Marga Ortmann an August Broil, 27. April 1943
24. Köln, am Osterdienstag 1943.
Mein lieber August!
Heute, da ich wieder hinter meinen Zahlen sitzen muß, scheint die Sonne so schön, als ob sie das nachholen wolle, was sie uns am Osterfest vorenthalten hat. Strahlend blau ist das kleine Fleckchen Himmel, das ich von meinem Kellerfenster aus sehen kann; auch der Sturm scheint sich gestern ausgetobt zu haben, die Blätter an dem Baum vor der Türe bewegen sich kaum. Wenn Du mich so hier sähest würdest Du sicher wieder fragen wie gestern: woran denkst du? Und ich müßte Dir antworten: an Dich und unsere Gemeinsamkeit. Das ist es ja, was mich in letzter Zeit immer so still und nachdenklich sein läßt. Heute aber ganz besonders, denn die gemeinsamen Stunden mit Dir in diesen Ostertagen lassen sich in Gedanken noch einmal nacherleben und das war das Gespräch noch offen ließ, weiterführen. Es ist dann so als ob wir miteinander erzählten, nur daß ich Dir in Gedanken viel mehr sagen kann als in Wirklichkeit. Deshalb ist mir das Alleinsein im Büro so lieb, doch oft mache ich mir Vorwürfe, daß ich über meinen Gedanken die Arbeit vernachlässige. Dann muß ich abends halt etwas länger bleiben.
Während ich nun in diesem Brief wieder zu Dir komme, bist Du unterwegs auf dem großen Marsch, der Dir bei dem schönen Wetter und dem Schauen all der schönen Dinge in der Natur gewiß Freude macht. Vielleicht geht dann auch ein Gedanke von Dir zurück in die gestrigen Stunden und damit zu mir. Du, August, ich glaube Du kannst das alles garnicht so tief erleben wie ich, sonst müßte es Dich doch viel froher machen und das Schwere, von dem Du sagtest daß es aus Deinem früheren Leben noch in das Heute übergreift, könnte Dich nicht so bedrücken. Ich möchte es so gerne von Dir nehmen; vielleicht wäre es Dir schon leichter, wenn Du einmal davon gesprochen hättest und ich habe am Sonntagabend auch gespürt, wie gerne Du es getan hättest und es doch nicht konntest. Wir müssen beide Geduld haben, bis sich in Dir das alles einmal gelöst hat und Du aus der Kraft und Fülle des Heute das Gestern überwunden hast. Dazu will ich Dir ja helfen. (Liegt nicht etwas Hochmut darin, wenn Du sagst, man dürfe sich nicht immer helfen lassen). Als Du mich gestern nach meinen Gedanken gefragt, stellte ich mir selbst die Frage, ob ich Dir wirklich das bin und sein kann, was ich Dir nach dem Willen Gottes sein soll und von mir aus so gerne sein möchte. Eine endgültige Antwort darauf kann uns vielleicht erst ein gemeinsames Leben geben.
Aber mich darum bemühen und vor allem recht darum beten, das will ich tun. Es war wohl nötig, daß die Kraft meines Herzens bisher noch unangetastet blieb und erst durch die Begegnung mit Dir zur Entfaltung kam. So kann ich sie Dir uneingeschränkt in vollem Maße zuwenden. Du weißt daß das geschieht und auch daß die Sorge um Dich mich ständig begleitet. Aber all meine Sorge will ich hineinlegen in die Vatersorge Gottes und so münden alle meine Gedanken um Dich ein in vertrauendes Beten zu Ihm. Selbst wenn ich Dir sonst einmal nicht helfen kann, wenn Du trotz unserer Gemeinsamkeit einmal schwere, einsame Stunden hast – auch dann noch kann ich Dir helfen, indem ich Dir durch mein Gebet die Hilfe des Herrn erflehe.
Mein lieber August, nun haben wir zum ersten Mal Ostern gemeinsam gefeiert. Du meintest, wir hätten es noch anders gestalten sollen. Gewiß hätte sich unser gefühlsmäßiges Erleben durch eine würdige, äußere Gestaltung steigern lassen – wir sind im Grunde ja noch so abhängig von den äußeren Dingen. Doch die Gnade des Herrn hat auch in der schlichten Meßfeier den Weg zu unserem Herzen gefunden, denn wir haben uns ihr ja geöffnet. Die größte Festfreude war mir die gemeinsame Vereinigung mit dem Herrn im österlichen Sakrament. Die stillen Stunden herzlichen Einander-
Zugetanseins, in die nur das Auge Gottes und die Stimmen der Natur hineindrangen, sie waren doch so schön trotz der leisen Wehmut, die darüber lag.
Wir Menschen suchen alle das Glück in der Freude und vergessen darüber, daß der Weg dazu meist über das Leid führt. Als ich die Gedanken aus den Hymnen an die Kirche las, habe ich die Freude des Osterjubels darin vermißt. Und doch weisen diese Worte gerade uns heute mit seherischer Klarheit den Weg zur Freude und zum Frieden des Osterfestes.
Möge diesem ersten Osterfest unserer Gemeinsamkeit noch manches Fest und manche Stunde folgen, das wir in gleicher innerer Ausrichtung miteinander gestalten können. Jede gemeinsame Stunde, sei sie nun in Freude oder Leid durchlebt, wird uns einander näher bringen, unsere Verbindung stärken und vertiefen.
Im stillfrohen Bewußtsein unserer Verbundenheit grüße ich Dich von Herzen
Deine Marga.
Wir sind miteinander durch den Ostertag gegangen,
haben miteinander gesprochen und geschwiegen,
haben den Herrn in uns aufgenommen
und wollen gemeinsam sein göttliches Leben
in uns wachsen und größer werden lassen.
Das Glück unserer menschlichen Gemeinsamkeit
ward durch die Verbindung mit Gott emporgehoben
über den menschlich-natürlichen Bereich hinaus.
Auch die Menschen um uns möchten wir
die Teilhabe solcher Gnade verkosten lassen.
Sind sie wirklich unerreichbar fern?
Vielleicht für unser menschliches Wort,
das gleich nach dem Erfolg fragt.
Aber der Geist Gottes, der weht wo er will,
er kann sie alle erreichen mit seiner Gnade.
Wenn wir ihm in unseren Herzen eine Heimstatt geben,
läßt er vielleicht unser schwaches Wort Funke sein,
der die Flamme entfacht im Verborgenen.
Oft fühlen wir uns so einsam unter den Menschen,
so fremd ist uns ihr Tun und Denken
wie ihnen das unsere.
Sie sehen in uns den Gast der andern Welt;
müßten sie an uns nicht auch etwas spüren
von der Kraft, dem Glanz, der Tiefe und Freude,
die von jener Welt in diese hineinleuchtet?
Mitten unter ihnen sein im Bewußtsein
der Berufung und Erwählung zum größeren Leben
wollen wir allzeit bereit sein
ihnen das Brot des Lebens zu brechen
im gläubigen Wort, das ihnen die Augen öffnet
für die Schönheit unserer Welt,
zu der es sie immer wieder hindrängt.
Denen aber, die sich dem Wort verschließen,
müssen wir in andrer Sprache Kunde geben:
durch unser Sein, durch unser Leben.
In der Kraft des Geistes Gottes, der in uns lebt,
vermögen wir durch unser bloßes Dasein
um uns einen Tempel zu bauen
in dem der Stumpfeste andächtig,
der Härteste weich wird.
So vermögen wir die Menschen unserer Zeit
heimzuholen in die Vatergüte Gottes
zu österlichem Umkehren und Neuwerden.