Marga Ortmann an August Broil, 7. April 1943

Köln, am Mittwoch, 7./4.43.

Mein lieber August!

Noch ehe der Tag mit seiner Arbeit beginnt sollst Du einen Gruß von mir haben. – Lange habe ich diese Nacht wachgelegen. Draußen heulte der Sturm der Frühlingsnächte und ließ die kahlen Äste der Plantanen unter seiner Wucht ächsen und stönen. Es war, als ob im Heulen des Sturmes das Seufzen der vom Sturm der Zeit und des Krieges gequälten Menschheit zu mir drang. Kein Laut war sonst vernehmbar, nur die tiefen, gleichmäßigen Atemzüge des Kindes neben mir, das sich seiner Gesundung entgegenschläft.

Es ist etwas Eigenes um das Erleben solch nächtlicher Stunde, sie läßt Gedanken und Gefühle in uns wach werden, die im Getriebe des Tages nicht aufkommen können. Alle Hast ist einer gesammelten Ruhe gewichen. Es ist ein stolzes Bewußtsein zu wachen, wenn alle anderen schlafen und läßt uns die Nähe des Vaters spüren, der über all seinen schlafenden Kindern wacht. Von selbst wurden da die Gedanken zum Gebet, zu Lob und Dank für die gütige Vatersorge des Herrn, die uns zu jeder Stunde umgibt. Wieviele Menschen mochten zu

gleicher Stunde wachend sein, weil Leid und Not – körperlich und geistig – ihr Auge nicht trocken und ihr Herz nicht ruhig werden ließ. Wie gerne möchten wir all denen das Wissen um die Vatergüte Gottes bringen, daß auch sie sich ihr anheimgeben.

Der Sturm jagte das ein wenig geöffnete Fenster hin und her; ich mußte es schließen, damit Elisabeth nicht wach wurde. Wie ich sie so still in ihren Kissen liegen sah kamen mir die Worte von Claudius‘ Abendlied in den Sinn: Laß uns einfältig werden und vor Dir hier auf Erden wie Kinder fromm und fröhlich sein.

Kindhaft glaubend und fraglos vertrauend sollten wir uns der Führung des Vaters in allen Dingen überlassen, der alles zu unserem Heile lenkt. Nicht immer können wir uns zu dieser Haltung durchringen; die Stunden, in denen es uns gelungen ist, sind Stunden der Entscheidung. Möchten es recht viele werden!

Du, für mich – und auch für Dich – war die Christmette in der Krypta solch eine Entscheidungsstunde. Bis dahin hatte ich mir selbst ein Bild gemalt, nach dem ich mein Leben gestalten wollte; ohne nach der Verwirklichung des Bildes zu fragen, das Gott von mir schaute. Alles, was der Verwirklichung meines Bildes entgegenstand,

wollte ich aus dem Wege räumen; dagegen habe ich mich gesträubt und aufgelehnt. Da aber, in der weihnachtlichen Stunde, habe ich nach dem anderen Bilde gefragt, daß Gott von mir hatte. Meine ganze Bereitschaft zur Verwirklichung dieses Bildes habe ich dann in die Worte der Lesung hinein gelegt, die Du gesungen hast: Schlacht- und Brandopfer hast Du nicht gewollt, aber einen Leib hast Du mir bereitet. Siehe ich komme Deinen Willen zu erfüllen!

Ich kann Dir nicht sagen was in dieser Stunde in meiner Seele vor sich ging. Die Gnade des Herrn hat mich zu einem bedingungslosen Ja-Sagen zu Seinem Willen befähigt. Von da an wollte ich meinen Weg so gehen, wie Er ihn mir weisen wird, ganz gleich welche Richtung er nehmen würde. – Aus diesem Ja zum Willen des Vaters ist dann auch ein Ja zu Dir geworden. Möge der Herr uns die Kraft geben, dieses Ja nicht nur in guter Stunde zu sprechen, sondern auch in jeder äußersten Stunde des Alltags. Lieber August, die schlichten Worten des Liedes brachten mich dazu, Dir von dieser Stunde zu erzählen. Sie erinnern mich auch noch an jene anderen Stunden, die wir gemeinsam erlebten, als wir von Altenberg kamen, der Mond auf unseren Weg schien und Du leise die Melodie des Liedes vor Dich her summtest. Kindhaft unbeschwer

haben wir die Freuden dieser Stunden in uns aufgenommen. Jene wahren, echten, tiefen Freuden kann nur der erleben, der sich auch um das rechte Frommsein müht. Beides, das Fromm- und Fröhlichsein, gehören zusammen und wenn es uns einmal innerster Besitz geworden ist, wird es auch in den bittersten Stunden noch Bestand haben.

Herr, laß Dein Heil uns schauen,
auf nichts Vergänglich’s trauen,
nicht Eitelkeit uns freu’n.
Laß uns einfältig werden
und vor Dir hier auf Erden
wie Kinder fromm und fröhlich sein.

In der Freude des Herrn grüße ich Dich herzlich

Deine Marga.