Marga Ortmann an August Broil, 19. April 1944
22. Montag in der Karwoche.
Mein lieber August!
Es war wirklich ein stiller, guter Tag gestern, der Palmsonntag, wenn auch anders als ich es mir gedacht habe. Der Morgen war nach gemeinsamem Frühstück der Familie und einiger Ostervorbereitungen bald vorüber. Am Mittag frug Therese an, ob ich mit ihr nach Nußbaum fahren wolle. Dann sind wir zusammen in das blühende Land hinaus und ich war froh dadurch Gelegenheit zu haben mit Therese zu sprechen, die Spannungen zwischen uns auszugleichen, die in letzter Zeit fast unerträglich wurden. Es ist ihr wohl schwer, daß ich das Vertrauen, das sie mir schenkt, nicht im gleichen Maße erwidern kann und mich besonders in den letzten Wochen von allem etwas zurückgezogen habe. Da tat ein offenes Wort einmal not. So war das Zusammensein mit Therese auch österliche Bereitung, denn wie könnte im Bewußtsein daß ein Mensch etwas gegen mich hat, der Friede und die Freude des auferstandenen Herrn ungetrübt in mir sein. Die Stille in Wald und Feld und die wärmende Kraft der Sonne taten Leib und
Seele so wohl. Ganz durchsonnt und voll Freude über all das Schöne, das wir draußen gesehen, fuhren wir abends früh zurück.
Um ½ 8 hielten wir in der Krypta eine Passionsstunde. In kleinem Kreis standen wir um das Kreuz. Kapl. A. sprach zu uns über die Bedeutung des Leidens Christi im Leben des Christen: Wir können versuchen dem Leiden des Herrn in der Betrachtung näher zu kommen, doch die lebendige Beziehung dazu erreichen wir nur, wenn wir unser Leid, das persönliche und das allgemeine, mit dem Leiden des Herrn vereinen. Im rechten Geiste getragen kann so das Leben jedes Christen in gewissem Sinne Leben Christi werden, unser Weg Kreuzweg des Herrn.
In den Worten des Dichters, (G. Thurmair) der ja in besonderer Weise die Dinge des Lebens und auch des Lebens Christi zu erfahren und auszudrücken vermag, erkannten wir die ganze Größe des Geschehens, das wir in den Tagen dieser Karwoche wieder erleben werden. Ich hatte die Lesung des Kreuzweges übernommen, den die Frau des Dichters der Kölner Jugend nach dem 31. Mai 42 geschenkt hat. Die Verse sind aus der Tiefe fraulichen und dichterischen Empfindens heraus geformt. Im Wechsel der Gedichte, der gemeinsamen Lieder und getragener Flöten- u. Klampfenmusik war der Aufbau der Stunde sehr gut. Auch der
äußere Rahmen, die Gemeinschaft im Halbdunkel der Krypta, in der nur das Kreuz schwach beleuchtet war, trug dazu bei, daß diese Stunde alle stark beeindruckte und eine gute Einführung in die Karwoche gab. Auf dem Heimweg kamen wir über die Hohestraße. Wie gerne möchte man den Menschen, die in den Vergnügungen der Großstadt alle Not und Schwere der Zeit zu vergessen suchen, das Wissen um den hohen Wert des Leides mitteilen und die Kraftquelle zeigen, aus der es getragen und überwunden werden kann. Wenn all das furchtbare Leid, das heute die Menschheit bedrück, aus jener Haltung getragen würde, die diese Stunde wieder in uns wachgerufen hat, wieviel Segen könnte daraus für den Einzelnen und die Gemeinschaft erstehen. So aber bleibt die erlösende Kraft des Leides unbenutzt, weil für die meisten die Quelle dazu im Toben des Hasses, der Sünde, der Materie u. des Krieges zugeschüttet wurde. Das Leid wird nicht mehr von den Menschen getragen, sondern es zerbricht sie – manche sind zu beidem nicht mehr fähig. Könnten wir doch allen die verlorengehende Kraft wieder zuwenden, die Quelle freilegen im Glauben an den, der unschuldig alles Leid getragen hat, während wir durch unsere Schuld ein größeres Maß verdienen als uns gegeben ist.
Es könnte aber möglich sein, daß der Herr auch jenen
die erlösende Kraft des Leidens Christi zuwendet, die unter ihrem Leid zu zerbrechen scheinen, daß er sie gerade dadurch zu sich heimholen will. Dann freilich ist eine Zeit wie die unsrige, die so unendlich viel Leid über die Menschen bringt, eine Gnadenstunde der Welt.
Du August, inmitten der Not unserer Zeit wird uns in unserer Gemeinsamkeit so reine, tiefe Freude geschenkt. Diese Freude sei uns heilige Verpflichtung. Wir wollen in den Tagen, da wir des Herrenleidens gedenken, ganz bewußt und stellvertretend für die Menschen um uns her, die Not und das Leid unserer Zeit vor dem Herrn tragen und darum bitten, daß daraus für uns und alle die Kraft zu einem heiligen Neuwerden erwachse.
Von Herzen grüße ich Dich
Deine Marga