Marga Ortmann an August Broil, 12. April 1944
Köln, am Montag nach Passionssonntag.
Mein lieber August!
Es war eine gute Heimfahrt gestern nach dem schönen Sonntag. Ich hatte in dem stark besetzten Zug noch ein Fensterplätzchen erwischt und konnte in die sonntägliche Landschaft schauen, die im sanften Licht der Abendsonne so friedlich dalag. Hinter dem grauen Häusermeer der Aachener Vorstadt, wo sich die Menschen draußen auf den Straßen und in ihren Wohnungen der Ruhe des siebten Tages erfreuten, ging es bald an rauchenden Kaminen, lärmenden Fabriken und lodernden Hochöfen vorbei. Da stand die Arbeit auch am Sonntag nicht stille. Mancher Arbeiter winkte den Menschen im vorüberfahrenden Zuge zu; vielleicht mit der leisen Sehnsucht im Herzen, auch wieder ein sonntäglicher Mensch sein zu können, denn über dem äußeren, nie endenden Werktag haben gewiß viele es verlernt innerlich den Sonntag zu begehen. Dann ging es eine Weile durch Wald, dessen herber, frischer Ruch in die Schwühle des Abteils drang. Im Licht der letzten Sonnenstrahlen glänzten die hellen Stämme eines kleinen
Birkenwäldchens und das zarte Grün der Kronen wogte im Abendwind. Die bewaldeten Hügel traten bald immer mehr zurück, der Zug eilte durch ebenes Land, wo die Saat schon grünte, die Bäume in den Gärten ihr blühendes Prachtgewand angelegt und ab und zu ein kleiner Fluß munter dahersprang. Die Kirchtürme der Dörfer, die hie und da in den Himmel ragen, scheinen die einzigste Verbindung zwischen dem Blau da oben und der weiten ebenen Erde zu sein. Die Frauen in meinem Abteil haben alle ihre Männer in der Kaserne besucht und teilen nun ihre Sorgen und Freuden einander mit. Ein Soldat hatte seine Frau und seine beiden Kinder noch zum Zuge gebracht. Es geht mir immer ans Herz wenn ich sehe, wie hart es für solche Familien ist so auseinandergerissen zu sein. Ob das Feld schon bestellt sei, wie weit die Wintersaat gediehen wäre, ob die Pfirsische schon blühten – das alles wollte er noch wissen und aus all den Fragen ging hervor wie sehr der Mann trotz des Soldatseinmüssens mit all den Dingen seines bisherigen Lebens, das ja sein eigentliches Leben ist, noch verwachsen war. Als der Zug nahte, nahm er das kleine Mädchen und dann auch den größeren Jungen auf den Arm und küßte sie mit wilder
Zärtlichkeit auf Mund, Stirne und Augen. Bis an die äußerste Spitze des Bahnsteigs lief er neben dem Zug her strahlend noch über die Freude des Zusammenseins, in die sich aber schon die Wehmut des Abschieds mischte. Gerade weil man versucht die Soldaten von allem menschlichen Empfinden freizumachen, bricht es mit umso stärkerer Gewalt in ihnen auf. So manchen Ausdruck warmer, echter, tiefer Menschlichkeit kann man gerade an so einem Sonntagmittag in der Kaserne beobachten.
August, die Heimfahrt von Dir, mag sie körperlich auch recht unbequem sein, ist mir immer so wertvoll. In Gedanken kann ich dann die Stunden unseres Zusammenseins noch einmal erleben und vertiefen. Es ist so, als ob jedes Beieinandersein ein Steinchen mehr einfügt in das Bild, das ich von Dir in mir trage, und es so allmählich wie ein Mosaik immer klarer und deutlicher wird. Du sprachst gestern davon und ich habe mir auch schon Gedanken darüber gemacht, daß ich eigentlich erst wenig von Dir weiß und Dich darum noch nicht richtig kennen kann. Es fällt Dir noch so schwer gegen Deine Verschlossenheit anzukämpfen. Ich verstehe das sehr gut, denn Du glaubst nicht was es mich gekostet hat Dir mit solcher Offenheit zu schreiben wie ich es jetzt vermag.
Vielleicht wird aber gerade das Dir dazu helfen, daß Du auch zu dieser Offenheit findest, die für unsere Gemeinsamkeit nötig ist. Sollte auch die Wirklichkeit einmal andere Züge in das Bild einzeichnen, das ich jetzt von Dir erahne – im Bewußtsein der Sicherheit, die mir in der weihnachtlichen Stunde geschenkt wurde, kann ich das Wagnes der Ungewißheit vertrauend auf mich nehmen. Möge mir der Herr die Kraft geben, daß ich das Bild Deiner Wirklichkeit einst mit der gleichen Bereitschaft in mir lebendig halte wie jetzt das geschaute und erahnte Bild. Wir wollen uns immer mit dem Willen und dem Mut zur Wahrheit gegenübertreten, dann werden wir uns so kennen lernen wie wir wirklich sind. Du August, es waren doch wieder recht gute Stunden des Beieinanderseins gestern. Gerade das Abhängigsein von manchen äußeren Dingen bringt uns dazu, daß wir uns innerlich davon frei machen. Inmitten der vielen Menschen waren wir mit uns selbst allein, weißt Du noch, als uns sogar der Regen daran hindern konnte? Ich glaube, das wird uns jetzt wohl nicht mehr so leicht passieren können. Das Glück der gemeinsamen Stunden soll uns die ganze Woche hindurch begleiten und frohmachen. Ich sage Dir herzlich frohen Gruß
Deine Marga.