Marga Ortmann an August Broil, 8. April 1944
Köln, am Donnerstag 8./4.43.
Mein lieber August!
Mit dem vorigen Sonntag hatte die Fastenzeit ihre Mitte überschritten und in der Freude des Sonntag Laetare hielten wir schon Ausschau auf das nahe Osterfest.
Wenn ich zurückblicke auf diese bald 4 Wochen der Fastenzeit, muß ich sagen, daß es so recht eine Zeit des Kampfes gewesen ist. Von heiliger Unruhe gedrängt wollten wir täglich unserer Liebe zu Gott Ausdruck geben in unserem Tun. Und doch – wie vieles hätte ich noch tun können und habe es nicht getan! Oft habe ich nach Gelegenheiten gesucht und bin dabei an der nächsten Gelegenheit, der Forderung des Tages und des Augenblicks blind vorübergegangen. Es kommt ja nicht darauf an, daß wir uns selbst die Möglichkeit schaffen etwas Besonderes, Großes zu tun, sondern daß wir die kleinen Dinge, die täglich von uns gefordert werden, ganz erfüllen und so gut wie eben möglich. Gerade das fällt oft so schwer, weil wir es nicht verstehen durch die Dinge hindurchzusehen und hinter der Willkür der Menschen, der Last der Pflichten in Beruf und Familie, die Forderung Gottes an uns erkennen. Er verlangt ja nicht irgend etwas von uns,
sondern daß wir auf dem Platz, auf den Er uns berufen, die ganzen Fähigkeiten unseres Seins, die Er in uns hineingelegt hat, zur Entfaltung bringen. In der Erfüllung dieser Forderung Gottes findet alles menschliche Tun, das Werk des Geistes und der Hände, - selbst wenn es in unseren Augen klein und wertlos erscheint – seinen Adel und seine Weihe, denn es wird einbezogen in die eine, große Aufgabe, die allen Menschen und Zeiten gestellt ist: mitzuwirken an der Verherrlichung Gottes.
Es kommt also nicht darauf an was wir tun, sondern wie wir es tun. Und wenn wir unsere ganze Kraft für dieses Wie einsetzen, müßte uns eigentlich jedes Tun Befriedigung schenken, auch dann, wenn es nicht unserer inneren Neigung entspricht. Könnten wir doch nach der Arbeit des Tages an jedem Abend sagen, daß es gut war; wie der Herr es nach seinen Schöpfungstagen sprechen konnte. Aber wir müssen am Abend auf so viele nichterfüllte Forderungen Gottes, auf so manches Versagen und Erliegen zurückschauen, daß dieser Rückblick uns nur selten befrieden kann. Besonders meine Arbeit im Büro ist mir Anlaß mit mir selbst unzufrieden zu sein, denn da nehme ich es mit der Erfüllung meiner
Pflicht wirklich oft nicht ernst genug. Häufig genug muß ich mich dabei ertappen, daß ich längere Zeit meinen Gedanken nachgehe – und das Alleinsein den ganzen Tag ist die Gefahr dazu doppelt groß – und die Arbeit darüber vernachlässige.
August, Dir wird es sicher auch oft schwer werden die Tage Deines Soldatseins zu wirklich erfüllten Tagen zu machen und doch, aus der Kraft heraus, die Du bis jetzt hast schöpfen dürfen, wird es Dir möglich sein. Wenn wir es verstehen, auch all die kleinen Dinge des Tages von jener höheren Warte aus zu sehen und zu erfüllen, werden wir mit ihnen fertig werden. Nicht sie werden uns beherrschen, wie so viele der Menschen um uns, sondern wir werden Herr über sie sein.
All das, was wir in den Wochen der Fastenzeit bis jetzt noch versäumt haben, wollen wir in der nun kommenden Zeit der Passion des Herrn mit größerem Eifer nachzuholen suchen. Nur wenn wir bereit sind dem Herrn in die äußerste Bitterkeit der Passion, seines Karfreitags zu folgen, können wir auch an der ganzen Fülle der Freude seiner österlichen Herrlichkeit teilnehmen.
Du, August, gerne möchte ich am Sonntag wieder zu Dir kommen. Sollte es von Dir aus nicht gut möglich sein oder die Aussicht besteht, daß ihr den nächsten Sonntag größere Freiheit habt, so kannst Du mir das ja eben auf einer Karte schreiben.
Wie wir bereit sind das Schwere zu tragen, so wollen wir auch die uns geschenkten Freuden erfassen, die uns durch die Stunden des Beisammenseins zuteil werden.
Sei herzlich froh gegrüßt von
Deiner Marga.