Marga Ortmann an August Broil, 14. April 1944

19. Köln, am Mittwoch 14./4.43.

Mein lieber August!

Heute, nach acht Tagen, ist Dein Brief doch noch bei mir gelandet. Er ist sicher irgendwo unterwegs stecken geblieben. Merkwürdig, er ist garnicht von der Post abgestempelt. Aber woran es auch gelegen hat, die Hauptsache ist: er ist angekommen und hat mir Freude gemacht. In dieser Freude mußte ich Dir gleich antworten.

Die Gedanken, die Du mir da geschrieben, haben mir schon auf manches Antwort gegeben, was ich Dir gestern in meinem Brief andeutete. Wenn Du jetzt auch nur selten auf das eingehen kannst was ich Dir schreibe – wenn die erste Zeit der Ausbildung vorüber ist, hast Du sicher mehr Gelegenheit dazu – so weiß ich doch und habe es auch bei unserem Zusammensein gespürt, daß Du es gut aufnimmst.

In Deinem Brief läßt Du mich wissen, daß Dein Inneres nun anders ist als es vorher war, daß Du erst in Deinem Leben Tiefen durchschreiten mußtest um zu den Höhen zu gelangen. Ich glaube das gilt für jedes Menschenleben, nur daß es bei jedem anders in Erscheininung tritt.

Hier gilt das gleiche wie von der Leidensfähigkeit der Menschen – jeder erhält das Maß, das er zu tragen fähig ist. Bei vielen verläuft das Leben äußerlich gesehen in glatten ruhigen Bahnen, da bestehen die Tiefen im inneren Ringen mit sich selbst und der Macht des Bösen, so wie Du es erfahren mußtest.

Mir ist bis jetzt die eigentliche Härte dieses Ringens erspart geblieben; jedoch schien die Last der äußeren Schwierigkeiten oft über meine Kräfte zu gehen. Immer wurde meinem eigenen Planen etwas entgegengesetzt: das begann schon mit dem Abgang von der Schule, wo ich doch so brennend gern studieren wollte. Dann die Zeit zu Hause, in der ich die ganze Schwere der Verantwortung und der elterlichen Sorge für die Erhaltung der Familie und der Existenz mitgetragen habe. Das hat mich damals ernster und reifer gemacht als es meinem Alter entsprach. Doch heute sehe ich, daß das alles gut so war und gerade das Schwere an mir geformt hat.

Freilich ist das scheinbar Erreichte auch noch nichts Endgültiges. Uns bedrückt oft die Ungewißheit, die über allem liegt. Unser Vertrauen ist noch so klein, müßte uns sonst das Wissen um die weise Ordnung

Gottes, dessen Wege uns über Tiefen hinweg zur Höhe seines Lichtes führen sollen, nicht eine ganz andere, bewußte Sicherheit geben? Ich habe es in diesem Punkt leichter als Du. Der Mann sucht mit seinem Verstand immer nach dem Warum; während die Frau – gemäß ihrem Wesen – die Dinge bereit und fraglos hinnimmt und auch dann noch vertraut, wenn der Mann es längst nicht mehr vermag.

Wir wollen beide unser Bestes dazutun, damit wir über alle Tiefen des Lebens hinweg auf dem rechten Weg bleiben, der uns gemeinsam zur Höhe führen wird.

Du August, es ist Abend geworden und manche Arbeit wartet noch auf mich. Indem ich an Dich schreibe habe ich den Feierabend eigentlich vorweg genommen. Sei herzlich gegrüßt!

Deine Marga.