Marga Ortmann an August Broil, 29. April 1944

25. Köln, am Donnerstag nach Ostern.

Mein lieber August!

So vieles hatte ich Dir Ostern noch sagen wollen und habe es doch nicht getan. Es hat alles zurück vor dem Glück des Beieinanderseins, das sich am besten in der Stille verkosten läßt, wenn alle Worte schweigen. Da kam mir ein Ahnen, was während dieser Stille wohl in Deiner Seele vor sich ging und ich habe spürt, daß im tiefsten eine große Traurigkeit in Dir war, die auch die Freude des Zusammenseins nicht aufzuheben vermochte. Ich weiß nicht was die Ursache dazu gewesen ist; es scheint mir so, als ob ein leiser Schatten von Wehmut einfach zu Deinem Wesen gehört. Das brauch gar kein Hemmnis zu sein, ein froher, glücklicher Mensch zu werden; Du hast vielleicht deshalb nur besonders viel Sonne nötig.

Und doch – die gemeinsamen Stunden waren gerade so wie sie uns geschenkt wurden schön und gut. Sie klingen noch lange in mir nach in ihrer Freude und auch – diesmal ganz besonders in ihrem Ernst.

Eben habe ich Deinen letzten Brief vom Palmsonntag nochmal gelesen. Er hat mir gezeigt, daß Deine Seele

trotz aller äußeren Schwierigkeiten des Soldatenlebens wach und bereit ist, die Schönheiten der Natur und all das Frohe und Gute in sich aufzunehmen, das uns trotz aller Schwere täglich geschenkt wird. Ich bin so froh darum und wünsche Dir nur, daß Dir der Blick und das Empfinden dafür auch weiterhin erhalten bleibt. Die meisten Menschen um uns sind so kalt und abgestumpft für alles Geschehen und Erleben, sie können nicht verstehen war wir zu empfinden und zu begreifen vermögen. Freilich gräbt sich auch alles Schwere und Drückende, das geistige und körperliche Leid unserer Zeit viel tiefer in uns ein; da mag es Stunden geben, in denen wir die anderen um ihre Sturheit beneiden möchten. Ich leide manchmal darunter, daß mich oft die kleinsten Dinge so stark beeindrucken können, daß ich sie innerlich verarbeiten muß und mich damit auseinandersetzen. Ein flüchtig hingesagter Gedanke, den andere vielleicht ganz überhören können, geht mir manchmal tagelang nach. Doch gerade durch die Fähigkeit des Empfindens wird unser inneres Leben so reich und wir müssen dankbar sein, daß uns der Herr die Seele so weit und groß aufgetan hat. – Das Zusammensein mit Lisbeth in Aachen ließ mich darüber nachdenken, wie wunderbar Gott die Menschen in seinen Schöpfungsplan einbezogen hat. Es über-

kommt mich immer eine ehrfürchtige, fast andächtige Scheu, wenn ich einer Mutter begegne, die ein Kindlein unter ihrem Herzen trägt. Etwas von der Größe der Schöpfermacht Gottes beginnt man da zu spüren, es ist mir manchmal wie beim Eintritt in die Kirche, daß es mich in die Knie zwingen möchte.

Mein lieber August, es drängt mich dazu Dir irgendwie Freude zu machen. Dazu habe ich den Osterbrief für Dich erdacht und in den Wochen der Fastenzeit etwas „zusätzliche Nahrung“ erspart. Dir Freude zu machen ist mir Freude. Ich glaube daß es Dir wohl ebenso ergeht, Du darfst aber nicht traurig sein, wenn Du jetzt wenig Gelegenheit dazu hast. Mit den Bildern hast Du mir eine ganz große Freude gemacht und Du weißt auch wie ich jeden Brief der von Dir kommt aufnehme. Jeder kann ja nur das tun was ihm möglich ist in dieser Zeit; eine andere Zeit wird auch wieder andere Möglichkeiten bringen.

Heute bist Du sicher vor dem großen Marsch zurückgekommen. Hoffentlich hast Du ihn gut überstanden. Um das Körperliche mache ich mir eigentlich zu wenig Sorge, sowohl bei Dir wie auch bei mir. Gestern abend mußte ich mal wieder einen Denkzettel dafür bekommen. Ich hatte auf der Aachenerstr. zu tun und auch bei Lore. Da bin ich plötzlich zusammengeklappt und dabei mit dem Kopf auf den Spül-

stein aufgeschlagen. Das hat eine nette Beule und ein blaues Auge gegeben. Du müßtest mich sehen wie ich aussehe. Ja es ist nun mal so, der Geist ist zwar willig aber … Körper und Geist liegen ständig im Widerstreit miteinander und wenn es weiter nichts ist als daß der Körper die Kraft nicht aufbringt, die ihm der Geist zumutet. Wir müssen versuchen beides in die rechte Ordnung zueinander zu bringen und beides in den eigentlichen Sinn unseres Lebens einzubauen, zur Verherrlichung Gottes. Wir neigen leicht dazu das Geistige überzubetonen, im Gegensatz zur allgemeinen Leibvergattung[?] unserer Zeit. Wir Menschen als Leib-Geist-Wesen müssen aber beiden Polen den Platz in unserem Leben einräumen, der ihrem Wert nach dem Willen Gottes entspricht. Die Harmonie zwischen Seele und Leib ist durch die Sünde zerstört worden und wir müssen sie uns mühsam wieder erkämpfen. Aus der Freiheit der Kinder Gottes, die sich ihren Leib untertan gemacht haben, die beherrscht sind vom Hl. Geiste der Liebe und des Opfers, stellen wir alle Triebe und Kräfte in den Dienst, in den Willen des Allerhöchsten.

Du, August, in der Liebe und Freude, mit der meine Gedanken immer zu Dir gehen grüße ich Dich

Deine Marga.