Marga Ortmann an August Broil, 18. März 1943

Köln, am Donnestag 18.III.

Mein lieber August!

War das schön, daß Du eben anrufen konntest, es hat mich froh erschreckt als Aachen angemeldet wurde; und da die Zeit zu kurz war, will ich nun gleich während der Mittagszeit noch etwas mit Dir plaudern.

Gestern mittag habe ich Deine Mutter angerufen, um ihr meinen Wunsch zu ihrem Namenstag zu sagen. Sie meinte gleich, wir hätten uns wohl noch mehr zu sagen und ich sollte nach dem Dienst doch für ein Stündchen zu ihr kommen. Das habe ich denn auch getan. Es war recht festlich bei Euch daheim, die vielen Blumen, der fein gedeckte Tisch mit dem Festtagskuchen, all das schien eine Einladung zu sein zur Freude.

Deine Mutter sprach davon wie schön dieser Tag erst sein werde, wenn Ihr wieder mit dabei sein könntet. Es klang etwas Wehmut darin mit, doch sie suchte dem zu begegnen und sagte mir welch große Freude Du ihr mit Deinem Brief gemacht hättest. Sie gab ihn mir zum lesen und sprach mir dann von Dir.

Jedes ihrer Worte war getragen von jener tiefen, opferbereiten Liebe, die wohl nur eine Mutter für ihr Kind aufbringen kann. Ihre Sorge, die Dich bis jetzt immer begleitet hat und in den kleinen und großen Dingen des Tages ihren Ausdruck fand, sie geht auch weiterhin mit Dir. Zu dem, was Du ihr von uns beiden geschrieben, sagte sie mir, daß sie uns nur wünsche, daß es so für uns das Rechte sei. Dann schaute sie mich lächelnd an und meinte: Es scheint wohl das Rechte zu sein. Es war mir, als ob sie ihre Liebe zu Dir nun auch ein Wenig auf mich übertragen hätte. Das tat mir so gut undn ließ mich wirklich bei ihr daheim sein. Du hast Recht, es wird uns sicher Hilfe undn Kraft sein für die Zeit der Trennung, wenn wir uns näher kommen. Das habe ich in dieser Stunde gespürt.

Auch Dein Vater hat etwas mit mir erzählt, nachdem der Besuch – Onkel + Tante – gegangen war. Er trägt wohl sehr schwer an dem Geschehen des Krieges und all dem, was unsere Zeit mit sich bringt. Besonders um Bruno ist er sehr in Sorge, da war es gut, daß ich ihm etwas aus dem Brief sagen konnten, den

Georg uns am Sonntag vorgelesen hat. Es ist doch schön, wenn die Eltern so mit Stolz und Freude von ihren Kindern sprechen können.

Wie ich so mit Deinen Eltern zusammensaß, in dem Raum, der Dich so lange und so oft gesehen, da schaute mir aus dem Gesicht des Vaters und der Mutter Dein Gesicht entgegen und ließ es ganz lebendig vor mir erstehen. So wie die Gesichtszüge der Beiden in Dir eins geworden sind, so haben beide auch ein Stück ihres Wesens in Dich hineingetragen. Es ist gut, wenn wir die Höhen und Tiefen des Erbes, das uns die Eltern mitgegeben haben, recht erkennen und so an uns arbeiten, daß wir es als Erb-Gut einmal an unsere Kinder weitergeben können, wenn der Herr uns dazu beruft. Wie groß ist da unsere Verantwortung. Wir können die Arbeit an uns selbst nicht ernst genug nehmen, denn jeder Sieg und jede Niederlage betrifft nicht nur uns, sondern auch die, die einmal nach uns kommen werden. Wenn wir uns dieser Verantwortung bewußt sind und mit der gleichen Selbstlosigkeit unser Teil dazu tun wie unsere Eltern es getan, dann

muß doch die Entwicklung zum Guten, zur Höhe führen, wie sehr auch die Gesamtentwicklung dagegen zu sprechen scheint.

Je mehr ich Deine Eltern kennen lerne, je besser lerne ich Dich verstehen. Die Stunden bei ihnen haben mich so froh gemacht.

Du schreibst mir, daß das Schwere und Drückende immer wieder in Dir hochkommen will. Sieh‘ da will ich Dir aus meiner Freude helfen damit fertig zu werden, ein froher Mensch zu werden. Daß der Herr uns zu unserem gemeinsamen Werk seinen Segen und seine Gnade geben möge, daß Er immer mit Dir sei – „Gott mit uns“ so steht es auf Deinem Koppel – das ist meine tägliche Bitte an Ihn.

Es grüßt Dich so froh

Deine Marga.