Marga Ortmann (Tagebuchauszug), 22. Januar 1943

Aus meinem Tagebuch.

Am Freitag, den 22. Januar 1943.

Wir waren in dem Film „Die goldene Stadt“. Es widert mich an mit welcher Schamlosigkeit in dem Film Dinge zur Schau gestellt werden, die man unter dem Schleier der Verborgenheit gehütet haben möchte.

Ich lehne nicht jede Äußerung von Zärtlichkeit im Zueinander zweier Menschen ab – es ist etwas schönes, wenn es von echter, tiefer Liebe getragen ist. Es ist aber nur dann groß und schön, wenn es Ausdruck der Liebe ist und nicht Selbstzweck, reine Befriedigung der Sinne. Im Film ist der Kuß eine Alltäglichkeit wie die Begrüßung mit dem Händedruck, der ja früher auch eine viel tiefere Bedeutung hatte. Für mich ist der Kuß äußeres Zeichen für eine innige Liebe zweier Menschen; wenn diese Liebe nicht dahintersteht ist er einen Lüge, ja Verrat (Judaskuß). Je mehr die Liebe wächst umso mehr wird es den Menschen danach verlangen dieser Liebe Ausdruck zu geben; das ist ganz natürlich. Jedoch darf die äußere Handlung nicht von der sie verkörpernden inneren Haltung getrennt werden. Nicht weil ich diesen Dingen ablehnend gegenüberstehe,

sondern weil ich so groß darüber denke widerstrebt mir diese Entschleierung, dieses Herabziehen ins Nur-Sinnliche, wie es im Film geschieht. Es ist klar daß die Menschen, die das im Film immer wieder sehen, die Ehrfurcht davor auch im eigenen Leben verlieren, sodaß ihnen selbst das Geschehen in der Ehe kein Erlebnis mehr ist.

…Es ist doch bezeichnend welchen Anklang solch ein Film findet für das Auf-die-Sinne-Ausgerichtetsein unserer Zeit. Das Nachdenken darüber kann einen traurig stimmen; es muß uns Anruf sein, daß wir unser ganzes Sein, Geist und Leib, Verstand und Sinne, Seele und Gemüt in den Dienst unserer Berufung stellen: dem Höchsten zu leben. Vielleicht wird durch das bewußte Anderssein einiger Weniger auch der Blick der Masse einmal wieder auf das Hohe ausgerichtet werden. Wie groß ist daher die Verantwortung, die wir für die Menschen um uns tragen!