August Broil an Marga Ortmann, 3. Mai 1943

Aachen, am 3. Mai 1943.

Meine liebe Marga.

Heute habe ich mir Deinen Brief von dem Du mir gestern sprachst, geholt. Er war mir wie eine Antwort auf viele Fragen, die ich mir an mein Inneres immer wieder stellen muß, und wiederum war er mir Frage um Frage nach dem Wunderbaren, das sich in Dir, mir bald unfaßbar schön, geöffnet hat. Vieles, was fest saß, unausgesprochen mich quälte, hat Dein Brief in meinem Innern wieder gelöst und gelockert. Wenn ich dazu noch denke an den feinen Sonntagnachmittag mit Dir und den Eltern, so glaube ich, daß beides zusammen uns wieder wie ein helfendes Geschenk gegeben wurde.

Es rührt mich im tiefsten Innern an, wenn ich lese und von Dir höre, wie Dein Aufblühen zu mir geschah, wenn ich die Klarheit und Geradheit des Weges von der Abgeschlossen-

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heit in Dir zu der Aufgeschlossenheit zu mir betrachte. Welch unbeschreibbar feiner Vorgang, Dich wandelnd und neue Tiefen in Dir öffnend, findet in Dir statt! Der Weg von dem jungfräulichen Einssein mit dem Schöpfer zu diesem neuen Dreisein ist so natürlich, klar und rein. Zwar treffen in der Zeit des Überganges oft krass die Strömungen des Herzens gegeneinander; das alte, längst Vertraute muß hingegeben werden gegen das neue, Unsichere, Unwägbare. Aber es ist doch eine Entwicklung in rechter Ordnung. Du sorgst Dich, daß Du Deine Liebe teilen mußt; was früher klar und einfach nur Deinem Schöpfer galt, sei jetzt in eine neue Richtung gedrängt, und die frühere gesammelte Liebeskraft sei nun Deinen Händen entbogen und müsse sich in die neue Ordnung einfinden.

Meine Marga, ich glaube, es ist im Menschenleben nie anders möglich, und alle tiefsten Kräfte werden nie zur vollen Entfaltung

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kommen, wenn sie sich nicht über Täler und Schluchten hinweg bewähren und festigen müßte. Auch glaube ich, daß erst das vollen Menschenleben, wenn es uns als Mann oder Frau in Gemeinsamkeit zu führen vergönnt ist, die letzte Fülle der Liebe zu Gott erschließen kann. Der jungfräuliche Mensch kann in reiner glühender Liebe zu Gott so unmittelbar bei ihm stehen. Im Fluge kann er weit über Zeitschwere und Erdhaftigkeit schweben. Doch meine ich in dem sanften Licht der errungenen, erlebten, erkämpften, durchweinten und vielleicht sogar verlorenen Liebe des gelebten vollen Menschenlebens so ungeheuer viel von der Nähe Gottes spüren zu können, daß mir nicht bange zu sein braucht, und daß Du, weil Du Deinen Weg wie im Schauer visionhaft erkannst hast, erst in der Erfüllung des Menschenlebens auch die Erfüllung reinster Liebe und Hingabe an den Schöpfer, in den alles hineinmündet, sehen wirst. So also, meine Marga,

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glaube ich Deinen und unseren Weg zu sehen. Und nur so, glaube ich, können wir wirklich das Letzte zur höchsten Ehre Gottes tun.

Du, Marga, ich sehe das jetzt alles so klar, seitdem Du mit mir auf dem Wege bist zur Gemeinschaft. Ich sehe, mit welcher Gewalt Kräfte in Dir wirken, wie mir früher, wenn nicht fremd, so doch unbewußt waren oder schlummerten oder wie in einem zerfallenen und versiegten Brunnen dunkel und tot und stumpf lagen. Der Brunnen ist wieder frei gemacht. Des köstlichen Wassers glänzender Spiegel liegt klar und ruhig und wartet, hinaufgeholt zu werden, damit es im Licht glänzen und wirken kann.

Mein Leben Leben und Lieben, mein Erkennen, Erfahren und Sein ist wie aus einem dunklen Wald gekommen, in dem hier und da eine Lichtung goldene Sonnenflecken hat. Aber das Dunkel des Waldes stand drohend und abweisend, verbergend und

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ängstigend um das wenige und hoffnungslose Licht herum. Weite Strecken Weges kam mir der wahre, tiefe Glanz des Lichtes aus der Höhe gar nicht zum Bewußtsein. Ich weiß nicht, ob Du das verstehen und erkennen kannst, die Du ganz anders bist.

Ich habe nicht wie Du in einer solch klaren Wachheit gelebt, die Dich so stark und eng an Deinen Schöpfer bindet. Wohl lebte dies auch in mir wie in jedem Menschen, aber das Leben selbst nahm mich so stark in seine Fangarme und jagte mich und ließ die tiefen Brunnen der Klarheit versiegen. So stehe ich jetzt vor Dir mit all dem, was sich aus dieser Entwicklung heraus auf mich geladen hat. Gewiß liegt es fern hinter mir, doch ist die Grundhaltung des Menschen so, daß all das früher Erlebte hineinwirkt in das Heute, und bei mir ist das in besonders starkem Maße der Fall. So kannst Du Dir auch erklären, was Du an Schwerem in

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meinem Wesen feststellen mußtest: Die Wehmut, der leise Schmerz.

Meine Marga, es hat mich gedrängt, jetzt, wo wir uns vielleicht lange Zeit nicht mehr sehen und nicht mehr miteinander sprechen können, zu versuchen, Dir etwas mehr von meinem Wesen zu sagen. Vieles von dem, was ich sagte, mag Dir noch dunkel und unerklärlich sein, und ich habe Dir auch alles so allgemein und in großen Zügen dargestellt – Einzelheiten würden jetzt nur noch mehr verwirren und alles für Dich noch schwerer begreiflich machen. So schwer es mir immer wieder ist, aus dem Verborgenen heraufzuholen und so schmerzlich es ist, Dir solche Dinge sagen zu müssen und Dich damit zu belasten, so notwendig ist es auch: diese Notwendigkeit haben wir beide schon früher erkannt.

Du weißt, Marga, wie froh ich auch wieder bin, daß nun alles so gekommen ist, und wie dankbar ich dem Herrgott bin, daß er

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mein Leben so und nicht anders gefügt hat. Wenn ich ganz fest auf ihn vertraue, dann wird trotz allem Schweren das war und sein wird und das auch uns beiden in der Gemeinsamkeit nicht erspart sein wird, das Leben zu seiner Ehre und Verherrlichung geführt werden können.

Das muß unsere einzige, tiefste, letzte Sehnsucht sein. Alles andere ist dem gegenüber klein und nebensächlich.

Nun soll unsere Fahrt nach dem unbekannten Ziel morgen Mittwoch losgehen. Dann wird dieser Brief bei Dir sein. Ich bitte Dich, meine Marga, nimm diese Dinge so ganz einfach in Dich auf. Sie sollen Dir ja helfen, mich zu verstehen und nicht das Leben schwer zu machen.

Meine liebe Marga, in der festen Hoffnung, daß der gütige Vater uns bald zu einer festen, tiefen und innigen Gemeinsamkeit führen möge grüße ich Dich

Dein August