Marga Ortmann an August Broil, 22. April 1944
23. Köln, Gründonnerstag 1943.
Mein lieber August!
In den Ernst der heiligen Woche hinein leuchtet heute das frohe Weiß, das der Priester trägt, und es erklingt wieder das Gloria zum Zeichen der Freude. Die Kirche gedenkt heute des erhabenen Geschehens im Abendmahlssaale, mit dem der Herr sein Wort verwirklicht hat: Seht, ich bin bei euch bis ans Ende der Tage.
Wieviel Segen und Gnade ist seit jener ersten Tischgemeinschaft mit dem Herrn auf die Menschen gekommen, da die Apostel seinen Auftrag erfüllten und die Kirche es heute noch tut: Tuet dies zu meinem Gedächtnis. Täglich bietet sich der Herr uns dar in der Eucharistie, daß Sein göttliches Leben in uns immer mehr wachse und unser kleines, menschliches Sein durchdrungen, geformt und über die eigene Grenze hinausgehoben wird. Unseren Dank für dieses Gnadengeschenk Seiner Liebe leben wir heute in den Jubel des Gloria hinein.
Dann aber verstummt Orgel und Schelle, denn zur gleichen Stunde, da die Liebe das Höchste ersann, ward die Tiefe menschlicher Schuld offenbar; schon brannte
der Verrat im Herzen des Judas. Dann sehen wir den Herrn in den Qualen der Ölbergstunde. Die Schuld der ganzen Welt, aller Völker und Zeiten drückt ihn zu Boden. Ob diese geistige Not für den Herrn nicht schwerer zu tragen war als alles körperliche Leid? Von allen ist er verlassen; selbst seine liebsten Jünger lassen ihn allein in seiner Not, sie schlafen. Er aber ringt im Gebet mit dem Vater: Wenn es möglich ist gehe dieser Kelch an mir vorüber! Muß sich nicht alles in ihm aufbäumen gegen diese ungeheure Last? Doch er spricht mit göttlicher Ergebung: Vater nicht mein, sondern dein Wille geschehe!
Wenn wir darüber betrachtend nachsinnen, erahnen wir etwas von dem, was sich in dieser Stunde in der Seele des Herrn abgespielt haben muß. Menschliche Wort vermögen es nicht auszudrücken.
Mehr als aller Haß seiner Feinde muß den Herrn der Verrat des Judas betrübt haben. „Judas, mit einem Kusse verrätst du mich?“ Der Ausdruck und das Zeichen der Liebe wird entweiht und zum schändlichsten Werk mißbraucht, das je ein Mensch begangen, zum Verrat an Gott. Es ist der Triumph Satans auch in unserer Zeit, daß gerade die höchsten und heiligsten
Dinge durch die Schuld menschlicher Verirrung mißbraucht, verzerrt und ihres Glanzes beraubt werden. Doch der Sieg des Herrn wird Satans Triumpf zunichte machen und wir werden am ewigen Triumpf des Herrn Anteil haben.
Morgen, am Karfreitag wird dieser Brief zu Dir kommen, dann werde ich wieder die ergreifende Feier des Kreuzestodes unseres Herrn im Dom miterleben dürfen. Du bist wie jeden Tag in den Dienst der Soldaten einbezogen und dennoch werden Deine Gedanken dem Herrn in sein Leiden folgen. Der Karsamstag atmet dann die Stille des vollbrachten Geschehens und die Vorfreude auf das österliche Geschehen, das wir hoffentlich in der Freude der Gemeinsamkeit begehen dürfen.
Die Bereitung des österlichen Festes hat manche Arbeit gebracht, doch die beiden letzten Tage sollen dann ganz der inneren Bereitung dienen. –
Die Kastanien draußen haben schon ihre Kerzen aufgesteckt und warten darauf, daß die Sonne ihr Licht entzündet. Möge das neue Licht österlichen Lebens unsere Seele bereit finden und mit seinem Glanz erfüllen!
In der Freude auf das kommende Fest grüße ich Dich herzlich
Deine Marga.
Und ich hörte ein Stimme aus der Nacht, die war groß wie der Atem der Welt und rief: „Wer will die Krone des Heilands tragen?“ Und meine Liebe sprach: „Herr, ich will sie tragen.“
Und ich trug die Krone in meinen Händen, und mein Blut floß an dem schwarzen Dorn nieder über meine Finger.
Aber die Stimme rief zum andren Male:
„Du mußt die Krone auf dem Haupt tragen“.
Und meine Liebe antwortete: „Ja, ich will sie tragen.“ Und ich hob die Krone auf meine Stirn, da brach ein Licht an ihr auf, das war weiß wie das Wasser in den Bergen.
Und die Stimme rief: „Siehe, der schwarze Dorn ist erblüht!“
Und das Licht rann von meinem Scheitel und ward breit wie ein Strom und zog an meinen Füßen.
Und ich rief mit großem Erschrecken: „Herr, wohin willst Du, daß ich die Krone trage?“
Und die Stimme antwortete: „Du sollst sie ins ewige Leben tragen.“
Da sprach ich: „Herr, es ist eine Krone von Leid, laß mich an ihr sterben!“
Aber die Stimme sprach: Weißt Du nicht, daß Leid unsterblich ist? Ich habe das Unendliche verklärt: Christus ist erstanden!“
Da riß mich das Licht hinweg - - -
Gertrud von le Fort in Hymnen a. d. Kirche