Marga Ortmann an August Broil, 16. April 1944

20. Am Freitag in der Passionswoche.

Mein lieber August!

Die Kreuze in der Kirche sind verhüllt. Ehe der Herr in sein großes Leiden geht verbirgt er sich vor den Menschen. Im heutigen Evangelium wird uns berichtet: „Sie waren entschlossen, ihn zu töten; darum wandelte Jesus nicht mehr öffentlich unter den Juden, sondern zog sich in eine Gegend zurück, nahe der Wüste.“

Oft mag uns auch in unseren Tagen der Gedanke kommen, der Herr habe sich vor den Menschen zurückgezogen; daß Er sich vor uns verbirgt, weil wir es nicht mehr wagen können in sein strahlendes, leuchtendes Antlitz zu schauen; an seinem von Leid und Schmach gezeichneten Antlitz sind wir so oft achtlos vorübergezogen. Beim Anblick des verhüllten Kreuzes drängte sich mir die Bitte auf: Herr, zeige uns Dein Antlitz wieder und präge seine heiligen Züge tief in unsere Seele ein, auf daß Dein Leid unser Leid, Deine Not unsere Not, Deine Verklärung auch unsere Verklärung werde!

Doch auch im Verborgensein, dann wenn wir seine Nähe nicht mehr spüren, ist er uns nahe. Wie Er sich

während seines Menschenlebens oft von den Menschen zurückgezogen hat, um in der Einsamkeit des Gebetes mit dem Vater allein zu sein, so mag es auch in seinem Leben in der Zeit und der Geschichte geschehen.

Ist nicht gerade die Zeit, in der wir der Passion des Herrn gedenken, besonders dazu angetan, daß auch wir uns einmal vom Getriebe der Menschen lossagen, damit unsere Seele im Alleinsein mit Gott wieder tief Atem holen kann? Dazu bedarf es noch nicht mal der äußeren Absonderung; auch mitten im Geschehen des Tages, in der Erfüllung des Dienstes, bei Dir vielleicht mitten unter vielen, lärmenden Soldaten, ist dieses Alleinsein mit Gott möglich, wenn wir nur innerlich dazu geöffnet und bereit sind. So manche Stunde des Tages, die mir früher unnütz schien – in der Straßenbahn, wenn ich irgendwo warten muß – läßt sich dadurch wertvoll gestalten. Noch sind die Gedanken mit so vielen Dingen beschäftigt, die täglich auf uns einstürmen; doch wir müssen uns darum bemühen, daß Gott Mittelpunkt auch unseres Denkens wird. Vielleicht lernen wir dann auch ein Beten, das wirklich ein Sprechen mit Gott aus dem Innersten heraus ist. August, hoffentlich hast Du Gelegenheit gefunden,

in dem Kreuzweg von Schneider zu lesen, vielmehr zu beten. Mir ist dabei etwas von der ganzen Wucht des Erlöserleidens, als geschehene und sich noch fortwährend vollziehende Tatsache aufgegangen. Das Erkennen der Größe des Herrenleidens, gerade in unserer Zeit, muß einen zutiefst erschüttern.

Heute stellt uns die Kirche im Hinblick auf das Leiden des Herrn das Bild der Mutter mehr dem Kreuz entgegen, der mater dolorosa. Sie, die dem Herzen des Herrn am nächsten stand, hat auch sein Leiden am tiefsten mitempfunden und mitgetragen. In der schwersten Stunde, die je eine Mutter durchlebt, hat der Herr sie uns zur Mutter gegeben. Möge sie mit uns durch diese heiligen Tage gehen und unsere Seele wach und zart machen, um das Leiden des Herrn zu betrachten.

Du August, wir wissen uns eins im Bemühen in diesen ernsten Tagen, jeder an seinem Platz und wollen uns so gemeinsam bereiten für das Osterfest, das erste das wir gemeinsam begehen dürfen.

Möchten doch die Tage der Karwoche rechte Gnadentage werden für uns und unsere Gemeinsamkeit.

Das Heil des Herrn sei mit Dir.

Deine Marga.