Marga Ortmann an August Broil, 10. März 1943
Köln, den 10. März 1943.
Mein lieber August!
Noch bin ich voll der Freude, daß uns gestern ein so unerwartetes Wiedersehen geschenkt wurde. Ja, ich bin so recht von Herzen froh und wünsche mir, daß auch Dir aus unserem Zueinander ein gleich frohes, tiefes Erleben werde. Eben kam mir Dein Brief. Ich habe ihn gelesen und es war mir eine neue Begegnung mit Dir. Unsere Briefe sollen fortan die Brücke sein, auf der unsere Gedanken und Gefühle zueinanderfinden und ich glaube sicher, daß es uns auf unserem gemeinsamen Weg weiterbringen wird.
Dieses Einander-Mitteilen ist uns beiden nicht leicht; mir ist es ein inneres Bedürfen, das ich bisher nie gekannt habe, doch seine Verwirklichung will gelernt sein. Es ist noch eine Scheu vor der Preisgabe des Eigenen in mir, die überwunden werden muß, denn es ist ja keine Preisgabe, sondern ein gegenseitiges Offenbaren in Liebe und Ehrfurcht. Wo aber Liebe und Ehrfurcht walten, wird nie ein Geheimnis gestört; es kann im Offenbarwerden ebenso groß sein wie im Verborgensein. So wollen wir uns gemeinsam darum mühen, damit wir uns immer näher kommen. Ich spüre ja, daß Dir das alles viel schwerer wird als mir und ich möchte Dir doch so gerne helfen! Vielleicht hast Du irgend etwas Schweres und wagst es nicht mir davon zu sagen aus Furcht, Du könntest mich damit belasten. Sieh‘ aber eine Belastung kann es nicht sein, denn die Liebe ist ja die Vollendung und die Kraft mit der wir das Apostelwort befolgen wollen: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ Alles in mir ruft nach diesem Mittragen mit Dir und glaubst Du nicht, daß mich die Liebe stark genug dazu macht? Du sprachst auf dem Weg von Altenberg davon, daß eine vernarbte Hülle das Herz verschließen kann. Wo aber Narben sind, müssen einmal tiefe Wunden gewesen sein und nur unter Schmerzen können sich die Narben wieder öffnen; sind sie aber aufgebrochen so können sie sich in einer milden Heilung für immer wieder schließen. Ich weiß nicht ob ich dieses Bild richtig deute, ich habe viel darüber nachdenken müssen.
Du schreibst, daß wir in der Trennung, die uns nun zugedacht worden ist, nicht jeder für sich dastehen soll und warten, sondern daß wir gemeinsam weiterarbeiten wollen, unserem Ziel entgegen. Mir ist dieses Für-sich-dastehen garnicht mehr möglich; seitdem ich weiß, daß wir zusammengehören, kann
ich nie mehr ganz allein sein, immer fühle ich mich mit Dir verbunden und es ist fast so, daß Du mir nun in der Trennung noch näher bist als im Beieinandersein. In Gedanken halte ich oft Zwiesprache mit Dir und da kann ich Dir alles sagen, was das gesprochene Wort nicht ausdrücken vermag, weil es sich über eine gewisse Schranke noch nicht hinwegsetzen kann. Vielleicht ist die Eigenliebe des Einzelnen diese Schranke, die das Verlieren an den anderen verhindern will und fürchtet, sie könne sich vor dem anderen etwas vergeben, wenn sie das ausspricht, was der inneren Haltung zueinander entspricht. Ich glaube, daß wir aber erst in diesem Sich-Verlieren, das in Liebe geschieht, zu unserem eigentlichen Selbst gelangen, indem wir zusammen der ganze Mensch werden, der nur so in seiner Ganzheit vor Gott bestehen kann. Und ein Vergeben gibt es ja in der Liebe nicht mehr, vielmehr ein Wetteifern im gegenseitigen Wohlwollen.
Wir werden beide noch viel an uns arbeiten müssen, bis wir das Idealbild der Liebe erlangen, von der es heißt: sie ist nicht ehrgeizig, nicht selbstsüchtig, sie läßt sich nicht erbitten, sondern hat Freude an der Wahrheit; sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, duldet alles. Die Liebe hört nimmer auf. – Wir stehen noch am Anfang und doch können wir schon die ganze Größe der Vollendung erahnen. Dieses Beginnen hat mir in meinem Wesen schon Tiefen erschlossen, die ich mir früher nie zugetraut hätte.
Ich will nun versuchen Dich in meinen Briefen an allem teilnehmen zu lassen was mich bewegt und erfüllt. Vielleicht wird es Dir helfen, daß auch das Klingen Deines Herzens zu mir hinfindet.
Für heute muß es nun genug sein, die Pflicht ruft. So sage ich Dir herzlich frohe Grüße
Deine Marga.
Freitag, 12. März.
Gerade bekomme ich Deinen Brief und nun will ich diesen gleich auf den Weg zu Dir geben.