Marga Ortmann an August Broil, 25. März 1943

Köln, am Fest Mariä Verkündigung

Mein lieber August!

Heute feiert die Kirche das alles menschliche Begreifen übersteigende Geschehen jener Stunde, da das ewige Wort des Vaters aus der Fülle der Gottheit herabstieg, um im Schoße der Jungfrau Fleisch anzunehmen. Gläubig nehmen wir die Worte des Evangeliums, der wahrhaft frohen Botschaft, in uns auf: „Du wirst empfangen und einen Sohn gebären“ – und die Antwort, durch die das Sehnen der Jahrhunderte Erfüllung fand: „Siehe ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort.“ Da wird uns das Bild der Frau lebendig, die der Herr gewürdigt hat Mutter Seines Sohnes zu werden: Maria. In ihr hat der Gedanke Gottes seine Erfüllung gefunden, der im Paradies durch die Sünde gestört wurde: Der Mensch als Ebenbild Gottes, an dem Schönheit des Leibes und des Geistes harmonisch ineinanderklingen, größte Verherrlichung Gottes vor allen Geschöpfen. Ganz makellos hat sie sich bewahrt, so wie sie aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen ist. In Stille und Verborgenheit ist sie ihren Weg gegangen und

in diese Stille bringt ihr der Bote des Herrn die unfaßbare Kunde, daß sie Mutter Gottes werden soll. Da versagt alles menschliche Begreifen. Die Frage: „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?“ scheint wie das letzte Aufleuchten des Verstandes ehe er in gläubiger Hingabe über seine Grenzen hinausgehoben wird. Verstehen kann sie die Kunde nicht und dennoch zweifelt sie nicht. Ahnend erkennt sie, wie hoch erhaben die Gedanken Gottes über den Gedanken der Menschen sind. Das Wort des Engels gibt ihremm Weg eine ganz neue Richtung, so anders wie sie es sich gedacht. Wie groß muß ihr Glaube gewesen sein, der sie das so entscheidende Wort sprechen ließ: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort.“ Die bedingungslose Hingabe des ganzen Menschen an den Willen Gottes ist darin ausgesprochen.

Ist Maria nicht die Richtschnur, nach der wir unser Leben, unser Menschsein, immer wieder ausrichten müssen? Ja, sie hat uns so viel zu sagen und wer könnte uns besser den Weg zu Christus weisen als sie? August, ich muß gestehen, daß ich lange Zeit garkeine Beziehung zur Mutter Gottes finden konnte, ein Gebet oder gar den Rosenkranz, kostete mir viel Überwindung an so vielen äußeren Dingen der Marienverehrung

nahm ich Anstoß und blieb ihr auch innerlich fremd. Doch gerade weil es mir schwer fiel habe ich mich bemüht bis das Bild der Jungfrau Mutter mir immer größer und strahlender wurde. Herr Raskoß hat mir viel dazu geholfen. Nun bin ich froh und dankbar darum. – Maria lehrt uns die rechte Haltung zu Gott in dem Fiat, das sie gesprochen und in ihrem ganzen Leben verwirklicht hat. Uns bleibt freilich noch viel zu tun bis wir uns zu dieser Haltung durchgerungen haben. Wenn wir sie in dem Maße auch nie erreichen werden, wollen wir wenigstens alles tun was uns möglich ist. Es ist ja nicht damit getan, daß wir in guter Stunde Ja sagen zum Willen Gottes und allem was er von uns fordert, dieses Ja muß seine Bewährung finden in den vielen Dingen des Alltags. Wie schwer wird es da oft noch, wenn es gilt den eigenen Willen unterzuordnen und wir vergessen nur zu oft, daß auch hinter scheinbar menschlicher Willkür und Bosheit, die wir ertragen müssen, der Wille des Vaters steht, der sich dieser Dinge als Werkzeug bedient, um uns zu formen.

Die restlose Hingabe an den Willen Gottes, die sich im Leben Marias immer wieder neu vollzog, scheint mir das Größte und Erhabenste, aber auch das Schwerste

zu sein, das sie uns vorgelebt. Sie ist der wirklich demütige Mensch, die Frau, die im Bewußtsein ihrer Würde Magd des Herrn ist. Wie sehr fehlt gerade unserer Zeit der Mensch und vor allem die Frau, die in Hochgesinntheit, aus Liebe bereit ist zu dienen. Der Hochmut ist das Grundübel unserer Zeit, wir alle könnten uns nicht davon frei sprechen; nicht dienen wollen wir, jeder will herrschen und seinen Willen so viel wie möglich durchsetzen. Das geht vom Leben des Einzelmenschen über ins Leben der Völker und bei beiden ist Unfriede und Zwietracht die Folge.

Gehen wir in die Schule der Gottesmutter und lernen von ihr wieder demütige Menschen zu werden, die in der rechten Haltung vor Gott stehen und von da aus die rechte Haltung zum Leben gewinnen.

Möge sie, die alle Wunden der Welt kennt, die Wunden unserer Erde und unserer Zeit heilen. – Das Gebet von Dante fand ich bei Dillesberger, es hat mir in seiner herben und doch so innigen Sprache sehr gut gefallen. Das Bild wird Dir mehr vom Geheimnis des Festes sagen als Worte es vermögen.

Heil Dir und Segen vom Herrn!

Deine Marga.