Marga Ortmann an August Broil, 13. März 1943

Köln, am Samstag vor Quadragesima.

Mein lieber August!

So wie es draußen in der Natur jetzt Frühling wird, soll auch in uns ein heiliger Frühling werden in diesen Tagen der Quadragesima. Es ist eine ernste Zeit, eine Zeit der Einkehr und Umkehr und doch hat sie nichts Düsteres und Finsteres an sich, denn die große Erkenntnis, die diese Einkehr von uns fordert, ist die Erkenntnis der Liebe Gottes zu uns Menschen, die uns zugleich ein so frohes, starkes Bewußtsein schenkt. „So sehr hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn für sie dahingegeben hat.“ Diese Zeit soll ganz ausgerichtet sein auf das Kreuz des Herrn, das uns ja der größte Beweis der Liebe Gottes zu uns Menschen ist. Wie schon die natürliche Liebe Gegenliebe weckt, so ist uns das Kreuz, Zeichen der Liebe Gottes zu uns, Anruf diese Gottesliebe durch unsere Liebe zu erwidern. Der eigentliche Kampf der Bußzeit besteht in dem Ringen um die Verwirklichung dieser unserer Liebe zu Gott. Die Liebe aber fragt nicht – was muß ich tun – sondern, - was kann ich tun! Nur wenn die Liebe die drängende Kraft ist, aus der heraus wir diese Zeit gestalten, wird sie für uns furchtbar werden. Die bloße Erfüllung des Gesetzes (Fastengebot) bleibt weit dahinter zurück. Es ist sicher nicht von ungefähr, daß uns die Kirche gerade zu Beginn dieser Zeit das Bild der Liebe vor Augen hält, das uns Paulus in seinem Hohenlied so erhaben gezeichnet hat. Wie sehr ruft gerade unsere Zeit, in der der Haß alles unter seinen Wogen zu begraben droht, nach dem liebenden Menschen, der allein fähig ist die Wunden wieder zu heilen, die der Haß geschlagen hat. Du, August, wir wollen uns gemeinsam in diesen Tagen um diese Liebe mühen. Wir können sie nicht aus eigener Kraft erlangen, letztlich ist sie Geschenk Gottes, das er denen verleiht die guten Willens sind. Daß dieser Wille immer in uns lebendig bleibe, dazu wollen wir uns gegenseitig helfen. Aus der Liebe zu Gott finden wir von selbst auch die rechte Haltung zu den Menschen, die uns als „Nächster“ gegeben sind. Du bist mir nun der Allernächste. Bedarf es da noch des Gebotes: Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst?

Es ist doch etwas Großes und Schönes, daß wir in der gleichen Ausrichtung durch diese heilige Zeit gehen können, den alten Menschen abtuend, der sich so sehr an sein kleines Ich verloren hatte, einem frohen, strahlenden Ostern entgegen, an dem wir mit dem Herrn ein neuer Mensch werden. –

Du siehst als Soldat die Notwendigkeit der Bewahrung des eigenen, inneren Lebens in aller äußerer Ordnung und Unordnung. Das innere Leben ist aber nur dann stark genug uns davor zu bewahren, wie so Viele Masse zu werden und in ihr unterzugehen, wenn es an der Ordnung Gottes seine Formung erfahren hat. Neben der Uniformierung nach außen möchte man heute wohl auch eine Uniformierung des Geistes erstreben ohne dabei zu erkennen, daß damit schon aller Geist aufgegeben ist. Durch die Preisgabe der Persönlichkeit des Einzelnen läßt sich nie Gemeinschaft bauen, sondern eine ausgeprägte Gemeinschaft ergibt sich nur in der Verbindung ausgeprägter Einzelner. Als ich in Deinem Brief davon las, kamen mir wieder einige Gedanken, die ich im Anschluß an die Betrachtung über die Romanik bei Lützeler über Gemeinschaft fand. Was er da von der Verbindung ausgeprägter Einzelner sagt, gilt für jede menschliche Gemeinschaft, auch für die kleinste un erhabenste, die Gemeinschaft zweier Menschen in der Liebe. Die Ergänzung und der gegenseitige Austausch ist umso fruchtbarer, je mehr jeder seine Eigenart zum Einsatz bringt. Beim Manne wird in dieser Gemeinschaft die Gefahr der Aufgabe seines Ureigenen nicht so groß sein, als wenn er in eine weitere Gemeinschaft hineingestellt ist. Die Frau dagegen paßt oft viel zu schnell ihr Urteil dem des Mannes an, oder gibt ihr eigenes, aus der Erkenntnis der verstandesmäßigen Überlegenheit des Mannes, ganz auf. Das kann man immer wieder beobachten und ich habe die Gefahr auch an mir selbst erfahren. Die Sicherheit meinem eigenen Urteil gegenüber ist mir manchmal im Zusammensein mit Dir etwas ins Wanken geraten und nur schwer konnte ich mich von einem bedingungslosen Hinnehmen Deines Urteils und Deiner Gedankengänge frei machen. Vielleicht hast Du das auch schon gespürt. Der Mensch drängt immer ins Maßlose, so weiß ich auch der Hingabefähigkeit, die so plötzlich in mir wachgerufen wurde, noch nicht die rechte Grenze zu setzen. Ich kann Dir garnicht sagen welche Gewalt das alles über mich hat, das durch die Begegnung mit Dir in mir aufgebrochen ist. Es schenkt mir täglich ein so tiefes stilles Erleben, für das ich dem Herrn immer wieder frohen Dank sagen muß.

Heute abend werden wir wieder zum Abendgebet der Woche in der Krypta stehen. Die Gedanken vieler Brüder draußen sind dann wieder bei uns und auch Du wirst dabei sein. Ich will dann im Gebet unser beider Wochenwerk vor den Herrn tragen, wie wir es so oft gemeinsam getan.

Von Herzen wünsche ich Dir alles Liebe und Gute

Deine Marga.

Gestern habe ich einen Brief an die Adresse abgeschickt, die Du auf Deinem Brief als Absender angabst. Hoffentlich hat er Dich erreicht.