August Broil an Marga Ortmann, 14. Mai 1943

Bremen, den 14/5.43.

Meine liebe Marga!

Nun bin ich froh, daß Du meinen Brief aus Aachen noch bekommen hast; denn ich wollte in diesem Brief einen guten Schritt näher zu Dir kommen, wollte Dir mein Inneres so auftun, daß Du zu mir hineinfinden kannst wie es zu einer rechten Gemeinsamkeit notwendig ist. In Deinen letzten Briefen ist es dann so gewesen, daß Du nur darin so nahe gekommen bist und Du mir so tiefe Worte aus Deinem Inneren gesagt hast. Du spürst, wie sich in Dir die Gefühle lockern, wie es Dich danach drängt, mir Dein tiefes Sehnen und Fühlen offenbar zu machen. Alles Zusammensein an den Sonntagen in Aachen, alle Briefe dieser Zeit haben sich wie Stein zu Stein gelegt und haben uns innerlich so zueinander geöffnet. Wir werden, wenn der Herrgott uns eine lange gemeinsame Zukunft gewähren wird, diese kurzen Wochen in Aachen nie aus unserem Leben wegdenken können; denn in dieser Zeit ist, sowie draußen in der Natur der Frühling ausbrach und sich machtvoll öffnete, auch in unseren Herzen der Frühling mit aller Kraft ausgebrochen, und nun blüht es so schön, und die Blüten freuen sich ihres Glanzes und ihrer Pracht. Sie verströmen darin ihre Sehnsucht nach Sonne und Licht.

Ich weiß, meine Marga, daß Dein äußeres Verhalten-

sein ein Teil Deines Wesens ist. Es schützt wie das Deckblatt einer Knospe die darunter liegende Blüte. Wenn ich nicht in Dich hineingeschaut hätte, würde ich wie jeder andere Mensch nur das unscheinbare äußere Schutzblatt sehen. Aber Du hast mich mehr schauen lassen und darum spüre ich jetzt wie Du wirklich bist, wie sich die ganze Kraft Deiner taufrischen Seele mir entgegenhebt. Ich weiß auch, daß diese Kraft Dir helfen wird, Deine Verhaltenheit dann zu sprengen, wenn die Zeit da ist. Dann wird Dir all das, was Du in früherer Zeit weit weg getan hast, wie eine Notwendigkeit der rechten Ordnung sein. In Deinen letzten Briefen spürte ich ganz besonders, wie Du auf dem Wege bist.

Nun will ich Dir noch ein wenig erzählen über die erste jetzt fast abgeschlossene Dienstwoche in Bremen. Hier in Bremen ist das Soldatenleben so ganz anders als in Aachen. Es ist viel abwechslungsreicher, viel interessanter; denn bei dieser Spezialtruppe gibt es wirklich etwas zu lernen, wobei man auch einmal seinen Kopf anstrengen kann. Dazu kommt, daß die Ausbilder, also die Unteroffiziere u.s.w. um viele 100 % besser sind. Es sind Leute, die wirklich etwas können und die anerkennen, wenn man sich selbst Mühe gibt. Gewiß kommen auch sie nicht ohne Drill aus, und bei dem warmen Sommerwetter haben wir schon manchen Tropfen verschwitzt. Der Chef ist nicht irgend ein junger ehrgeiziger Offizier, sondern, wie ich bis jetzt beurteilen kann, ein feiner, vernünftiger Mensch. Das sind einzige wenige erste Eindrücke.

Ich lege dem Brief ein paar Ansichten aus Bremen

bei. Sie sollen Dir ein klein wenig davon zeigen, daß diese Stadt sich anzusehen lohnt. Ich schrieb Dir ja schon von einigen kurzen Erlebnissen. Am nächsten Sonntag hoffe ich wieder einiges anschauen zu können. Darauf freue ich mich.

Es ist ja gewiß schade und für uns beide schmerzlich, daß wir auf unsere schönen gemeinsamen Sonntage verzichten müssen. Die kann uns nichts ersetzen. Aber ein kleiner Ausgleich ist wenigstens da. Und darüber wollen wir uns beide freuen.

Nun will ich heute am Freitagabend den Brief beschließen, denn ich möchte ihn heute abschicken, um Dir zum Sonntag eine Freude zu bereiten.

Ich grüße Dich herzlich, denn ich bin froh, und ich wünsche Dir viel Gutes

Dein August