Marga Ortmann an August Broil, 5. April 1943
Köln, den 5. April 1943.
Mein lieber August!
Nach dem schönen Sonntag hat heute wieder der Alltag begonnen und mitten in seinem Lauf – er ist jetzt angefüllt bis zum Rande – will ich wieder in einem Brief zu Dir kommen.
Du, wir müssen recht dankbar sein für solche Stunden des Beisammenseins wie wir sie gestern wieder erleben durften, wenn wir sie auch nicht so gestalten können wie wir es gerne möchten. Auf der Rückfahrt im überfüllten Zug habe ich mir doch Vorwürfe gemacht, weil ich Dich vielleicht zu sehr für mich in Anspruch genommen habe und Deine Eltern dadurch etwas zu kurz gekommen sind. Wir jungen Menschen sind doch rechte Egoisten; ob wir es je zu solcher Selbstlosigkeit bringen werden, die unseren Eltern und vor allen den Müttern eigen ist?
Ich glaube der gemeinsame Besuch bei Dir hat mich Deinen Eltern wieder ein Stück näher gebracht und ich bin froh darum.
Auf der Rückfahrt am Fenster stehend, gingen meine Gedanken über die dahineilende Landschaft hinweg
zurück zu Dir. Doch bald nahm die laute Unterhaltung einiger HJ-Jungen und Mädchen – sie hatten bis Köln die Sitzplätze inne während viele ältere Leute standen – meine Aufmerksamkeit gefangen. Wenn noch nicht 14-Jährige in aller Öffentlichkeit solche Gespräche führen, wie ich sie da mit anhörte, wie mag es dann erst mal unter Soldaten sein! Du deutetest ja darauf hin, daß es bei manchen, mit denen Du immer zusammen sein mußt, recht traurig bestellt ist. Es muß einen ganz traurig machen wenn man hört, wie gerade die Dinge, die doch die Erhabensten und Heiligsten im natürlichen Leben sind wenn sie vom Menschen in der gottgewollten Ordnung benutzt werden, mit allen Mitteln in den Schmutz gezogen werden. Wir dürfen freilich nicht über die Menschen urteilen, - daß wir eine andere Haltung haben ist nicht unser Verdienst – wir können sie nur zutiefst bedauern, denn sie betrügen sich selbst um soviel Schönes und Großes. Sind die Wunden, die der Krieg der Menschheit auf diesem Gebiet schlägt nicht weit furchtbarer und unheilbarer als alle körperlichen Wunden?
Wieviel Leid muß es – menschlich gesprochen – dem Vaterherzen Gottes bereiten, da er sieht, wie die
Menschen sich dem Plan seiner Weisheit und Liebe immer mehr widersetzen und die ihnen verliehenen Kräfte und Fähigkeiten mißbrauchen. Können die Wenigen, die sich bemühen in Reinheit die Kräfte ihres Geistes und ihres Leibes dem Willen Gottes gemäß zu gebrauchen, das dem Herrn angetane Leid durch ihr Anderssein wieder heilen, die verletzte göttliche Ehre wieder herstellen? – Wie unsagbar schwer muß für den Herrn die Stunde am Ölberg gewesen sein, da er die große Schuld unserer Zeit und die aller Zeiten sah und als Gottmensch auf sich nahm, um dem Vater für die ihm angetane Schmach Ersatz zu leisten und die Schuld durch sein Leiden zu tilgen.
Das, was ich aus dem Munde so junger Menschen hören mußte, hat mich erschüttert weil es das Chaos erahnen läßt, das dahintersteht. Auch Dir wird das ständige Zusammensein mit solchen Menschen sicher oft schwer werden. Man möchte sie gerne anders machen, doch wir können nichts tun, auch Worte vermögen nichts, doch unsere Haltung, unser Anders-Sein wird dadurch umso fester und bewußter. Wenn Du vielleicht allein unter solchen Menschen sein mußt und selbst kaum etwas tun kannst, wie es mir noch im Gebet möglich ist,
so glaube ich daß Dein bloßes Da-Sein in dem Willen der höchsten Bestimmung unseres Menschseins zu entsprechen – der Verherrlichung Gottes – gerade an der Stelle vor Gott einen Wert hat.
Es gibt Stunden, da möchte uns das körperliche + seelische Leid, die Größe der Schuld unserer Tage zu Boden drücken, doch das Wissen, daß all das letztlich im Kreuz des Herrn überwunden ist, läßt uns wieder froh werden. So erging es mir am gestrigen Abend des Sonntags Laetare, als ich die frohmachende Liturgie der Sonntagsmesse las. Dann ließ ich in Gedanken das Schöne des Tages noch mal erstehen und so wurde das Abendgebet ein froher Dank an den Herrn.
August, Deine Hände sind härter geworden in der Strenge des Dienstes – auch die meinen werden es einmal werden –, dieses Anderswerden ist ja nur äußerlich; daß unsere Herzen aber so bereit und geöffnet bleiben, trotz aller äußeren Veränderung, und wir unsere Hände noch lange mit gleicher Bereitschaft ineinanderlegen wie wir es gestern getan, darum wollen wir beten.
Deine Marga.