Marga Ortmann an August Broil, 4. März 1943

Köln, den 4. März 1943.

Mein lieber August!

Nun bist Du gegangen. Täglich komme ich an der Stelle vorbei wo wir uns am Sonntagmorgen die Hand zum Abschied gereicht haben; jedesmal sehe ich Dich wieder da stehen und fühle Deinen Blick auf mir ruhen.

Gestern durften wir uns wiederum gegenüberstehen. Du trugst das graue Kleid derer, die zu hartem Dienst berufen sind; zu einem Dienst, der trotz seiner Härte noch Dienst der Liebe sein kann. Das wurde mir so recht klar, als ich da inmitten all derer stand, die wie ich Abschied nehmen mußten von dem liebsten Menschen. Solches Abschiednehmen greift ans Herz, wenn auch ein Lächeln sanft den Schmerz zu verbergen sucht. Lange noch mußte ich dem Zug nachsehen, der Dich in die Ferne brachte; da fiel mein Blick in das Gesicht Deiner Mutter, in das diese Stunde wohl eine neue Furche gegraben hat. „Eine starke Frau, wer wird sie finden….“ Die Worte der Liturgie, die Du bei unserer Messe mit Dr. Hiß in der Epistel gelesen hast, kamen mir da in den Sinn. August, Du darfst stolz sein auf solch eine Mutter! Wieviel müssen wir Mädchen noch von den Müttern lernen, wieviel noch an uns arbeiten bis wir würdig sind, einmal wie sie Frau und Mutter zu werden! Ich bin noch mit Deinen Eltern bis Bonntor gefahren und ich glaube als wir auseinandergingen waren wir uns keine Fremden mehr.

Du, wir dürfen nicht traurig sein, daß Du nun fort mußtest. Froh und dankbar wollen wir sein für die schönen Stunden, die wir noch miteinander erleben durften. Das Foto aus dem Dom, das ich heute von Dir erhielt, ließ den feinen Tag von Altenberg wieder in mir wach werden. Es war doch ein rechter Frühlingstag um uns und in uns. Doch auch die letzten Stunden, von denen Du sagtest, daß sie schön und schwer waren, klingen noch in mir nach. Die Schwierigkeiten sind uns ja gegeben, daß wir daran wachsen und stark werden, auch die Schwierigkeiten, die im eigenen Wesen ihre Wurzel haben. – Besonders froh bin ich, daß wir am Sonntag noch einmal gemeinsam vor dem Herrn knien durften. Du warst mir noch nie so nahe als da. Konnte es für uns ein schöneres Abschiednehmen geben als dieses? Für Dich war es vielleicht für lange Zeit das letzte hl. Opfer, das Du mitfeiern konntest. So will ich es fortan für uns beide gemeinsam tun. Täglich neu wollen wir uns ganz bewußt in das Opfer des Herrn hineingeben. In ihm wissen wir uns verbunden über alle Trennung von Raum und Zeit hinweg. Wie reich sind wir doch! Unser menschliches Zueinander

findet darin seine Weihe und Krönung und läßt uns immer einander nahe sein.

Laß das kleine Kreuz, das ich bisher getragen, - ich habe es mit den Würzburgern gemeinsam für die Soldaten erdacht – Dich geleiten, wohin Du auch gehst. Das Kreuz ist uns das Zeichen der menschgewordenen Liebe Gottes, dieses Kreuz sie Dir zugleich auch Zeichen dafür, daß ich Dich lieb habe und daß meine Liebe mit Dir geht durch alles Licht und Dunkel. Es soll Dir künden in all den Bewährungen, die nun von Dir – von Körper und Geist – gefordert werden, daß ich daheim auf Dich warte. Ja, warten will ich, aber nicht unfähig, sondern so, daß Du mich bereit findest wenn Du wiederkommst. Was zwischen Deinem Gehen und Deinem Kommen liegt, ist uns beiden noch ungewiß, nur eines wissen wir: es kommt uns aus der Hand des Herrn! Und wie wir das Schöne und Beglückende aus seiner Hand angenommen haben, so wollen wir auch zu dem Schweren, das gewiß nicht ausbleibt, unser frohes, bereites „Ja“ sprechen. Er wird uns dazu die Kraft geben. Dieses Ja sei das erste Wort, das ich Dir in die Ferne sende.

„Geh Du nur – ich will es tragen“ –

Deine Marga.