Marga Ortmann an August Broil, 13. April 1944

18. Dienstag, den 13.4.43.

Mein lieber August!

Der Regen der letzten Tage hat dem Kommen des Frühlings tüchtig unter die Arme gegriffen. Aus all den vielen zarten Blättchen ist wie über Nacht ein Blätterdach geworden, das nur hie und da die Bläue des Himmels noch durchläßt. Die Blätter der Kastanie haben die großen Knospen gesprengt und spreizen ihre fünf Finger der Sonne entgegen wie eine geöffnete Hand. Auch die zarten Knospen der stolzen Blütenherzen sind schon zu erkennen. Die kahlen Zweige der Bäume, aus denen kein neues Leben mehr sprießt, hat derr Sturm heruntergeweht. Doch auch viele kleine grüne Blättchen und junge Triebe habe der Gewalt des Sturmes nicht standhalten können und müssen welken noch ehe sie sich ganz entfalten konnten. In der Natur ist es ebenso wie mit den Dingen unseres Lebens – wir sprachen am Sonntag davon – jedes Geschehen hat Beziehung zu einem entgegengesetzten, ist ein Schwingen von einem Pol zum andern: keimen und ersterben, wachsen und welken; wie auch Freude und Leid, Glück und Beschwernis, Leben und Tod. Wenn wir nach dem Warum fragen, werden wir kaum eine Antwort finden.

Ab er das es so sein muß, ja daß es so gut ist – ich meine das müßten wir erkennen können. Alles Hohe, Große und Schöne müssen wir uns durch etwas Schweres, das ihm vorausgeht oder noch folgt, erkaufen. Und auch dann ist es noch nicht vollkommen, wie nichts auf dieser Erde. Könnten wir irgend ein Gut in seiner Vollkommenheit auskosten, so ging uns wohl allzu leicht die Ausrichtung auf das andere, höhere Leben verloren, wovon alle Freude und alles Glück dieses Lebens nur eine Vorstufe, ein Vorgeschmack ist.

Wir müßten versuchen mit der Doppelpoligkeit jeden Geschehens fertig zu werden, sodaß das eine das andere nicht zu trüben, das Tiefe das Hohe nicht zu verniedrigen vermag. Wir können die Freude nur erfassen, wenn wir am Leid nicht zerbrechen; das Glück macht nur dann „glücklich“, wenn es die Kraft zum Tragen der Beschwernis in sich birgt. Vielfach werden wir im Dunkel auch blind für den kleinen Lichtstrahl, der es uns erleuchten könnte; vergällen wir uns manche Freude dadurch, daß wir dem Schweren ein größeres Gewicht geben als ihm zukommt. Wieviele sind am Sonntag über dem Ärger nicht herausgekommen, auch um das Glück gebracht worden, das die Stunde so zu geben vermochte.

Wir aber haben es ganz in uns aufgenommen und es hat uns froh gemacht. Nach dem was Du mir erzählt hast, glaube ich, daß Du die rechte Einstellung zu Deinem Soldatsein gefunden hast. Aber wenn das Schwere und Drückende doch in Dir hochkommt, so mußt Du mir auch davon sagen, damit ich es mit Dir trage und – soviel an mir liegt – Dir helfen kann. Nicht, daß Du nur in meinem Beisein den Dingen die beste Seite abzugewinnen versuchst, um mich zu schonen und Du selbst ander siehst! Es würde mich traurig machen, wenn das so wäre. Wie die Freude für mich doppelt groß ist, wenn Du sie genau so ungetrübt kosten kannst wie ich, so ist auch alles Schwere leichter gemeinsam zu tragen.

Über manches, das wir in unserem Gespräch am Sonntag nur eben gestreift haben, möchte ich Dir noch mehr schreiben, weil es noch so stark in mir nachklingt. Besonders froh hat es mich gemacht, daß Du erkannt hast, daß das bisherige Leben mit dem Soldatwerden keinen Abschluß gefunden hat, sondern in das Neue hinübergreift als tragende Kraft. Du, an dem Samstagmorgen ehe Du fort mußtest hast Du geglaubt, alle Fäden und Bande des bisherigen Lebens lösen zu müssen um dann das Neue zu beginnen. Da habe ich mir

viel Sorge darum gemacht, wie Du so mit dem Neuen fertig werden solltest. Das war mir schwerer als das Abschiednehmenmüssen.

August, Dein Brief ist bis heute noch nicht angekommen, da muß ich ja bald die Hoffnung aufgeben. Kannst Du nicht mal nachfragen ob er in Eurer Schreibstube hängen geblieben ist? Unter den Umständen ist es wohl besser, wenn ich meine Briefe nummeriere, damit man gleich sieht ob keiner fehlt. Ich weiß nicht mehr genau wie oft ich Dir geschrieben hat, Nr. 18 wird so ungefähr stimmen.

Heute werde ich zu Deinen Eltern gehen und ihnen von Sonntag erzählen. Sie werden gewiß schon darauf warten. Die Osterschriebe für die Soldaten schicke ich heute ab. Dir kann ich ja hoffentlich selbst einen übergeben.

Alles Liebe und Gute wünsche ich Dir von Herzen

Deine Marga.