Marga Ortmann an August Broil, 18. April 1944

21. Köln, am Palmsonntag 1943.

Mein lieber August!

Es ist noch sehr früh. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen und die Menschen ruhen noch vom Werk der Woche. Es ist noch ganz stille, nur die Vögel draußen singen schon ihr vielstimmiges Loblied auf den Schöpfer. In der Frühe dieses Sonntags will ich in diesem Brief zu Dir kommen. Palmsonntag. Der Herr hält Einzug in Jerusalem und die Menschen jubeln ihm zu: Hosanna in der Höhe! Schweigend nimmt der Herr die Huldigung entgegen, er freut sich über den herzlichen Empfang, den sie ihm bereiten. Er bleibt mitten unter ihnen und zieht sich nicht mehr zurück, wie damals als sie ihn zum König machen wollten. Durch allen Jubel und Triumph hindurch sieht er die gleichen Menschen einige später inmitten der Masse ihm das: Kreuzige ihn! zurufen. Er, der in die Herzen der Menschen schaut, weiß wie wechselhaft die Gunst des Volkes ist und er sieht in diesem jubelnden Einzug in die Stadt schon den Beginn seines Kreuzweges. Mit welch liebendem Blick wird

er all die Menschen am Wege umfangen haben, alle, ob sie nun Hosanna oder Kreuzige ihn riefen. Geht der Herr nicht durch jedes Menschenleben den gleichen Weg? Wie oft haben wir ihm in guter Stunde in Wort und Werk unser Hosanna zugerufen und doch nachher, wenn die Stunde der Bewährung kam, versagt und nicht die Kraft gefunden auch das Kreuz mit ihm zu tragen. Und dennoch – mit der gleichen Liebe wie einst die Menschen von Jerusalem umfängt er auch uns, gerade durch das was wir ihm antun will er uns erlösen.

Die Kirche stellt uns die erhabene Erlöserliebe des Herrn heute in dem Bericht der Leidensgeschichte vor Augen. Das geschieht vier mal während der Karwoche, gleichsam als ob die Worte eines Evangelisten nicht ausreichten, um all das zu berichten.

Du, August, der heutige Tag soll ein recht stiller, innerlicher Tag werden, an dem wir uns bereiten für das was uns die Karwoche bringen wird. Den Verzicht auf die Freude des Zusammenseins wollen wir freudig dem Herrn schenken. Indem sich jeder von uns für die kommenden Tage zu bereiten sucht, wissen wir uns auch so heute vereint.

Eben komme ich aus dem Dom zurück. Die Teilnahme an der Liturgie des heutigen Tages hat mir ein tiefes Erleben geschenkt. Zuerst der ganze Jubel der Kirche: Hochgelobt sei der da kommt im Namen des Herrn! Mit ganzem Herzen war ich dabei; haben wir nicht allen Grund den Herrn zu loben und zu preisen? Wie einst die Menschen von Jerusalem mit Palmen und Ölzweigen dem Herrn entgegengegangen sind, so segnet heute die Kirche die grünen Zweige, Zeichen des Sieges und Sinnbild neuen Lebens, zieht damit vom Portal der Kirche zum Altar, Christus entgegen. In der Feier des hl. Opfers verstummt aber der frohe Jubel vor dem Ernst, mit dem uns die Leidensgeschichte des Herrn verkündet wird. Dieser Ernst, der aus einem wirklichen Mit-Leiden mit dem Herrn kommt, soll uns durch die kommenden Tage geleiten, die das große Geschehen unserer Erlösung wieder Wirklichkeit werden lassen.

Gestern kam Dein Brief zu mir, in dem Du so gute Worte zu mir sprichst. Daß wir uns durch unsere Briefe jetzt in der Zeit der Trennung so recht klar erkennen lernen, als der Mensch der jeder von uns wirklich ist, mit seinen Höhen und Tiefen, ja, das ist unser gemeinsamer Wunsch und Bemühen. Jedes

Wort, das wir uns sagen, soll von diesem Bemühen getragen sein und von dem unbedingten Willen zur Wahrheit. Durch das Wort, das gesprochene und geschriebene erfahren wir ja unser Sein und daß wir es so erfahren wie es wirklich ist, darin liegt die ungeheure Verantwortung, die jedes Wort ein Wagnis sein läßt. Aber wir haben ja den Willen uns ganz offen, ohne alle Beschönigung und Vortäuschung einander gegenüberzutreten und so nehmen wir das Wagnis des Wortes auf uns. Jedesmal wenn ich einen Brief an Dich noch mal lese, stelle ich mir die Frage, ob ich hinter allem was ich Dir geschrieben auch mit meinem ganzen Sein stehen kann und wenn ich es aus ehrlichem Herzen bejahen kann, geht er auf die Reise zu Dir. Ich möchte ja, daß Du mich so siehst wie ich bin und es wäre mir lieber daß Du niedriger von mir denkst als es meiner Wirklichkeit entspricht, als höher. Diese Gedanken will ich Dir noch in diesem Sonntagsbrief sagen, den ich eigentlich Gertrud mitgeben wollte, doch er ist heute früh nicht fertig geworden.

Daß Dir die kommenden Tage recht viel Gnade bringen mögen, das ist heute mein Wunsch und mein Gebet für Dich.

Deine Marga.