Marga Ortmann an August Broil, 19. März 1943
Köln, am Fest des hl. Josef.
Mein lieber August!
„Nach grüner Farb‘ mein Herz verlangt“ so hast Du gesungen als wir zusammen von Altenberg aus durch den Wald gingen und uns freuten über die ersten grünen Blättchen des Farnkrautes. Daran muß ich oft denken wenn ich morgens den Weg vom Ubierring durch die Anlagen in der Trajanstraße nehme. Ich freue mich immer wenn der Fuß von dem harten Asphalt auf den weichen Boden tritt und ich dann eine Weile nur Bäume und Sträucher um mich habe. Dann gehe ich von selbst etwas langsamer, denn täglich gibt es etwas Neues zu betrachten. Erst lag nur ein sanfter, grüner Hauch über den bis dahin kahlen und wie tot scheinenden Zweigen. Das wurde mit jedem Tag grüner und an der Stelle, wo die Sonne am meisten scheint, tragen die Sträucher schon kleine Blättchen. Alles ist noch ganz still ringsum, die Menschen, die schon zur Arbeit gehen, wählen den geraden Weg
der Straße. Man hat es ja eilig, gehetzt fängt der Tag schon an mit dem Laufen zur Straßenbahn. Wer hätte da Zeit das Kommen des Frühlings zu sehen an dem letzten Fleckchen Natur inmitten der Großstadt, oder dem Singen und Zwitschern der Vögel zu lauschen, die dem Herrn ihr Morgenlied darbringen? Sie haben mich an einem der letzten Tage einmal beschämt, die kleinen Sänger, denn als ich ihr Lied hörte fiel mir ein, daß ich dem Herrn noch keinen rechten Morgengruß gebracht. Da habe ich auf dem stillen Weg das Versäumte nachgeholt.
Den gleichen Weg ging ich heute mittag im strahlenden Sonnenschein. Da sah ich von weitem es an einer Stelle weiß durch die Äste schimmern und als ich nher hinzukam, sah ich einen wilden Kirschbaum in voller Blüte. Wie ein zarter Flamm sitzen die kleinen weißen Blütchen an den braunen Zweigen. Noch vor den Blättchen haben sie sich hervorgewagt in verschwenderischer Pracht, ohne danach zu fragen ob vielleicht morgen ein leichter Frost ihrem zarten Dasein ein Ende macht.
Auf der anderen Seite der Straße stehen Ruinen
menschlicher Wohnungen, die durch den Krieg zerstört wurden. Wie sehr ist das Leben der Menschen unserer Zeit durch den Krieg aus den Bahnen geworfen – in der Natur vollzieht sich trotzdem alles in der rechten Ordnung weiter, die ihr vom Schöpfer gegeben wurde. Du glaubst nicht wieviel Freude mir durch den Anblick des ersten Blütenbaumes geschenkt wurde. Und ich glaube das ist es was wir uns in all dem Harten und Schweren, das die Zeit uns auferlegt, erhalten müssen: einen klaren Blick und ein offenes Herz für die kleinen Freuden, die täglich an uns herantreten und darauf warten, daß sie von uns aufgenommen werden. Wenn uns das gelingt, kann es nie ganz dunkel in uns werden und wir vermögen aus unserer Freude auch denen noch zu helfen, in denen das letzte Lichtlein schon zu erlöschen droht.
August, das sind so kleine, zarte Dinge von denen ich Dir gesprochen und doch können sie auch zu dem Großen und Wesentlichen viel beitragen. Weil es mir etwas bedeutet, das morgentliche Schauen der kleinen Schönheiten draußen, das ich ich mitnehme in den unfreundlichen Souterrainraum zu meiner Büroarbeit, darum mußte ich Dir davon schreiben. Möge es