittag essen, während wir bei ein paar Bauern mit negativem Erfolg anfragten. Schließlich kamen wir am Krankenhaus vorbei, wo wir nach einer zaghaften Anfrage tatsächlich bleiben konnten und ein gutes Essen bekamen. Nachher bummelten wir in der Mittagshitze zum Bahnhof, unserem Treffpunkt. Als nach einiger Zeit Fox kam, schickte er zwei Mann wieder in den Ort, einen Berg Teilchen holen, die wir nachher mit dem Mut der Verzweiflung verdrückten. Doch wir besinnten uns, daß wir eigentlich wandern wollten, und wir nahmen wieder unsere Affen auf den Buckel und schoben los. Wir kamen

in feine Wälder, die wir in interessanter Unterhaltung durchquerten, ohne uns aber den Genuß des Landschaftsbildes entgehen zu lassen. Als wir schon ein gutes Stück vorwärts gekommen waren, machten wir eine kurze Rast, während der uns Fox Reiner die Geschichte vom „König der Blindfahrer“ erzählte. Und dann ging’s wieder weiter. Unterwegs unterhielt ich mich mit Karl. Ich wunderte mich, wie aufgeschlossen er mit seinen jungen Jahren war. Gegen Abend erreichten wir Grevenstein. Nachdem Fox sich wieder zivilgemäß angezogen hatte, spazierten wir ins Dorf. Wir machten uns einen Treffpunkt aus und suchten dann Nachtquartier, Fox Reiner ein Gasthaus und wir einen Bauern. Wir fanden auch bald einen Bauern, der uns auf dem Boden schlafen ließ. Wir gingen wieder ins Dorf zurück, nachdem wir unser Gepäck abgelegt hatten, und trafen dort Fox. Er hatte inzwischen auch Unterkunft bekommen. Wir kauften noch einige Suppenwürfel, etwas Kunsthonig und Brot. Dann

gingen wir zu unserem Bauern, wo wir zusammen essen wollten. Ich machte auf dem Herd eine kunstgerechte Würfelsuppe zurecht, und dann ging’s ans Schmausen. Die Suppe schmeckte prima. Nachdem wir uns auf dem Boden häuslich eingerichtet hatten, gingen wir noch etwas an die Luft. Es war inzwischen schon dunkel geworden. Bald gingen wir zu Bett.

Am anderen Morgen – es war Sonntag – zogen wir uns besonders sauber an. Dann gingen wir in die Kirche zur Messe – es war Schutzengelfest. Nach dem Gottesdienst gingen wir mit Fox zu unserem Bauern und futterten. Als wir loszogen, hatten wir Nebelregen; doch das Wetter besserte sich nachher. Zum letzten Male sangen wir mit Fox’ Begleitung die Lieder, die er uns gelernt hatte, denn er wollte zum nächsten Bahnhof tippeln und nach Köln fahren, weil sein Urlaub

zu Ende ging. An einer Straßenkreuzung trennten sich unsere Wege. Wir verabschiedeten uns. Und weiter marschierten wir nach Visbeck. Das Wetter war befriedigend. Gegen Mittag kamen wir in das Dorf. Wir teilten uns wieder und gingen auf Suche nach einem Sonntagsschmauß. Wir hatten Glück. Karl und ich bekamen ein feines Essen mit Pudding als Nachtisch. Hans und Fischken futterten sich an Fleisch satt, denn ihr Bauer hatte notschlachten müssen. Als wir weiter marschierten, kamen wir bald wieder in den Wald. Aber es ging heute gar nicht so recht vorwärts. Wir hatten keine rechte Lust. Als wir eine zeitlang gegangen waren, kamen wir zu einer Weide, auf der ein prima Pferd graste. Wir liefen hin, doch der Gaul galloppierte uns davon. Das junge Tier war ziemlich scheu. Es sah prächtig aus, wenn es über die Weide mit fliegender Mähne daherraste. Lange blieben auf der Weide, denn das Pferd machte uns Spaß. Schließlich tippelten wir doch weiter und kamen

bald zum Fusthof, einem großen Bauernhof. Wir fragten dort wegen Nachtquartier, doch leider erfolglos. Also mußten wir nach Hellefeld. Dort kloppten wir eine Reihe Bauern ab, doch keiner wollte uns aufnehmen. Schließlich landeten wir beim Ortsbauernführer. Er hatte sogar ein Heugebläse, das ist eine Maschine, mit der das in den Trichter eingeführte Heu durch große Blechrohre in die Scheune hineingeblasen wird. Auf dem Heu konnten wir schlafen. Bald aßen wir zu Abend und stiegen in die Scheune, denn wir wollten am anderen Morgen zeitig lostippeln.

Schon um ½ 7 Uhr sah uns der neue Tag unterwegs. Es war sehr kühl. Wir erlebten einen feinen Sonnenaufgang. Wieder kamen wir am Fusthof vorbei und tippelten dann durch den Wald. Das Wetter war diesig. Lange marschierten wir auf den Waldwegen weiter, bis wir kurz vor

Arnsberg auf die Landstraße kamen. In Arnsberg suchten wir vergebens nach unserem letzten Nachtquartier, denn wir wollten von hier aus am anderen Tag mit dem Zug nach Hause fahren. Nachdem wir noch in einem Lebensmittelgeschäft Marmelade „ohne“ und Suppenpulver bekommen hatten, tippelten wir zu dem Bauernhof Neutrop, wo wir dann auch Glück hatten. Bei unseren Quartierleuten kochten wir uns dann aus unserem Pulver eine Suppe und ließen sie uns gut schmecken. Nachher gingen wir wieder nach Arnsberg und besahen uns die Stadt. Die Ruhr floß in großem Bogen um sie herum. Reste der alten Stadtmauer haben sich noch erhalten, und einige alte Türme sahen recht malerisch aus. Wir holten uns in zwei Bäckereien Teilchen ohne Karten und ließen sie uns gut munden. Nachher sahen wir ein paar Wanderer des S.G.V., was eine Seltenheit geworden ist. Wir spazierten wieder nach Neutrop zu unserem Bauern.

Wir konnten eine Dreschmaschine während der Arbeit beobachten. Überhaupt sind alle Landwirtschaftsmaschinen interessant. Wir hatten auf unserer Fahrt genug Gelegenheit, sie uns anzusehen. Bis zum Abend vertrieben wir uns die Zeit mit allem Möglichen. Wir halfen, die Kälber von der Weide in den Kuhstall zu treiben. Dies war gar nicht so einfach, weil die Viecher nicht von der Weide wollten und immer am Tor vorbei liefen. Nach dem Abendessen gingen bald pennen. Wir schliefen im Kuhstall auf Stroh. Dort war es wenigstens warm!

Am anderen Morgen gingen wir nach dem Frühstück zur Bahn. Wir hatten schon am Vortage den Fahrplan studiert und uns einen Zug ausgesucht. Nach langer Fahrt kamen wir wieder in Steele an, noch grade richtig zum Mittagessen. Die feine Fahrt war zu Ende!

Unterwegs hatte ich mit meinem Fotoapperat eine Anzahl Schnappschüsse und Landschaftsaufnahmen gemacht. Es sind sehr feine Bilder darunter. Damit komme ich zum Schluß. Wir hatten auf unserer Fahrt viele schöne Landschaften gesehen, haben Land und Leute kennengelernt und viele frohe Stunden verlebt. Nicht zuletzt sind wir vier zu einer feinen Kameradschaft gekommen. Wenn sich auch einmal dunkle Augenblicke in unserer Fahrt zeigten, so war sie doch im großen und ganzen wirklich prima.

Hoffentlich kann ich nochmal auf Fahrt gehen.....